• 13. Feb. 2014

    Februar 13th, 2014

    Gestern kam der „Männerstammtisch“ wieder zusammen, der sich einmal monatlich trifft. Der Übersetzer Ulrich S., mein ehemaliger Vorgesetzter bei Suhrkamp, und Martin W. vom Klostermann Verlag. Wir trafen uns bei dem wunderbaren Italiener „Casa Nostra“ in Bockenheim. Ein Lokal, das auf jeden schicken Schnick-Schnack verzichtet; keine Tischdecken, keine Serviettengebirge, keine Kellner in schwarz-weiss. Tolles Essen (keine Pizza) zu guten Preisen. Am Abend vorher war ich auch schon da, hatte mich im Tag geirrt. Irgendwann kam Michel Friedmann in Begleitung rein. Die knapp halbstündige Radfahrt durch die Stadt nach Bockenheim lohnt sich immer.

    Ulrich erzählte von einer Einladung nach Oslo zu einem einwöchigen Übersetzerseminar, Martin von der Aufregung, die die bevorstehende Präsentation von Heideggers „Schwarzen Heften“ in der Nationalbibliothek im Verlag verursacht. Ich erzählte von meinen Plänen und Beschäftigungen, nachdem ich vom Hessen-Shop gefeuert wurde. Gegen 22 Uhr war der schöne Abend beendet.

    Auf dem Heimweg kehrte ich noch im Klabunt ein. Dort kamen dann mit anderen noch Severin und Elis von der Lesebühne rein, beide Beiträger für das Buch, daß ich zur Zeit mit Jürgen Roth vorbereite. Auf Twitter mache ich mit dem unverständlichen Hashtag #ffwsw schon ein bißchen Reklame. Das Buch wird im Spätsommer erscheinen und ich freue mich drauf. Laufe ich mit dieser Idee doch schon seit zwanzig Jahren durch die Gegend.

    Das Suhrkamp-Blog „Logbuch“ veröffentlicht heute ein Fototagebuch von Detlef Kuhlbrodt vom 13. – 30. November 2007. Gleich am ersten Tag geht es um eine Lesung im Klabunt, die ich damals organisiert hatte. Das Wirtshaus ist zu sehen, ebenso die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen Gesa S. und Karsten K. Ich bin auch dabei, trage ein „Kreuzberg 61“ T-Shirt, das mir heute nicht mehr paßt. Es war ein schöner Abend.

    Es regnet heftig. Hoffe es hört am Abend auf, wenn ich ins schöne Dichterviertel muß zum Kickern.

  • Analog

    Januar 23rd, 2014

    AnalogbierIch setzte mich an den gewohnten Platz am Stammtisch. Das Bier kam umgehend – ich trinke immer dasselbe. Dann der automatische Griff in die rechte Innentasche meiner Jeansjacke. Der Puls wurde schneller, das Herz raste, auf der Stirn bildeten sich Schweißperlen. Ich hatte den Taschencomputer vergessen. Den spontanen Impuls, die zehn Minuten nach hause zu laufen und das Gerät zu holen, unterdrückte ich nach kurzer Überlegung. Es war niemand im Lokal, mit dem oder der ich mich hätte unterhalten können. Aber ich hatte ein Buch dabei, wie immer. „Lies was“, sagte ich mir, „wie früher“. Ich habe oft stundenlang in Kneipen gesessen und gelesen.

    Das Buch, das ich aufschlug, paßte zu meiner Situation – „Analog“ von Thomas Meinecke. Der kleine Band aus dem Verbrecher Verlag versammelt die Musikkolumnen des Autors, DJs und Musikers. Die Illustrationen stammen von der Künstlerin und Musikerkollegin Michaela Melián. Es geht um Techno, House, Deep House, Disco und Gender, lauter Sachen, von denen ich nichts verstehe. Aber der Enthusiasmus, mit dem Meinecke sein Thema behandelt und die Schönheit seiner Sprache ließen mich dranbleiben. Und, wer weiß, vielleicht schleicht sich ja die eine oder anderere Erkenntnis ein. Zu seinen DJ Sets in ganz Deutschland reist der Autor mit der Bahn. Da er ausschließlich mit Vinyl arbeitet, nimmt er nie mehr als 90 LPs mit. Ich möchte keine 90 Platten schleppen und mit der Bahn transportieren.

    Meinecke ist ein guter DJ (soweit ich das beurteilen kann). Ich habe ihn zweimal gehört. Einmal im Frankfurter Schauspiel, anläßlich einer Veranstaltung von der mir nur sein Set in Erinnerung geblieben ist und ein anderes Mal in der, mittlerweile geschlossenen, Frankfurter Disco U60311. Es war während des sogenannten „Taschenbuch-Fests“, einer Party, die der Suhrkamp Verlag eine Zeitlang zur Buchmesse veranstaltet hat. Schon seit einigen Jahren verzichtet der Verlag auf diese Veranstaltung. Bis 23 Uhr war das Fest nur für geladene Gäste, danach durften alle rein. Es war immer sehr laut bei diesen Abenden. Die Bässe wummerten und die Hosenbeine flatterten. An Gespräche war nicht zu denken.

