• Was fehlte – Ein Rückblick auf das Jahr 2018

    Januar 29th, 2019
    Rheingau

    Das vergangene Jahr war nicht sonderlich ereignisreich, zeichnete sich vor allem durch Lücken aus. Die größte Lücke hinterließen meine Eltern, die 2017 binnen Monatsfrist gestorben sind. Gelegentlich ertappte ich mich sonntags, unserem Telefontag, bei dem Gedanken, sie jetzt mal anrufen zu müssen. Das Erscheinen meines Buches „Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschlangen“ haben sie nicht mehr erlebt. Ich habe schon vielfach darüber gesprochen und geschrieben. Nicht darüber geschrieben haben jedoch andere. Keine einzige Rezension ist erschienen, trotz der wunderbaren und durchaus auch namhaften Autorinnen und Autoren, die mit tollen Texten in diesem Band versammelt sind. Da half auch kein Interview bei HR2 oder ein Kurzauftritt in der ARD Vormittagsshow „Live nach Neun“. Einzig das literarische Online-Magazin Glanz & Elend erwähnte das Buch. Sonst blieb aus, was ich mir erwartet hatte. Das fehlte und, ich gebe es gerne zu, schmerzte und enttäuschte auch. Dazu gehörte auch das Ausbleiben der Antwort einer Berliner Buchhändlerin, die mir eine Lesung aus dem Warten-Buch zugesagt hatte, sich dann aber nicht mehr meldete. Dasselbe gilt für eine Kölner Buchhändlerin.

    Überhaupt fehlten viele Antworten. Mails scheinen das Medium zu sein, dass am ehesten ignoriert wird, und zwar mit großem Selbstverständnis und ohne jedes schlechte Gewissen. Wieso richten sich Menschen und Unternehmen Mailaccounts ein, wenn sie diese als Mülleimer verstehen? Vielleicht sollten wir wieder Postkarten schreiben, wie das eine gute Freundin mit großer Leidenschaft regelmäßig tut. Der Kreis der Empfänger ist groß und alle schreiben zurück.

    So hat etwa die Inhaberin einer kleinen Brauerei, die wir im Rahmen der „Tour de Bier“ besuchten, auf den Hinweis unserer geschriebenen Mail frei heraus geantwortet, diese habe sie ignoriert. Das würde sie bei Mails immer so machen. Aber man habe halt so eine Mailadresse, weil man sie ja doch irgendwie bräuchte. Für was, habe ich mich gefragt. Auch andere Brauereien fanden keine fünf Minuten Zeit, um unseren Fragebogen auszufüllen. Sie scheinen keinen Wert darauf zu legen von uns kostenlos beworben zu werden. Es fehlten also auch größere Fortschritte bei der Tour de Bier.

    Der Goetheturm, 2017 abgefackelt.

    Auch die Stadt Frankfurt wurde ärmer. So fehlt der Goetheturm, 2017 abgefackelt von einem oder mehreren Brandstiftern, die einige berühmte und beliebte Holzgebäude in Frankfurt plattmachten. Was für kranke Gehirne sind da unterwegs? Der Goetheturm war sicherlich das symbolträchtigste Gebäude, das in den letzten Jahren Opfer wurde von Verbrechern. Für mich, und für viele Frankfurter, ein Ort an dem Kindheiterinnerungen hängen. Die Spaziergänge im Stadtwald, der Spielplatz nebenan, und die Goetheruh, der Ort für Apfelstrudel und Kakao zum Abschluss des Sonntagsausflugs. Und immer das Gefühl, nach hause zu kommen, wenn bei der Anfahrt auf Frankfurt der Turm auftauchte und sich stolz über die Wipfel des Stadtwaldes erhob. Für mich war er der wichtigste aller Frankfurter Türme, das wahre Wahrzeichen der Stadt. Noch heute habe ich den charakteristischen Geruch nach Harz und Holz in der Nase, den der Turm verströmte. Er bleibt das Einzige, was von dem Symbol im Wald in mir weiterlebt, denn auch der geplante Neubau kann nicht mehr werden, als ein Erinnerungsort an den, für immer verlorenen, Goetheturm. Nur eine neue Generation kann den neuen Turm zu einer eigenen Erinnerung machen.

    Des weiteren fehlte im letzten Jahr ein Besuch in der Apfelweingaststätte „Zu den drei Steubern“ in Sachsenhausen. Die Zukunft dieses wohl traditionellsten aller Apfelweinlokale ist unsicher. Der Wirt geht schnellen Schritts auf die Neunzig zu. Bis heute steht er an jedem der Öffnungstage in seinem Lokal hinter dem Tresen, schenkt Apfelwein aus, den er schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst keltert, oder serviert den Handkäs, der eingelegt in einer Schublade am Tresen reift. Wie lange kann er das noch machen? Und was passiert, wenn er es nicht mehr machen kann?

    Es gab durchaus einige Radtouren mit der wunderbaren M. im letzten Jahr, aber es hätten noch mehr sein können. Dasselbe gilt für Wanderungen im schönen Rheingau. Es hätten immer mehr sein können. Und Urlaub fehlte, wie in den Jahren davor auch schon. Mehr als zwei lange Wochenenden in Berlin und einem kleinen Ausflug nach Stuttgart war nicht drin. Sehr schade, dass ich einen lange geplanten Trip nach Paris absagen musste. Daher sind diese kleinen Tagesfluchten mit dem Rad oder zu Fuß so wichtig.

    Auch Konzerte kamen mal wieder viel zu kurz im letzten Jahr. Es gab immer irgendeinen Grund, weshalb ich verhindert war. Immerhin habe ich My Brightest Diamond im Berliner Frannz Club gehört und gesehen. Und das war vielleicht das Wichtigste.

    Möge 2019 weniger lückenhaft werden.