    An diesem Abend legte irgendein DJ den üblichen Partymix auf, von Abba bis Gloria Gaynor. Nichts was mich auf die Tanzfläche treiben würde. Aber die war natürlich voll – bis Meinecke kam. Er packte seine Platten aus und spielte die Musik, die im U60311 normalerweise zu hören war, Techno, House, Drum and Base (Nehme ich an. Wie gesagt, ich habe davon keine Ahnung). Die Partytänzer hatten die Tanzfläche längst verlassen, mir aber ging die Musik in die Beine und trieb mich genau dorthin. Da blieb ich dann für die nächsten zwei Stunden. Mit mir bewegten sich vielleicht zehn andere Leute zu Meineckes Beats. Es war wunderbar, für zwei Stunden gab es nur noch Musik, Rhythmus und Bewegung. Alles um mich herum war ausgeblendet. Naßgeschwitzt, etwas betrunken und glücklich setzte ich mich auf mein Rad und fuhr nach hause. Daran mußte ich denken, als ich Meinecke las, nichts verstand und Bier trank.

    Als ich nach ein paar Bieren und etlichen Seiten „Analog“ nach hause kam und endlich wieder mit der Welt verbunden war, schaltete ich sofort den Computer an und durchstöberte meine Social-Media-Kanäle. Alles war gut, ich hatte nichts verpaßt und niemand hat mich vermisst.

  • Heimat – was ist das?

    August 20th, 2013

    HeimatSo eine Blogparade erinnert ein wenig an einen Schulaufsatz. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen etwas zum Thema Heimat zu schreiben. Dabei ist es sehr interessant.

    Nomaden

    Zu dem, was gemeinhin als „Heimat“ bezeichnet wird, habe ich ein extrem distanziertes Verhältnis. Das hat verschiedene Gründe. Meine Eltern haben viel dazu beigetragen, dass ich kein Heimatgefühl entwickeln konnte. Sie waren nie sesshaft und sind alle paar Jahre umgezogen und so zog es mich in Kindheits- und Jugendjahren von Nordrhein-Westfalen, über Hessen und Baden-Württemberg nach Bayern. Diese Umzüge waren jedesmal schmerzhafte Erfahrungen, Freunde und gewohnte Umgebungen verlassen zu müssen sind für einen jungen Menschen keine schönen Erlebnisse. Mit 19 Jahren habe ich die Notbremse gezogen und meinen Auszug erzwungen (damals wurde man erst mit 21 volljährig). Wo meine Eltern nach meinem Auszug überall gewohnt haben, weiss ich jetzt nicht mehr zu benennen.

    Home is where the heart is

    Ein weiterer Grund, weshalb ich den Begriff Heimat abgelehnt habe, ist die deutsche Geschichte. Heimat strömte für mich den penetranten Gestank von Blut und Boden aus. Das klang nach Volksgemeinschaft, Knobelbechern und schlechter Musik, damit wollte ich nichts zu tun haben.

    Aber dann kamen Frank Zappa und Edgar Reitz. Die sensationelle TV-Serie „Heimat“ von Edgar Reitz aus den achtziger Jahren hat mich etwas mit dem Begriff versöhnt, auch wenn ich für mich keine Heimat hatte. Aber bei diesem Fernsehereigniss habe ich mich nach etwas Ähnlichem gesehnt.

    Dies hat mir dann Frank Zappa beschert: „Home is where the heart is“. Damit konnte ich was anfangen. Das war wie „Heimat to go“, eine Heimat, die man immer bei sich trägt, die an keinen Ort gebunden ist. Und diese Heimat konnte auch in Dingen bestehen, in Büchern und Platten beispielsweise. In vielen Romanen und Musik habe ich mich meist heimischer gefühlt als im ständig wechselnden Wohnzimmer meiner Eltern. Literatur und Musik sind bis heute meine größte Heimat, der „Ort“ an dem ich mich geborgen fühle und gut auskenne, egal wo ich bin. Natürlich sind auch Menschen Heimat, gute Freunde, wo immer sie auch sind. Allerdings können auch Freunde flüchtig sein. Wie man Orte verlieren kann, kann man auch Menschen verlieren. Jeder kennt das.

    Die verlässlichste Heimat finde ich also in der Literatur und in der Musik. Und seit einigen Jahren ist auch das Internet ein Stück Heimat. Wo immer man auch ist, das Internet ist in der Regel auch da und somit auch Menschen, die ich oft gar nicht persönlich kenne, die aber zu meinen täglichen Kontakten gehören und die ich nicht missen möchte.

    Kreuzberg

    Wollte ich aber einen realen Ort zu meiner Heimat erklären, so ist es wohl Berlin. Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in Berlin verbracht und wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich der Einfachheit halber „Aus Berlin“, obwohl ich in NRW geboren bin. An meinen Geburtsort habe ich keinerlei Erinnerung. Berlin ist allerdings zu groß um als Heimat dienen zu können. Wann war ich schon mal in Spandau oder in Rudow? Über 30 Jahre habe ich in Kreuzberg gelebt und ich war sehr sesshaft. Ganze zwei Wohnungen habe ich in all den Jahren bewohnt. Und wenn ich heute nach Kreuzberg komme, spüre ich tatsächlich so etwas wie Heimatgefühle.

    Dabei wohne ich schon seit 13 Jahren in Frankfurt am Main, einer Stadt, in der ich schon in der Kindheit gelebt habe. Frankfurt könnte so auch als Heimat taugen, tut es aber nicht, obwohl ich mich hier wohl fühle.

    Heimat ist für mich daher etwas Trügerisches, nichts auf das man sich verlassen sollte. Alles was zählt ist also: Home is where the Heart is!

  • Aus meinem Plattenregal 1- Steve Piccolo – Domestic Exile

    Juni 29th, 2013

    The Lounge Lizards

    Lounge Lizards1981 erschein das Debüt der New Yorker „Fake-Jazz“-Combo The Lounge Lizards. Die Platte war eine Sensation und blies viel frischen Wind in die verstaubte Jazz-Szene. Kopf der Band war der Saxophonist John Lurie, ein an Coolness kaum zu überbietender, charismatischer Musiker, der später auch als Schauspieler schöne Erfolge feierte. Am Piano saß sein Bruder Evan, die Gitarre bediente Arto Lindsay. Er tat das auf bislang noch nie gehörte Art und Weise und entlockte seinem Instrument krachige und schreiende Geräusche, die mit herkömmlichem Gitarrenspiel nichts mehr gemein hatten. Am ehesten konnte man diesen Stil mit dem Scratchen von DJs vergleichen. Am Schlagzeug saß Anton Fier und am Bass war Steve Piccolo. In dieser Besetzung spielten die Lounge Lizards nur dieses Debüt-Album ein. In den folgenden Jahren nahm Lurie mit den Lounge Lizards mehrere Platten in unterschiedlichen Besetzungen auf.

    Domestic Exile

    PiccoloEin Jahr nach diesem aufregenden Debüt, 1982, veröffentliche Bassist Piccolo sein eigenes Debüt-Album, „Domestic Exile“. Es war nicht weniger aufregend als das der Lounge Lizards, erfuhr aber längst nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte. Keyboards spielte der Bandkollege Evan Lurie und an den Sythesizers saß G. Lindhal. Piccolo selbst spielte neben dem elektrischen und akustischen Bass noch Percussion und Gitarre, außerdem übernahm er den Vokalpart. Musik und Texte stammen ebenfalls von Steve Piccolo. Das Cover-Artwork erinnert stark an das der Lounge Lizards.

    Neurotische Großstadtfolklore

    „Domestic Exile“ ist ein vorwiegend ruhiges, zurückhaltendes Album voller wunderbarer, schräger Songs, ganz anders als die expressive Platte der Lounge Lizards. Piccolo erzählt in seinen Liedern von modernen und meist einsamen Großstadtmenschen und ihrem Alltag in New York. Es entsteht eine Art neurotischer Großstadtfolklore.

    So heißt es in „Young and Ambitious“:

    Now work is over I´m going to go out

    now I am buying something to eat

    something to wear something to read

    now I am spending the money I earned

    when I was working a short time ago

    that is how things work

    this I have learned

    Und in „Business Man`s Lament“ geht es weiter:

    I don`t give anything away if I don`t get something in return

    I don`t like to keep anything that I haven`t earned

    trading value for value that`s all I understand

    and I never do anything unless I have a plan

    so I guess You could call me a businessman

    Aber es gibt Hoffnung, so etwa in dem fröhlichen „I Don`t Want To Join A Cult“:

    But then I saw You

    You looked as if You hadn`t heard the news of our defeat

    You walk down the street of the welfare state

    with Your head held up and Your back so straight

    You`re not even overweight

    and suddenly I feel like

    I don`t want to join a cult

    I`d rather be Your devotee

    I don`t want to join a cult

    except the cult of only You and Me

    Piccolo selbst hat sich bald nach dem Lounge Lizards Debüt dem neurotischen Großstadtleben entzogen und ist nach Italien gegangen. Auf dem italienischen Label Materiali Sonori ist dieses kleine Meisterwerk dann auch erschienen.

    Unter dem Titel „adaption“ folgte ein weiteres Album von Steve Piccolo`s Domestic Exile, das aber längst nicht so aufregend ist, wie das erste Album. Piccolo arbeite in der Folgezeit mit den unterschiedlichsten Musikern zusammen, unter anderem mit Elliot Sharp.

  • Blockupy 2013

    Juni 4th, 2013

    Das Bild ähnelte dem des letzten Jahres, als ich am Samstag, den 1. Juni 2013, gegen 11 Uhr 30 am Baseler Platz ankam. Mein Fahrrad hatte ich in Frankfurts grauer Mitte, dem Roßmarkt, abgestellt. Von dort waren es nur ein paar Meter zum Willy-Brandt-Platz. An diesem Ort sollte die Abschlusskundgebung der diesjährigen Blockupy-Demonstration stattfinden. Aber es kam anders. Auf dem Weg zum Baseler Platz sah ich viele Polizisten in Kampfmontur, Stacheldraht, Mannschaftswagen und Wasserwerfer. Demonstranten sah ich wenige. Die Innenstadt war abgeriegelt, von der Polizei.

    Der Baseler Platz war schon gut gefüllt und noch immer strömten Menschen dazu. Ich war mit meinem Freund Joe aus Stuttgart verabredet, der in einem Sonderzug mit fünfhundert Aktiven aus der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 nach Frankfurt unterwegs war. Der Zug kam zweieinhalb Stunden später an. Jemand hatte sich aufs Gleis geworfen.