  • Zu Fuß gehen

    November 14th, 2018

    davMein Verkehrsmittel ist das Fahrrad. In der Stadt ist es allen anderen Fahrzeugen überlegen. Es ist schnell, leise, preiswert und hält fit. Einen Stellplatz wird man in der Regel finden, auch wenn man gelegentlich etwas suchen muss. Kurz: Radfahren ist sozial und ökologisch verträglicher Individualverkehr in Reinkultur, ganz im Gegensatz zum Autofahren. Um so unbegreiflicher ist es, dass Städte immer noch viel zu wenig unternehmen, um das Radfahren in der Stadt attraktiver und sicherer zu machen. Aber immerhin sind einige zaghafte Versuche in diese Richtung zu bemerken, wenn sie auch bei Weitem nicht ausreichen. Diese unbefriedigende Situation sorgt dafür, dass Fahrradfahren in der Stadt eines nicht ist: entspannend. Im Gegenteil, Radfahrer sind in jeder Situation gefordert, den Überblick zu behalten. Kleine Unachtsamkeiten können schwerwiegende Folgen haben, bis hin zum Tod. Durch die Natur zu radeln ist hingegen ein Vergnügen sondergleichen.

    Von meiner Wohnung bis zur Nationalbibliothek, die ich regelmäßig aufsuche, brauche ich mit dem Rad ungefähr 13 Minuten. Das ist keine Entfernung, und doch bereitet mir diese kurze Strecke kein Vergnügen. Es geht, zumindest auf dem Hinweg, permanent leicht aber spürbar bergauf. Ich muss mich also ein wenig anstrengen. Und ich bin gefordert, auf den Verkehr zu achten. Wenn ich dann, nach zugegeben kurzer Fahrt, mein Ziel erreiche, bin ich, vor allem im Sommer, verschwitzt und nicht entspannt. An einigen dieser Bibliothekstage arbeite ich abends in einer Kneipe bei mir um die Ecke. Die erreiche ich von der Bibliothek aus mit dem Rad in zehn Minuten. Das ist mir eindeutig zu schnell, um zwischen diesen unterschiedlichen Welten zu pendeln. Da brauche ich einen Puffer. Gelegentlich bin ich so früh losgefahren, dass ich vor meiner Schicht noch ein paar Minuten durch die Gegend schlendern konnte. Das schuf dann wenigstens ein bißchen Distanz.

    dav
    Herbstlicher Günthersburgpark

    Ich bin schon immer viel zu Fuß gegangen. Der donnerstägliche Gang zum Markt auf der Konstablerwache und auch wieder zurück, ist mir zu einem liebenswerten Ritual geworden, auf das ich nicht verzichten möchte. Samstags wiederhole ich das meistens auch. Fremde Städte erkunde ich bevorzugt per Pedes, ich habe kein Problem damit, stundenlang durch die Straßen zu ziehen und soviel Eindrücke wie möglich zu sammeln. Seit ich das Zufußgehen jedoch in meinen Alltag integriert habe, erreiche ich meinem Arbeitsplatz wesentlich entspannter. Auf dem Weg gehen mir irgendwelche Gedanken durch den Kopf und ich sehe Details, die mir auf dem Rad entgehen würden. Ich muss nicht ständig auf Autos achten oder Fußgänger, die gedankenlos Radwege kreuzen.

    Statt dessen kann ich mich an herbstlich bunten Bäumen im Günthersburgpark erfreuen und den freundlichen Hund in der Nordendstraße begrüßen. Dort komme ich dann auch an dem legendären Lokal Größenwahn vorbei, dass seit beinahe vierzig Jahren die Frankfurter Gastronomie bereichert.dig

    Nach stundenlangem Sitzen in der trockenen Luft der Bibliothek ist der Heimweg zu Fuß eine reine Wohltat. Zumal ich zwischen verschiedenen Wegen wählen kann. Ich gehe niemals den selben Weg zurück, den ich auch auf dem Hinweg genutzt habe.

    Es bedurfte der Lektüre des empfehlenswerten kleinen Buches von Erling Kagge Gehen. Weiter gehen. Eine Anleitung, das 2018 im Insel Verlag erschienen ist. Der Autor berichtet u.a., wie er jeden Tag in Oslo zu Fuß zur Arbeit in seinen Verlag geht und was dieser morgendliche Gang für ihn bedeutet. Das hat mich überzeugt, es ihm gleich zu tun. Keine Ahnung, weshalb ich nicht von selbst auf diese Idee gekommen bin.

    Aber jetzt ist es so und es ist gut so.

  • 27. September oder Vom Warten

    Oktober 31st, 2018

    cover

    Bis zum Jahr 2017 war der 27. September ein ganz normaler Wochentag für mich, ohne besondere Bedeutung. Ein Tag wie ihn Thomas Brasch in seinem berühmten Gedicht Der schöne 27. September besingt, ereignis- und belanglos. Das änderte sich, als an diesem Tag im Jahr 2017 meine Mutter starb, genau einen Monat nachdem mein Vater gestorben war. Beide wurden 91 Jahre alt. Ich hatte ihnen noch von meinem Buchprojekt erzählt, an dem ich in diesem Jahr bereits arbeitete. Ob sie allerdings verstanden haben, was ich mit dem Buch unter dem Arbeitstitel Vom Warten, beabsichtigte, bezweifle ich. Gesehen haben sie das Ergebnis nicht mehr, denn das hielt ich erst ein Jahr später in der Hand, am 27. September 2018. Ich neige nicht zu Zahlenmystik und bin mir sicher, dass es zwischen dem Tod meiner Mutter und dem Erscheinen des Buches keinerlei Zusammenhang gibt. Gleichwohl gefällt mir diese zufällige Übereinstimmung.

    Es ist immer ein ganz besonderes Gefühl erstmals ein Buch in der Hand zu halten, an dem man etliche Monate gearbeitet hat. Es endlich aus der Umhüllung befreit, aufschlägt und den einzigartigen Geruch einsaugt, den nur Bücher verströmen. Und dann befriedigt feststellt, dass es ein schön gestaltetes Buch geworden ist, etwas, mit dem man sich wohlfühlt und das man gerne vorzeigen mag. Bücher berühren alle Sinne, noch bevor man ein einziges Wort gelesen hat. Es ist nicht das erste Buch, das ich nach eigenen Ideen herausgegeben habe, und dennoch ist es etwas ganz Besonderes.

    Im Jahr 2014 erschien Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten, das ich zusammen mit Jürgen Roth gemacht habe, oder besser, er mit mir, denn er hatte am meisten dazu beigetragen. Zwei Jahre später folgte dann SÜSS SAUER PUR – Unterwegs in der Frankfurter Apfelweinkultur, ein Gemeinschaftsprojekt mit Andrea Diener. Die Arbeit an beiden Büchern hat sehr viel Spaß gemacht und war äußerst lehrreich für mich. Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschlangen ist nun das erste Buch, das ich alleine verantworte. Von der Idee bis zum Erscheinen sind etwa zweieinhalb Jahre vergangen. Eine Zeit, in der es einige Hürden zu überwinden galt. Ich musste den Verleger überzeugen und, als das gelungen war, Autorinnen und Autoren für eine Mitwirkung gewinnen. Das lief erstaunlich gut. Es gab natürlich einige Absagen, aber die meisten waren sofort von der Idee angetan und sagten einen Beitrag zu. Als die Deadline nahte, musste ich gelegentlich bei manchen sanft die Peitsche schwingen und die Abgabe anmahnen. Irgendwann hatten alle geliefert und ich war begeistert von der Qualität der Texte. Und so kam ein sehr abwechslungsreiches und unterhaltsames Buch heraus, das das alltägliche Phänomen Warten aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Nichts hätte mich weniger interessiert als etwa ein Buch mit Gedichten vom Warten. Allerdings bedaure ich, dass kein Gedicht enthalten ist. Amateure, Zeitungsmenschen, Literatinnen und Literaten, Satiriker, Verleger und Geisteswissenschaftler sind zwischen diesen Buchdeckeln versammelt, und, wie ich hörte, fühlen sich dort und in dem Umfeld wohl.

    Am 5. Oktober 2018 wurde Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschleifen in der Frankfurter Buchhandlung Buch & Wein vorgestellt. Die verfügt über einen schönen Raum im Hof, der etwa 50 – 60 Leute fasst. Es wird Wein ausgeschenkt und Kleinigkeiten zu Essen gibt es auch. Der ideale Ort für eine Buchvorstellung. Die Werbung lief hauptsächlich über Facebook & Co. Außerdem wurden einige Plakate geklebt.

    Die Lesung sollte um 20 Uhr beginnen und pünktlich war der Raum voll. Einige mussten stehen. Neben mir am Lesungstisch saßen Andrea Diener von der FAZ, Katja Thorwath von der Frankfurter Rundschau sowie der Autor, Schauspieler und Kabarettist, Philipp Mosetter. Alle vier hatten auch schon bei den Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten  mitgewirkt. Andrea, Katja und ich bestritten die erste Hälfte und die zweite gehörte Philipp Mosetter. Eine Zugabe hatten wir nicht eingeplant, sie wurde aber wunderbarerweise gefordert. Moppel Wehnemann erklärte sich spontan bereit und las ihren Text, ohne das vorher geübt zu haben. Während der Lesung wurden in Dauerschleife die Fotos von Georg Dörr an die Leinwand projiziert. Sie sind auch teilweise im Buch zu sehen. Am Schluss war der Raum noch immer gefüllt, es gab Beifall, und der Büchertisch wurde belagert. Nicht nur Vom Warten wurde gekauft, sondern auch die Bücher von Andrea Diener und Philipp Mosetter. Es war ein sehr schöner und erfolgreicher Abend, der bei Wein und guten Gesprächen seinen Abschluss fand. Gegen 1 Uhr baten uns Gabi und Hubert, unsere wunderbaren Gastgeber von Buch und Wein, langsam den Heimweg anzutreten.

    Mit dem Gedicht Der schöne 27. September beendete ich im Oktober 2017 die Trauerrede für meine Mutter.

    Andrea Diener, Philpp Mosetter, Katja Thorwart und ich
    Andrea Diener, Philpp Mosetter, Katja Thorwart und ich
    Andrea Diener
    Andrea Diener
    Philipp Mosetter
    Philipp Mosetter
    Moppel Wehnemann
    Moppel Wehnemann
    Gruppenbild: Mark-Stefan Tietze, Katja Thorwath, Andreas Karl, Mia Beck, Andrea Diener (versteckt dahinter: Henning Ahrens, Stefan Geyer, Moppel Wehnemann
    Gruppenbild: Mark-Stefan Tietze, Katja Thorwath, Andreas Karl, Mia Beck, Andrea Diener (versteckt dahinter: Henning Ahrens, Stefan Geyer, Moppel Wehnemann

    Alle Fotos von Monika Hilt.

  • Frankfurts Neustadt

    Mai 19th, 2018

    Seit dem 9. Mai 2018 ist die sog. „Neue Altstadt“ in Frankfurt für alle zugänglich. Die Bauzäune, die das Gebiet zwischen Dom und Römer jahrelang abschotteten, fielen und gaben das Areal frei. Einen Tag vor jenem 9. Mai wurde des Tages gedacht, an dem im Jahre 1945 das verbrecherische Regime seinen letzten Atemzug aushauchte, das ursächlich verantwortlich war für die Zerstörung der Frankfurter Altstadt im August 1944.

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    Krönungsweg mit Dom

    Jetzt steht es also an alter Stelle, jenes Ensemble, das der Stadt jährlich hunderttausende Touristen aus nah und fern bescheren wird. Ob aus dem Viertel auch ein integrierter Teil der Stadt werden wird, den die Bewohnerinnen und Bewohner annehmen, darf bezweifelt werden. Dabei hat OB Feldmann nichts anderes versprochen, als dass die bislang offenbar seelenlose Stadt Frankfurt mit dem neuen Viertel eben diese Seele zurückerhält. Ich habe daraufhin eine völlig unrepräsentative Umfrage bei Twitter durchgeführt, die ergab, dass Frankfurts Seele flüssig ist und nicht steinern. Würde man chinesischen Touristen dieselbe Frage stellen, käme sehr wahrscheinlich ein gegenteiliges Ergebnis zustande. Umfrage

    Natürlich habe auch ich gestaunt, als ich das Areal durchaus neugierig betrat und durch die engen Gassen schlenderte. Es ist schon beeindruckend, mit welchem handwerklichen Geschick die Gebäude rekonstruiert wurden. Das bemerkte sogar ein Ahnungsloser wie ich, der zufrieden ist, wen er einen Nagel halbwegs gerade und ohne Verletzung in die Wand gehämmert hat.