    Wie auch im letzten Jahr versammelte sich ein bunter Haufen von Demonstranten auf dem Platz. Junge Menschen mit Kapuzenshirts, Rentner, Familien mit Kindern, Gewerkschafter, NGOs, Politiker und Parteien. Es wurden Reden gehalten, Fahnen geschwenkt, Flugblätter verteilt und ein grauhaariger Herr sammelte verhalten Unterschriften, die der MLPD zur Teilnahme an der Bundestagswahl verhelfen sollten. Das Wetter wurde besser und die Stimmung war gut. An einem Laternenpfahl turnte eine Artistin, aus luftiger Höhe ein Transparent schwenkend: „Dem Kapitalismus auf der Nase tanzen!“

    Wie schon im letzten Jahr hielt ich mich in der Nähe des Attac-Wagens auf. Dieser Wagen bildet das Ende des Demonstrationszuges, daher habe ich erst nicht mitbekommen, was sich an der Spitze zutrug. Dass eine Demo mal stockt ist normal. Aber diese Demo stockte nach wenigen hundert Metern, stundenlang. Die Polizei hatte mehrere hunderte Menschen unter fadenscheinigen Argumenten eingezingelt und erst viele Stunden später, und nach Aufnahme der Personalien, wieder freigelassen. Die Demonstration stand auf der Stelle und das Angebot der Polizei, sie auf einer anderen Route und ohne die „Störer“ weiterzuführen, wurde abgelehnt. Alle blieben und beharrten auf ihren grundgesetzlich garantierten Rechten.

    Ich habe nicht gesehen, was im „Frankfurter Kessel“ geschehen ist, aber ich habe viele Menschen gesehen, die von Pfeffersprayattacken der Polizei verletzt waren. Sie wurden auf dem Ver.di-Wagen provisorisch ärztlich versorgt. Dieser  Wagen diente dann auch als Bühne für die improvisierte Abschlussveranstaltung, die vor der EZB geplant und genehmig war. Einen sehr eindrücklichen Bericht über die Situation im Kessel gibt es hier .

    Die mediale Empörung über diesen völlig unangemessenen Polizeieinsatz ist groß und einhellig. Diese polizeiliche Aktion wird einmütig und in deutlichen Worten verurteilt. Selbst das Blatt mit den großen Buchstaben konnte nicht umhin, sich kritisch zu äußern. Es zitierte auch anonyme Polizeistimmen, die sagten, dass die Aktion geplant gewesen sei. Daran zweifelt niemand.

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  • Gretchen – der neue Roman von einzlkind

    Mai 22nd, 2013

    Gretchen

    Wer ist einzlkind?

    Vor drei Jahren erschien unter dem Pseudonym einzlkind im Berliner Verlag Edition Tiamat der Roman Harold, ein aberwitziges Roadmovie voller absurder Geschehnisse und skurriler Gestalten. Eine unvergessliche Lektüre, die das Feuilleton sowie die Leserschaft gleichermaßen begeisterte und dem Verlag einen Bestseller bescherte. Wilde Spekulationen schossen ins Kraut wer sich hinter einzlkind wohl verbergen möge. Bis heute blieb das Geheimnis ungelüftet.

    Jetzt wird wieder spekuliert werden, denn kürzlich ist der zweite Roman von einzlkind erschienen, Gretchen. Dieses Mal hat der Verlag weder Kosten noch Mühe gescheut und dem Buch einen festen Einband nebst Schutzumschlag und Lesebändchen spendiert. Er verspricht sich offensichtlich einiges von diesem Roman, zurecht. Gretchen also, wieder ein Name als Titel, dieses Mal ein Frauenname der an Goethe denken lässt oder an Gretel aus dem Märchen.

    Es geht furios los und auf den ersten Seiten fühlt man sich in die absurde Bilderwelt eines Eugen Egner oder in frühe Romane Herbert Rosendorfers versetzt.

    Wir lernen Gretchen Morgenthau kennen, eine Wienerin, die nicht mehr in der Blüte ihres Lebens steht aber hellwach und schlagfertig ist. In einem zweiten Erzählstrang wird uns Kyell vorgestellt, ein junger Tierarzt wider Willen, der auf dem Eiland Gwynfear unweit von Island lebt. Beider Geschichte erzählt einzlkind in drei Teilen/Akten und 28 Kapiteln. Hatten wir es bei Harold mit einem Antihelden zu tun, der ohne die Begleitung des elfjährigen Melvin aufgeschmissen wäre, so ist Gretchen eine starke, modebewusste Frau, die sich nichts vormachen lässt.

    Vor Gericht

    Sie lebt in London auf bescheidenen 120 Quadratmetern und hat Probleme in der nur zwölf Quadratmeter großen Kleiderkammer ihre Garderobe unterzubringen. Nach dem vergeblichen Versuch als Auftragskiller durchs Leben zu gehen, wählte Gretchen die Theaterlaufbahn und wurde Intendantin.