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    Durchblick

    Aber auch Neubauten fallen auf. Einige stehen in wohltuendem Kontrast zu den Rekonstruktionen und lassen erahnen, was alles möglich gewesen wäre, hätte man dort moderner Architektur eine Chance gegeben.

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    Sehr gelungener Neubau gegenüber der Schirn.

    Dann wäre eventuell auch der Eindruck der Kulissenhaftigkeit, der sich bei mir umgehend einstellte, vermeidbar gewesen. Verstärkt wurde dieser natürlich auch dadurch, dass in das Viertel noch kein Laden und keine Gastronomie eingezogen war. Von Bewohnern ganz zu schweigen. Vielleicht ändert sich meine Einschätzung, wenn dort etwas Leben herrscht. Ich will mich gerne überraschen lassen, bin aber skeptisch.

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    Moderne Kamine auf rekonstruiertem Dach

    Zu verdanken haben wir diese Kulisse dem Stadtverordneten der rechtspopulistischen BFF (Bürger für Frankfurt), Wolfgang Hübner, der am 20. August 2005 mit der Idee, an diesem historischen Ort die Altstadt wiedererstehen zu lassen, in die jahrelange Diskussion einstieg. Mit Erfolg, denn wenig später nahm die schwarz-grüne Römerkoalition, unterstützt vom Verein der Altstadtfreunde, den Vorschlag gerne auf. Das war der Todesstoß für den Entwurf des Siegers im städtebaulichen Wettbewerbs von 2005. Der verantwortliche Frankfurter Architekt Jürgen Engel, der dort eine moderne Bebauung vorsah, gab auf.

    Anmerkung: Lesenswert sind die Beiträge von Claus-Jürgen Göpfert zur „Neuen Altstadt“ in der Frankfurter Rundschau.

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    Durchgang zur Schirn

    sdr
    Neue Perspektiven am sog. „Krönungsweg“ zwischen Römer und Dom

    sdr
    Auch die U-Bahn wurde integriert

    dav
    Einen Stolperstein gibt es auch schon

    dav
    Kontrast zwischen Neu und Neu

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    Friedrich Stoltze hat am Hühnermarkt seinen Platz gefunden

    dav
    An der Schirn wird`s eng

    dig
    Goldene Waage

    dig
    Unweit ragen die Kräne in den Himmel

  • Von der Idee zum Buch

    April 23rd, 2018

    Ein passender Text zum „Welttag des Buches“. Auch wenn es nicht so geplant war.

    Heute habe ich die letzten beiden Texte eines Manuskripts an den Verlag geliefert. Die Arbeit des letzten Jahres ist somit abgeschlossen. Das Buch behandelt das Thema „Warten“ und wird im September 2018 im marixverlag in Wiesbaden erscheinen. Wie es dazu kam, oder hätte kommen können, erzähle ich in dem folgenden Text.

    Von der Idee zum Buch

    Am Anfang stand ein Zustand. Wie so oft saß ich in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und versuchte an einer Anthologie zu arbeiten, deren Abgabetermin noch zwei Monate entfernt war. Nur wollte die Arbeit nicht vorangehen. Meine Gedanken drehten sich um ein anderes Thema und ich war sehr unkonzentriert.

    Was war geschehen? Zwei, drei Wochen zuvor hatte mich völlig unerwartet ein sehr reizvolles Angebot erreicht, das mein Leben auf den Kopf stellen würde. Der mir bekannte Auftraggeber, ein wohlhabender Geschäftsmann mit kulturellen Ambitionen, stellte außerdem eine, für meine Verhältnisse, verlockende Entlohnung in Aussicht. Wir tranken Kaffee und er erläuterte, welche Aufgabe mir zufiele. Ein Büro mit einem nagelneuen Apple-Computer stünde ebenfalls zur Verfügung, alles vom Feinsten. Als ich, eher scherzhaft, erwähnte, dann müsse ich ja jeden Tag mit dem Rad diesen Berg hochfahren, – tatsächlich kam ich völlig verschwitzt in der Villa über der Stadt an – wurde die Möglichkeit erwogen, ein E-Bike zu leasen. Was mein potentieller Auftraggeber sagte klang sehr überzeugend und glaubhaft. Spätestens zwei Monate später solle ich anfangen. Ich hörte mir alles an und konnte kaum fassen, was mir da gerade passierte. Da ich völlig unvorbereitet war, bat ich mir eine Bedenkzeit aus. Ich wollte mir das alles erst mal durch den Kopf gehen lassen. Zwei Wochen wurden gewährt.

    In diesen zwei Wochen redete ich mit Freunden über das Angebot, machte mir viele Gedanken und notierte einige Fragen, die ich zuvor klären wollte. Die Tendenz, den Auftrag trotz einiger Bedenken anzunehmen, überwog. Inhaltlich war die Aufgabe durchaus reizvoll und ich traute mir zu, sie zu bewältigen.

    Als die Bedenkzeit vorüber war, rief ich meinen potentiellen Auftraggeber an, um einen Termin zu vereinbaren. Ich wollte über die Fragen sprechen, die ich notiert hatte. Allerdings erreichte ich ihn nicht und er rief auch nicht zurück, was mich erstaunte. Schließlich hatte er bei unserem ersten Gespräch den Eindruck vermittelt, es müsse alles ganz schnell gehen. Einige Tage später schrieb ich eine Mail. Dieses Mal kam postwendend eine Antwort. Er entschuldigte sich, hätte viel zu tun und sei im Stress, würde sich aber in den nächsten Tagen melden. „Herzlichst, xxx“. Ich war beruhigt und wartete auf den Terminvorschlag, gedanklich schon mit meiner neuen Tätigkeit und meinem neuen Leben befasst.

    Ich wartete, und dieses Warten ließ keinen Platz für anderes, es beherrschte meinen Alltag und mein Denken. Die Arbeit am Manuskript ging nicht voran. Zunächst war ich sehr zuversichtlich, die Verabredung zu einem weiteren Gespräch würde schon noch kommen. Etwa vier Wochen nach dem ersten Treffen und zwei Wochen nach Ende der Bedenkzeit dämmerte mir, dass es wohl nichts mehr werden würde mit einem neuen Leben. Tatsächlich war jenes „Herzlichst“ das letzte Wort, das ich von meinem Businessmann gelesen habe. Langsam versuchte ich mich wieder in meinem gewohnten Dasein einzurichten. Ich schrieb einen knarzigen Text über das Warten, das ich herzhaft verfluchte. Der Gedanke, was Warten eigentlich ist, ließ mich jedoch nicht mehr los. Immerhin werden etwa fünf Jahre unseres Lebens davon bestimmt.

    Ich recherchierte und war etwas überrascht, kaum Texte zum Thema zu finden, jedenfalls keine literarischen. Es interessierte mich immer mehr, was andere über das Thema und den Zustand des Wartens denken, wie sie ihn empfinden. In einem weiteren Text, den ich mit „Was ist Warten?“ überschrieb und ins Internet stellte, bat ich um Antworten zu der Frage. Im Vergleich mit sonstigen Reaktion auf meine Beiträge, kamen zahlreiche Antworten, auch über Facebook und Twitter, die mich teilweise sehr überraschten. Für einige bedeutete das Warten eine willkommene Entschleunigung, andere nutzten es zum Nachdenken und Ideensammeln. Mir dämmerte, dass meine heftige Ablehnung des Wartens nur ein Teil der Wahrheit war. Das Thema schien tatsächlich auf ein breites Interesse zu stoßen, schließlich konnte jeder etwas aus eigener Erfahrung dazu beitragen. Die Idee zu einem Buch reifte. Unterschiedlichste Autoren sollten sich zu dem Thema äußern, in allen möglichen Formen und Stilen, und sich diesem alltäglichen Phänomen nähern. Vom satirischen Gedicht bis hin zum wissenschaftlichen Essay, alles sollte möglich sein. Mein Verleger, dem ich von der Idee erzählte, schien nicht abgeneigt, zögerte aber dennoch. Immerhin sagte er nicht gleich nein. Ich beendete die Anthologie fristgemäß. Dann widmete ich mich meinem neuen Lieblingsthema, recherchierte, sammelte Ideen, notierte Zitate und fing an, ein Exposé zu schreiben, das den Verleger endgültig überzeugen sollte. Das gelang so halbwegs. Er war angetan von meinen Vorstellungen zu dem Buch und gab mir grünes Licht, zunächst allerdings nur für weitere Recherchen und Akquise. Ein neues Exposé musste her, eines, das potentielle Autorinnen und Autoren überzeugen sollte, sich an dem Projekt zu beteiligen. Zur Buchmesse lag es vor und ich trug einige Exemplare immer bei mir. Alle Autorinnen und Autoren, denen ich von der Idee erzählte und mein Exposé in die Hand drückte, waren sofort von dem Thema angetan. Die Assoziationen sprudelten und alle sagten ihre Teilnahme sofort zu. Da wusste ich, dass es gelingen könnte, dieses Buch zu machen. Der Band sollte ausschließlich aus Originalbeiträgen bestehen. So musste ich namhafte Autorinnen und Autoren leider ablehnen, die mir bereits erschienene Texte angeboten hatten. Das war nicht immer einfach. Andere haben leider ihre Teilnahme aus zeitlichen Gründen absagen müssen.

    Die Autorinnen und Autoren, die jetzt mit Beiträgen vertreten sind, kommen aus verschiedensten Disziplinen. Laien, Literaten, Journalisten, Satiriker, Verleger und Wissenschaftler sind vertreten und haben 32 Texte unterschiedlichster Art geliefert, die zusammen ein buntes Mosaik bilden. So wie ich es mir vorgestellt habe. Illustriert wird das Buch mit Fotografien des Frankfurter Fotografen Georg Dörr. Ich bin außerordentlich zufrieden und dankbar. Und jetzt heißt es warten bis September.

    Am Anfang stand ein Zustand und am Ende steht ein Buch. Das ist das Beste, was aus den vier Wochen Warten werden konnte.

  • Mein 2017

    Dezember 31st, 2017

    Es ist der Silvesterabend 2017. Ich bin alleine zuhause, was bis vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Da war für mich Silvester das wichtigste Fest des Jahres, ich hatte das Gefühl, am nächsten Tag werde alles anders, besser. Ich wollte, und konnte, diesen Tag unmöglich alleine verbringen. Mittlerweile ist das anders, vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun, oder damit, dass ich gemerkt habe, dass nichts anders wird wenn man es nicht selbst macht. Sonst ändert sich nichts, das ist unabhängig vom Datum. Also bleibe ich alleine, wie auch schon im letzten Jahr. Ich kann essen was ich will und die Musik hören, die ich mag. Und ich kann sie laut hören, niemand beschwert sich. Auch sollte niemand das Alleinsein mit Einsamkeit verwechseln. Ich bin allein, nicht einsam.

    Das zu Ende gehende Jahr war ein sehr schwieriges. Der Tod meiner Eltern das alles überragende Ereignis. Binnen Monatsfrist haben sie sich verabschiedet, mein Vater am 27. August, meine Mutter folgte ihm am 27. September. Ich habe erstmals in meinem Leben Trauerreden gehalten und hoffe, dies nicht mehr tun zu müssen. Erst im letzten Jahr haben wir mit der Familie und Freunden ihre 90igsten Geburtstage sowie die Eiserne Hochzeit (65 Jahre!) gefeiert. Und so stehen an der Grabstelle für beide die Daten 1926 – 2017.

    Es gab natürlich auch schöne Momente. Zwei Bücher sind erschienen, dieses und jenes. Und zwei weitere sind in Planung, schöne Projekte, die im Herbst zur Messe fertig sein sollen. Daneben das Langzeitprojekt „Tour de Bier“, das doch mehr Arbeit bereitet als gedacht. Es macht aber auch viel Spaß und ist verbunden mit schönen Radtouren an der Seite der wunderbaren Mokka. Wenn also alles klappt, erscheinen im nächsten Jahr drei Bücher, an denen ich beteiligt bin.