    Gretchen ist krank, sterbenskrank – Schnupfen. Der benachbarte pensionierte Arzt und ihr lebenslanger, wenn auch unerhörter, Verehrer, Dr. Mandelberg diagnostiziert eine Verstopfung und empfiehlt Kamillentee. So fängt dieser aberwitzige Trip an, der uns über einige von Gretchens Lebensstationen erwartungsgemäß nach Gwynfear führt. Unterwegs begegnen wir allerhand ungewöhnlichen Figuren, unter anderem einem Taxifahrer, der behauptet Wikipedia auswendig zu kennen, aber nur elektrische Zahnbürsten verkaufen will, einem Wiener Lehrer, der Gretchen ob ihrer Regiearbeit am Burgtheater zur Sau macht, einem Pfarrer für alle Weltreligionen, einem Richter mit Vorliebe für Absinth und Camus, Stalin, dem Kater und einem Haubentaucher namens Charles Manson. Wie auch schon in Harold ist dieser Roman reich an Anspielungen und Assoziationen. einzlkind jongliert mit Namen aus der Literatur und dem Theater, dass es eine reine Freude ist. Tykwer, Halldór, Grass, Rainald Goetz, Alexander Kluge, Sophie Rois, Bertolt Brecht, Thomas Bernhard – sie Alle tauchen mehr oder weniger verschlüsselt in dieser aberwitzigen Geschichte auf. Selbst die Kapselkaffee-Werbung von George Clooney ist es wert, Erwähnung zu finden. Auf Bezüge zu Joyce und seinen Ulysses, die noch in Harold so zahlreich waren, müssen wir allerdings bis zum Schluss warten. Es ist nicht zuviel verraten, wenn gesagt wird, dass Gretchen mit dem selben Wort endet wie der Ulysses – Ja.

    Gegen Ende des ersten Aktes landet Gretchen vor Gericht. Diese Gerichtsverhandlung ist ein dramaturgischer Höhepunkt des Romans, ein absurdes Theater, mit Gretchen und dem Richter als Hauptdarstellern und einem Publikum, das unterhalten werden möchte – Abonnenten-Publikum und aufgespritzte Champagner-Drosseln. Ihr wird Trunkenheit am Steuer vorgeworfen, zudem soll sie mit ihrem Jaguar ein Polizeiauto demoliert haben („Sechs oder sieben Gläser. Auf keinen Fall mehr als acht.“). Der Richter hat ein Faible für außergewöhnliche Urteile, die eher als Erziehungsmaßnahme zu werten sind. Und so wird Gretchen zu vier Wochen Gwynfear verdonnert, wo sie eine Theateraufführung mit den Bewohnern einstudieren und aufführen soll.

    Tomatensaft oder Blut?

    Die Überfahrt nach Gwynfear leitet den zweiten Akt ein. Der Fährmann, ein Fischer, ist Gretchen intellektuell ebenbürtig und sogar in Modedingen bewandert. Auf Gwynfear, das sich auch als Böcklins Toteninsel vorstellen lässt, wird unsere Heldin wie ein Staatsgast empfangen. Die Bevölkerung entpuppt sich als kultur- und theaterbegeistert und gefällt sich in mehr oder weniger fachkundigen Bemerkungen und Gesprächen. Hier lernt die Frau Intendantin dann auch den schweigsamen Kyell kennen, den sie zu ihrem Assistenten macht. Peer Gynt ist das Stück ihrer Wahl. Dieser Vorschlag stößt allerdings nicht auf allzu viel Gegenliebe bei den Einheimischen. Aber da Gretchen ohnehin nur wenig Lust hat, überhaupt ein Stück zu inszenieren, überlässt sie schließlich Tule, einem mit Kyell befreundeten Journalist, die ganze Arbeit und freie Hand. Gretchen scheitert derweil lieber bei dem Versuch, einige kernige Schotten, die abgelegen auf der Insel hausen, mit deren selbst gebranntem Whisky unter den Tisch zu saufen. Anschließend schläft sie drei Tage.

    In Tules selbständiger „Regiearbeit“ geht es um den Tod, oder besser um die Frage: Tomatensaft oder Blut. Gretchen ist nicht angetan, fürchtet um ihren posthumen Ruf und spricht ein Machtwort. Es wird wieder Peer Gynt einstudiert. Und wer schon die ganze Zeit auf die Gretchenfrage gewartet hat, im zweiten Akt wird sie gestellt.

    Der dritte Akt besteht nur aus einem einzigen Kapitel und gilt dem letzten Tag Gretchens auf Gwynfear. Mehr soll hier nicht verraten werden.

    einzlkind beherrscht das literarische Handwerk perfekt. Gretchen ist bei allem Humor und Witz ein ernster und durchaus melancholischer Roman, der nicht weniger verhandelt als große Themen wie das Leben, die Kunst und den Tod. Es ist die große Kunst von einzlkind, Melancholie und Humor in diesem wunderbaren Roman zu einer Einheit geformt zu haben und dabei auf jeden Klamauk zu verzichten.(„Humor ist eine sehr ernste Angelegenheit, deshalb verstehen lustige Menschen Humor ja auch nie“)

    Und wir sollten uns von dem undeutlichen Autorenfoto nicht blenden lassen – was ist, wenn einzlkind eine Frau ist? Aber eigentlich ist das auch egal. Gretchen ist ein würdiger Nachfolger von Harold. Und der Umschlagtext „Sie haben Harold geliebt? Dann werden Sie Gretchen hassen.“ ist eine kokette Warnung. Sie werden Gretchen lieben.