    Konzerte kamen zu kurz, viel zu kurz. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich 2017 ein Konzert besucht habe. Billy Braggs Gastspiel musste ich wegen Arbeit leider verpassen. Aber zum Glück gab`s auch in diesem Jahr wieder gute Musik. Hingerissen bin ich von „Lust for Life“, dem neuen Album von Lana del Rey, wer hätte das gedacht. Leslie Feist hat eine sehr schöne Platte gemacht. The National und besonders Joe Henry mit „Thrum“ haben mich begeistert und tun das immer noch. Mein alter Held, Arto Lindsay, hat endlich mal wieder ein Album veröffentlicht, „Ciudado Madame“ heißt es, ist souverän und zeitlos schön, wie immer abseits jeden Mainstreams. Eine Wonne! Die großartige Tori Amos beweist mit „Native Invader“ wieder ihre Klasse. Respekt und Hochachtung gebührt ihr, nichts anders. Auch ihr Konzert in der Jahrhunderthalle habe ich verpasst. Unverzeihlich. Erwartbar schön „Semper Femina“ von Laura Marling. Nur auf die neue Platte der einzigartigen Shara Worden, aka My Brightest Diamond, musste ich warten. Sie wird wohl 2018 erscheinen. Ich bin gespannt und voller Vorfreude. Die Entdeckung des Jahres ist die junge Rapperin Little Simz. Dank an Radio Eins.

    Die Schattenseite des Musikgeschäfts ist, dass Musikerinnen und Musiker, die ich sehr verehre und schätze, wie etwa Kate Tempest oder auch Elvis Costello, der unsäglichen BDS Bewegung das Wort reden. Daher Dank an Künstler wie Nick Cave oder Radiohead, die sich davon nicht beeinflussen lassen.

    Die Literatur kam mal wieder viel zu kurz. Gut, ich hatte eine schöne Buchmesse, aber das Lesen habe ich sträflich vernachlässigt. Dennoch lese ich permanent, aber zielgerichtet für meine Projekte. Immerhin seien aber drei Bücher genannt, die ich in diesem Jahr mit Gewinn gelesen habe. Da war zum einen der Roman „Wach“, bereits 2011 erschienen, das Debüt von Albrecht Selge. Ein Großstadtroman und die passende Lektüre für alle Schlafgestörten und Flaneure. Ein Kleinod ist Mathias Énards Roman „Der Alkohol und die Wehmut“, eine melancholische Geschichte über Trennung, das Reisen, das Fliehen. Und über Alkohol. Eine kurzweilige, sehr liebenswerte Lektüre hat Klaus Bittermann, der Berliner Verleger und Autor mit „Der kleine Fup“ vorgelegt. Kurze Geschichten um Fup, den Sohn des Autors und daher auch, wie sein Vater, BVB Fan. Alltagsabenteuer eines Kreuzberger Jungen, sehr witzig und gescheit. Neben dem Bett lagen und liegen als Einschlaflektüre hauptsächlich Krimis von Don Winslow oder Adrian McKinty. Guter Stoff also.

    Wie jedes Jahr hat sich auch im vergangenen die Weltlage nicht gebessert. Noch immer nicht gewöhnt habe ich mich an den Wahnsinnigen aus Washington, ich möchte mich auch nicht an ihn gewöhnen. Nur stelle ich mir jedes mal die Frage, wie dieses große Land das zulassen kann. Aber in Europa ist es auch nicht besser. In Polen und Ungarn haben rechtsnationale Regierungen, die offen mit Nazis paktieren, das Sagen, Tschechien ist auf dem Weg und jetzt auch Österreich. Mit solchen Leuten möchte in einem „Haus Europa“ nicht leben. Aber auch wir haben eine rechtsnationale Partei im Parlament, und ich fürchte, sie wird daraus auch nicht wieder verschwinden. Es heißt, wachsam zu sein.

    Zum Glück habe ich wunderbare Menschen an meiner Seite. Nur mit euch ist das alles auszuhalten. Danke dafür!

    In diesem Sinne: Nicht verzagen und alles Gute für 2018!

  • Die Schrankwand am Straßenrand

    Dezember 28th, 2017

    Auf den ersten Blick haben Schrankwände und Autos nicht viel gemein. Doch wie so oft trügt auch hier dieser Eindruck. Schauen wir daher genauer hin.

    Der elementarste Unterschied zwischen einer Schrankwand und einem Auto besteht in einer Stunde. Das ist die Stunde, in der das Auto täglich durchschnittlich bewegt wird, eine Fähigkeit, die der Schrankwand nicht gegeben ist. In den restlichen 23 Stunden des Tages verharrt das Auto jedoch ebenso regungslos wie die Schrankwand am Straßenrand.

    Oftmals sind Besitzer von Autos und Schrankwänden ein und dieselbe Person. Und doch führten völlig unterschiedliche Überlegungen zu den jeweiligen Kaufentscheidungen. Wer sich entschlossen hat, eine Schrankwand anzuschaffen, wird die Wand vermessen und kein Möbel bestellen, das fünf Meter lang ist, wenn sie nur vier Meter misst. Sorgsam kartographiert wird der Raum, auf dass das Möbel seine Funktionen entfalten kann, ohne andere zu beeinträchtigen, beispielsweise die von Türen und Fenstern.

    Wer sich hingegen ein Auto anschafft, wird vorher keinerlei Überlegungen anstellen, wo denn das Fahrzeug die 23 Stunden des Tages verbringen könnte, in denen es, schrankwandgleich, tatenlos rumsteht, es sei denn eine Garage ist verfügbar. Ganz im Gegenteil, je enger es in der Stadt wird, desto größer muss das Auto sein. Da wird dann gerne das fünf Meter lange Fahrzeug dem nur vier Meter messenden Modell vorgezogen, schließlich will der Platz auf den immer voller werdenden Straßen behauptet sein. Für einen Stellplatz wird die Gemeinschaft schon sorgen. Darauf hat man ein natur-gegebenes Anrecht, niemand muss sich hierüber Gedanken machen.