    Aber lassen wir unserer Heldin das letzte Wort: „Hauptsache, du benutzt kein Pseudonym. Es gibt nichts Schlimmeres, als Schriftsteller mit einem Pseudonym.“

    Edition Tiamat, Berlin 2013, 240 S., € 18,-

  • Mein liebstes Twitter-Gedicht

    Mai 8th, 2013

    Twitter-Gedicht

  • Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

    März 4th, 2013

    Als Wibke Ladwig die Blogparade zum Thema „Und was machen Sie so beruflich?“ ins Leben rief, fühlte ich mich sofort angesprochen. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir nämlich, zu erklären, was ich den ganzen Tag so mache.

    Ich habe schon viele verschiedene Dinge gemacht in meinem Leben, in Kneipen gearbeitet, Fenster geputzt, ohne Erfolg Design studiert, einen Radwanderführer über das Rhônetal geschrieben… Und dennoch bin ich kein Wirt geworden, Fensterputzer auch nicht, Designer erst recht nicht und ein Reiseschriftsteller ist aus mir – leider – auch nicht geworden.

    Buchhändler

    Meine erste „richtige“ Ausbildung wurde mir vom Arbeitsamt in einem Alter spendiert, in dem andere schon zweimal den Job gewechselt haben. Ich wurde Buchhändler. Nichts besonders Aufregendes, aber ich wollte das schon lange und es hat Spaß gemacht. Dem Sortiment blieb ich dann für zwanzig Jahre treu.

    Nachdem ich bis dahin die Frage, was ich denn so machte, immer mit „dies und das“ beantwortete, konnte ich jetzt mit einem richtigen Beruf aufwarten. Der Glamourfaktor war gleich null, aber wenigstens konnten sich die meisten darunter etwas vorstellen, auch wenn sie mit Büchern nichts am Hut hatten.

    Suhrkamp

    Schwerer wurde es, als ich zu Suhrkamp ins Verlagsgeschäft wechselte. Dann lautete die Frage ob ich Lektor sei. Dass es in einem Verlag auch noch andere Abteilungen gab, war nur den Wenigsten bewusst. Auf meine Antwort, ich sei in der Verkaufsabteilung und hätte viel mit Buchhändlern zu tun, erntete ich meist ein „Aha“. Die Verkaufsabteilung strahlte offensichtlich nicht soviel Glanz aus wie das Lektorat. Einer fragte mal, welche Druckmaschinen wir verwendeten und war enttäuscht zu erfahren, dass Verlage in der Regel nicht selbst druckten.

    Aber immerhin konnten einige mit dem Namen Suhrkamp etwas anfangen. Das war nicht selbstverständlich.

    Bei Menschen, für die Bücher etwas waren, das irgendwo im Regal stand und Staub fing, erntete ich bei dem Namen Suhrkamp meist ein ungläubiges Kopfschütteln. Dann halfen nur noch die Hausheiligen, Brecht, Hesse, Frisch – an diese Namen aus der Schulzeit erinnerten sich noch einige.

    Nicht zuletzt deshalb habe ich es immer genossen, mit Menschen aus der Branche oder Literaturliebhabern zu tun zu haben – man wusste wovon man sprach und verstand sich in der Regel.

    Social-Web

    Während meiner Zeit bei Suhrkamp kam ich erstmals mit dem sog. Social-Web in Berührung. Eine Freundin hatte mir eine Einladung zu Xing geschickt. Irgendwann versuchte ich mich anzumelden, war aber schnell genervt von der Anmeldeprozedur und brach die Formalität ab. Das hatte zur Folge, dass mich Xing ständig darauf hinwies, meine Anmeldung sei noch nicht vollständig, ich möge sie doch abschließen. Um endlich meine Ruhe zu haben, tat ich Xing den Gefallen. Schnell fand ich Freude an dieser Art der Kommunikation und trieb mich in Musik- und Literaturforen rum. Es hat viel Spaß gemacht. Bevor Suhrkamp selbst in den sozialen Netzwerken aktiv wurde, habe ich über Xing Social-Media-Marketing für den einen oder anderen Suhrkamp-Titel betrieben.

    Am wichtigsten aber war, dass ich über Xing Menschen mit ähnlichen Interessen kennengelernt habe. Mit manchen bin ich heute befreundet. Es war mir immer wichtig, dass sich das virtuelle Leben im realen wiederfindet. Lange Zeit war Xing das einzige Netzwerk, dass ich nutzte. Ich vermisste nichts und als ich erstmals von Twitter hörte, musste ich mir erklären lassen, was das sei. Nun gut, irgendwann folgte dann auch Facebook.

    Berlin – Frankfurt – Berlin

    Als der Suhrkamp Verlag ankündigte im Januar 2010 nach Berlin umzuziehen, war meine Begeisterung gedämpft. Ich war zehn Jahre vorher von Berlin nach Frankfurt gezogen und hatte mich langsam mit der Stadt am Main angefreundet. Außerdem war ich mittlerweile in Frankfurt viel besser vernetzt als in Berlin. Dennoch, ich war nicht mehr der Jüngste, suchte ich eine Wohnung in Berlin und fand sie im Prenzlauer Berg. Es war vermutlich die schönste und größte Wohnung, die ich jemals hatte und doch habe ich sie nie gesehen.

    Je näher der Umzugstermin rückte desto größer wurde mein Unbehagen. Ich brauchte eine Alternative. Eine Bewerbung bei einem Frankfurter Verlag hat nicht geklappt. Das war schade, aber wenn man sich bewirbt, muss man auch damit rechnen, abgelehnt zu werden.

    Die Alternative fand sich dann im Dezember 2009, kurz vor dem Umzug des Suhrkamp Verlags. Ich traf mich mit einem befreundeten Verleger eines Regionalverlags in Frankfurt. Er spielte schon lange mit dem Gedanken, ein Geschäft für lokale Produkte in Frankfurt zu eröffnen. Wir einigten uns, das zusammen zu machen. Alles klang ganz wunderbar und realistisch. Ich erwartete eine Abfindung, die ich investieren wollte, einen Teil jedenfalls.

    Selbstständigkeit

    Am zehnten Jahrestag meines Einstiegs bei Suhrkamp kündigte ich und machte mich, nach dreimonatiger Arbeitslosigkeit, selbsständig.

    Seit dem habe ich ein Problem zu erklären, was ich denn eigentlich mache.

    Vielleicht sollte ich mich Bauarbeiter nennen, in einem übertragenen Sinne natürlich. Ich bin auf vielen Baustellen unterwegs und bei manchen ist noch eine Menge Sand im Getriebe.

    Die Idee, einen Laden für regionale Produkte zu eröffnen, ließen wir schnell fallen. Statt dessen entschieden wir, diese Produkte selbst zu entwickeln und herzustellen und andere sie verkaufen zu lassen. Das haben wir getan. Aber diese Firma ist auch noch eine Baustelle, die Website ist z. B. noch nicht fertig und es gibt noch nicht genügend Produkte.

    Irgendwann erreichte mich eine Anfrage des Fischer-Taschenbuchverlags. Es wurde jemand gesucht, der in der Klassiker-Reihe eine Anthologie zum Thema „Spaziergang“ herausgab. Diesen Auftrag habe ich sehr gerne angenommen. Bereits im folgenden Jahr stellte ich wieder für den Fischer-Taschenbuchverlag eine weitere Anthologie zusammen, diesesmal lautete das Thema „Eisenbahn“. Ich hatte es vorgeschlagen und der Verlag war einverstanden. Leider wurde die Reihe mittlerweile sehr reduziert und es blieb bei diesen zwei Büchern.

    In der letzten Woche habe ich, wieder als Herausgeber, ein Lesebuch für den B3 Verlag in Frankfurt fertig gestellt. Es wird Mitte März erscheinen.

    Dieser B3 Verlag ist in Frankfurt Bockenheim beheimatet. Dort habe ich auch mein Büro. Für den Verlag betreue ich die Website, die dringend renovierungsbedürftig ist, und bespiele Twitter und Facebook. Neue Bücher stelle ich bei Book2Look ein und wenn`s ein E-Book werden soll, erledige ich das über Bookwire. Im Tagesgeschäft kümmere ich mich um die Aufträge und erledige hin und wieder Marketingaktionen, wie Mailings etc.

    Die ursprüngliche Idee, ein Geschäft für regionale Produkte zu eröffnen, wurde dann doch verwirklicht, wenn auch ohne mich. Den Hessen Shop gibt es mittlerweile dreimal in Frankfurt sowie als Shop in Shop System in allen sechs Hugendubel-Filialen im Rhein-Main-Gebiet. Für den Hessen Shop betreue ich die Facebook und Twitter-Accounts. Außerdem habe ich eine Pinterest-Seite eingerichtet. Seit Anfang März pflege ich auch die Website des Hessen Shops, technisch und inhaltlich. Das ist eine weitere, große Baustelle, die mich viel Zeit kosten wird. In der nächsten Zeit werde ich mich also in das Redaktionssystem der Seite einarbeiten.

    Social-Media-Anwendungen nutze ich täglich, privat und beruflich. Insgesamt betreue ich je fünf Facebook und Twitter-Accounts. Demnächst werden es noch mehr werden. Manche dieser Accounts, z. B. die Facebook-Seite des kulturellen Online-Magazins Faust-Kultur, betreue ich ehrenamtlich, aus Idealismus. Da wird kein Geld verdient, jedenfalls zur Zeit noch nicht, und mir gefällt die Seite sehr. Für so ein wunderbares Projekt investiere ich gerne etwas von meiner Zeit.

    Als Social-Media-Profi würde ich mich aber niemals bezeichnen, da gibt es andere, die mit dem Thema wesentlich vertrauter sind als ich. Auch beschränke ich mich auf Twitter, Facebook und Pinterest. Mit Google+ zum Beispiel habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich weiß auch noch nicht, worin der Nutzen einer weiteren Plattform besteht. Nicht zuletzt ist es auch ein Zeitproblem.

    Obwohl ich recht „amateurhaft“ mit Social-Media umgehe, halten mich manche doch für einen „Profi“, gemessen an ihren eigenen Fähigkeiten und Ängsten. Also helfe ich hin und wieder anderen bei ihren ersten Schritten in das soziale Netz.

    Zu guter Letzt bin ich mit ehemaligen Verlagskolleginnen und Kollegen in den Vorbereitungen für die Gründung einer weiteren Firma. Wir brauchen aber noch ein paar Wochen und vorher wird nichts verraten.