    Sollte doch mal irgendwer, in einem unachtsamen Moment, eine fünf Meter lange Schrankwand bestellen, und dann feststellen dass die Wand nur vier Meter misst, zu wenig um dem Möbel Raum zu gewähren, wird er sich denken, na gut, stellen wir das Ding in den Hausflur, da ist noch Platz. Blöd, dass dann niemand mehr daran vorbeikommt, aber das ist halt leider so. Zur Abhilfe könnten vier blinkende rote Lichter angebracht werden, die signalisierten, dass das Problem bekannt sei, sich aber leider nicht ändern ließe. Und spätestens beim nächsten Umzug sei das Thema ja auch wieder erledigt. Es ist anzunehmen, dass die Schrankwand im Flur keine halbe Stunde überleben würde. Erboste Nachbarn klingelten Sturm, verlangend, das Ungetüm unverzüglich zu entfernen, riefen den Hausmeister und der dann gegebenenfalls die Polizei. Die Hausordnung wäre verletzt und der Hausfrieden massiv gestört.

    Wenn die Schrankwand jedoch ordnungsgemäß in den eigenen vier Wänden untergebracht ist, mit der verspiegelten Hausbar, den zwei sorgsam ausgeleuchteten Büchern, dem integrierten Flachbildmonstrum, sowie den polierten Gläsern aus Omas Bestand, hat sie einen unbestreitbaren Vorteil gegenüber dem Auto. Sie entzieht ihre aufdringliche Hässlichkeit dem öffentlichen Blick. Einzig die Bewohner, sowie deren gelegentliche Besucher dürfen sich an der imposanten Präsenz des Möbels erfreuen.

    Das Auto ist in dieser Hinsicht schamloser. Es stellt seine monströse Klobigkeit gänzlich ungeniert in der Öffentlichkeit zur Schau und verhält sich dann manchmal wie die Schrankwand im Hausflur. Dafür können sich Passanten gelegentlich erfreuen an Regenschirmen, Hüten, gehäkelten Klorollenmützen und Wackeldackeln, die die Ablage des Autos zieren, eine Fläche, die nicht umsonst als Hutablage bezeichnet wird. Hierin ähnelt das Auto wieder verblüffend der Schrankwand, die ja auch allerlei Nippes und Tand beherbergt. Wir sehen also, es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen Autos und Schrankwänden als vermutet.

    Einen unbestreitbaren Vorteil haben Autos allerdings; sie lassen sich mieten.

    „Schätzchen, am Samstag kommen doch die Schulzes zum Essen. Die waren ja noch nie bei uns. Ruf doch mal rasch bei Rent-A-Schrankwand an, ob die morgen schnell was aufbauen können, vielleicht auch mit Büchern drin. Damit es hier nicht so kahl aussieht.“ Das wird nicht funktionieren.

    Ebenso wenig funktioniert auch die Gemeinschaft, die sich immer öfter außerstande sieht, den nötigen Parkraum für die Straßenschrankwände in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu stellen. Da sehen sich manche veranlasst, das Auto an Orten abzustellen, die dafür nicht vorgesehen sind, Fußgängerzonen beispielsweise oder Radwege. Sind eh verschenkter Platz, wenn da niemand parken darf. Und so trifft man dort seinen Nachbarn, der ebenfalls an diesem Ort sein Fahrzeug abstellt. Schnell ist man sich einig, dass es viel zu wenig Parkplätze gäbe, wo man denn sonst sein Gefährt in den 23 Stunden lassen soll, in denen man es nicht braucht. Im Rathaus säßen ja nur Schwachköpfe, die das Bedürfnis der Bevölkerung nach Parkplätzen einfach nicht erkennen würden. Es ist derselbe Nachbar, der sich vorhin noch lautstark über die Schrankwand im Hausflur beschwert hat. Die Hausordnung hat halt einen höheren Stellenwert als die Straßenverkehrsordnung.

    Wenn Sie derzeit also mit der Frage beschäftigt sind, sich ein Auto oder eine Schrankwand anzuschaffen, nehmen Sie die Schrankwand und mieten Sie das Auto, wenn Sie eins brauchen. Damit ist allen am besten gedient.

  • Zwischenbilanz

    November 29th, 2017
    2018
    2011
    2012
    2013
    2014
    2014
    2016
    2017
    2017

  • Nachts an einer Kreuzung

    August 8th, 2017

    Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

    Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

    In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

    Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

  • Tour de Bier – Wie alles anfing

    Juli 13th, 2017

    Seit gut einem Jahr sind die Offenbacher Designerin „Mokka“ und ich auf Tour de Bier. Zumindest dann, wenn das Wetter es zulässt, denn die Tour de Bier ist eine Fahrradreise in mehreren Etappen.

    Bier Hannes
    Der zweite Besuch während der Tour de Bier – Bier Hannes in Frankfurt.

    Mokka und ich lernten uns über Twitter kennen. Schnell stellten sich einige identische Interessen heraus, darunter das Radfahren. Sie hatte die schöne Angewohnheit, sonntags mit ihrem Mountainbike kleine Brauereien im Rhein-Main-Gebiet zu besuchen, dort zweidrei Bier zu trinken und ggf mit dem Zug wieder zurück zu fahren. Das Konzept gefiel mir und irgendwann brachen wir zu unserer ersten gemeinsamen Tour auf. Das Ziel war Rüsselsheim. Im Stadtteil Haßloch steht Das Brauhaus. Ich fuhr damals noch Rennrad, wir brauchten also eine Strecke, die für die schmalen Reifen meines Rades geeignet war. Auf dem Mainradweg geht das so einigermaßen.

    An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen und etwas über das Radfahren in Begleitung erzählen. Es genügt nicht, dass sich zwei Menschen für gemeinsame Radausflüge zusammentun, die gerne Fahrrad fahren. Damit diese Ausflüge Spaß machen, sind ein paar Voraussetzungen, außer dass man sich gut versteht, unabdingbar. Es ist hilfreich, wenn beide, oder auch eine größere Gruppe, über etwa die gleiche Kondition verfügen und auch das selbe Tempo fahren können. Wenn jemand alle halbe Stunde eine Pause braucht, weil Beine und Hintern schmerzen, ist das Vergnügen schnell getrübt. Auch beim Anblick einer Steigung sollte man nicht ins Jammern verfallen, sondern den blöden Berg halt klaglos hochfahren, schließlich gibt`s eine gute Gangschaltung. Ebenso hinderlich für eine schöne und erholsame Radtour ist es, wenn jemand mit übermäßigem Mitteilungsdrang teilnimmt. Für mich ist es unerträglich, wenn ich auf dem Rad permanent zugetextet werde. Ich mag die Stille, das gleichmäßige Treten und Dahingleiten. Vögel will ich hören und den Wind, kein Gelaber. Das ist meditativ und macht den Kopf frei. Wenn die Tour dann doch mal länger und anstrengender wird als geplant, auch dann sollte man nicht anfangen, laut zu klagen, zu fluchen und zu schimpfen. Das macht es nicht besser, ganz im Gegenteil. Auch diese Strapaze wird irgendwann ihr Ende finden und wenn man dann vor einem köstlichen, kühlen Bier sitzt, denkt man, dass es sich doch gelohnt hat. All das funktioniert mit Mokka perfekt. Ich bin schon mit vielen Menschen Rad gefahren, durchaus auch längere Strecken und ganze Radreisen über hunderte von Kilometern, aber mit niemandem war es entspannter und wohltuender als mit ihr. Der Gerechtigkeit halber muss ich meinen Freund Hpunkt erwähnen, mit dem ich Ende der Achtziger- Anfang Neunzigerjahre Frankreich in allen Richtungen durchquert habe, wobei es auch nie die kleinste Unstimmigkeit gab. Aber das ist fast 30 Jahre her.

    Fahrräder
    Pause auf dem Weg nach Groß-Umstadt

    Hilfreich ist es auch, wenn beide ein ähnliches Rad fahren. Deshalb habe ich mir im letzten Jahr ein gebrauchtes Moutainbike zugelegt. Aber im letzten Jahr, bei unserer ersten gemeinsamen Tour, war ich noch mit dem Rennrad unterwegs. Schon nach wenigen Kilometern war klar, dass wir gut zusammen fahren konnten. Die Strecke war ok, wenn auch unspektakulär. Die letzten Kilometer vom Main nach Haßloch nervten allerdings. Im Das Brauhaus waren wir jedoch schnell versöhnt. Es liegt im idyllischen Dorfkern mit Kirche, Kastanie und Kopfsteinpflaster. Im hübschen Biergarten fanden wir problemlos einen Platz, die Räder im Blick. Wir freuten uns auf das Bier und wurden nicht enttäuscht. Es war naturtrüb, hatte eine schöne Hopfennote und war sehr süffig. Auch dass es nur 4,4% alc hatte, ist für Radfahrer ein Vorteil. So konnten wir eins mehr trinken. Auch die Küche hat überzeugt. Deftige Gerichte zu sehr angemessenen Preisen. Zwei bis drei Biere später machten wir uns gesättigt und gestärkt auf den Rückweg. Mokka packte sich noch zwei Literflaschen in den Rucksack. Ein schöner Rückenwind unterstützte unsere bierschweren Beine und nach siebzig Kilometern war die erste gemeinsame Fahrt beendet. Es sollte nicht die einzige bleiben.

    Bergstraße
    An der Bergstraße auf dem Weg nach Heppenheim

    Einige Wochen später fuhren wir erneut nach Haßloch, dieses Mal in Rahmen der Tour de Bier. Die Idee entstand nach unserer ersten Fahrt. Wir recherchierten nach unabhängigen Brauereien mit eigenem Ausschank in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet. Es gibt immerhin ca. 45 solcher Betriebe, von unterschiedlicher Größe. Ein Frankfurter Verlag fand die Idee verlockend und wird ein Buch daraus machen. Wir entwarfen ein Anschreiben und entwickelten einen Fragebogen. Über eine eigens eingerichtete Mailadresse schrieben wir alle Brauereien an. Immerhin 25% antworteten. Im Sommer 2016 ging´s also los. Anfangs vereinbarten wir Termine mit den Brauern. Das nahm aber meist zwei bis drei Wochen mit Telefonaten, Emails und so weiter in Anspruch, bis ein Termin zustande kam. Und dann sind wir natürlich vom Wetter abhängig, bei Regen wollen wir nicht fahren. Es war also ein sehr aufwändiges Verfahren, das unseren Zeitplan komplett sprengte. Hatten wir dann aber endlich einen Termin, ergaben sich immer interessante Gespräche mit den Brauern, die sich oft über zwei Stunden hinzogen. Mittlerweile fahren wir ohne Ankündigung zu den Zielen, in der Hoffnung, dass vielleicht spontan ein Gesprächspartner zur Verfügung steht. Oder wir melden uns einzwei Tage vorher telefonisch und kündigen unseren Besuch an. Ein angenehmer Vorteil bei verabredeten Terminen war, dass wir dann meist eingeladen wurden. Bei spontanen Besuchen ist das nicht so.

    Biergläser
    Brauhaus in Mainz-Kastel

    Braukessel
    Kessel im „Halben Mond“ in Heppenheim

    Mittlerweile haben wir etliche Brauereien abgeradelt. Es waren unterschiedlichste Betriebe dabei, von der mittelständischen Brauerei mit eigenem Vertrieb bis hin zu kleinen Wirtshausbrauereien, die nur für den Eigenbedarf brauen. Aber eines verbindet sie alle, die Qualität der Biere. Überall hat uns das Bier, bei allen Unterschieden, sehr gut geschmeckt. Handwerklich gebraut und meist ungefiltert, unterscheidet es sich deutlich von den „Industriebieren“, die aus nahezu jedem Kneipenzapfhahn fließen und die Supermarktregale verstopfen. Vielfalt und geschmackliche Abwechslung sind zu allererst bei den kleinen, handwerklichen Brauereien zu finden. Angesprochen auf den Craftbier-Hype, antworten die meisten Brauer dann auch sehr selbstbewusst: „Wir machen schon immer Craftbier.“

    Glaabsbräu
    Bei Glaabsbräu in Seligenstadt

     

     

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