    Für Aussenstehende klingt das alles sicher recht verwirrend. Aber hinter all diesen Aktivitäten steht ein Netzwerk von nur wenigen Personen. Intern ist alles also recht überschaubar und die Wege sind kurz – und Bauarbeiter schätzen kurze Wege.

    Nachtrag vom Januar 2014

    Als Selbsständiger bewegt man sich auf dünnem Eis. Ich habe das jetzt zu spüren bekommen. Sollte ich jetzt diesen Beitrag schreiben müssen, er würde vollkommen anders aussehen, denn 90% der oben geschilderten Umstände sind mittlerweile hinfällig. Ich orientiere mich jetzt neu.

  • 95 Jahre Oktoberrevolution

    Oktober 25th, 2012

    Vor genau 95 Jahren, im Oktober 1917 veränderte die Russische Oktoberrevolution die Welt. Einer der Chronisten dieses historischen Ereignisses war der amerikanische Journalist John Reed (1887 -1920).

    Seine Erlebnisse hielt er in dem Buch „10 Tage die die Welt erschütterten“ (orig.: Ten Days that Shook the World) fest. Der Führer der Russischen Revolution, W.I. Lenin, war von dem Buch des Amerikaners derart angetan, dass er ein Vorwort verfasste. Lenins Nachfolger, Josef Stalin, missfiel jedoch die positive Darstellung Leo Trotzkis und er verbot Reeds Buch.

    Cover von John Reed „10 Tage die die Welt erschütterten“.

    Meine Ausgabe von „10 Tage die die Welt erschütterten“ habe ich vor vielen Jahren für 3 DM einem Kreuzberger Trödler abgekauft. Es ist die erste Auflage aus dem Dietz Verlag Berlin von 1957 und sehr gut erhalten. Leider fehlt der, von John Heartfield entworfene, Schutzumschlag. Aber auch so ist es ein ausgesprochen schön gestaltetes Buch. Es ist fadengeheftet, auf schönem Papier gedruckt und in grobes Leinen gebunden. Der Titel ist im Prägedruck aufgebracht.

    1957, vier Jahre nach Stalins Tod, hatte auch die DDR dem Stalinismus abgeschworen und so konnte das Buch wieder erscheinen (die erste deutsche Ausgabe erschien 1922). Ich nehme an, „10 Tage die die Welt erschütterten“ wurde daraufhin zu einer Art Volksbuch in der DDR, das zu allen möglichen Anlässen verschenkt wurde.

    Widmung für Elli Lehmann vom 17.12.1957

    Mein Exemplar jedenfalls wurde am 17.12.1957 einer gewissen Elli Lehmann zugeeignet, wahrscheinlich als Anerkennung ihrer Arbeitsleistung im Dienste des Sozialismus. Der gute Zustand meiner Ausgabe lässt allerdings vermuten, dass Elli von der Lektüre Abstand genommen hat.

    John Reed verliess im April 1918 die Sowjetunion in Richtung USA. Nachdem er aus der dortigen Sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wurde, gründete er mit Anderen die kommunistische Partei der USA, CPUSA, und wurde deren Vorsitzender. Als er 1919 in den USA wegen Hochverrat angeklagt wurde, verließ er das Land und kehrte in die Sowjetunion zurück, wo er 1920 an Typhus erkrankte und verstarb. John Reed wurde, als einer der wenigen Ausländer, an der Kremlmauer begraben.

    In fünf Jahren, zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution, werde ich „10 Tage die die Welt erschütterten“ auch mal lesen. Das bin ich Elli Lehmann schuldig.

    Nachtrag: Alle Daten und Fakten zu John Reed habe ich bei Wikipedia zusammen geklaubt.

  • Meine Buchmesse 2012

    Oktober 22nd, 2012

    Zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse fühlte ich mich wie ein begossener Pudel. Es regnete heftig, als ich gegen neun Uhr am Sonntagabend auf mein Rad stieg um quer durch Frankfurt nach hause zu fahren. Endlich dort angekommen, zog ich noch im Flur die nassen Klamotten aus und trockene an, rubbelte die tropfenden Haare und stiefelte beschirmt ins Wirtshaus. Hunger, Durst und das drohende schwarze Loch, in das ich bislang nach jeder Messe, diesem Familientreffen, gefallen bin, trieben mich dorthin.

    Suhrkamp

    Den letzten Messetag verbrachte ich bei den ehemaligen Kollegen vom Suhrkamp Verlag. Ich durfte beim Verkauf helfen und anschließend beim Abbau. Mein blaues Suhrkamp Namensschild hatte ich noch, jetzt konnte ich es wieder mal tragen. Mit Suhrkamp hörte die Messe auf, mit Suhrkamp fing sie an.

    Am Dienstag half ich mit, den Stand mit Büchern zu bestücken. Jetzt kenn ich mich wieder etwas besser mit dem aktuellen Programm aus. Früher hatten wir immer Schwierigkeiten, all die Bücher im Messestand unterzubringen, jetzt hat der Verlag einen neuen und man musste sich anstrengen, die Regale mit Büchern zu füllen. Viel Platz also für eine frontale Präsentation, was ja auch eine schöne Sache ist.

    Das sind die besonderen Momente, vor Beginn oder am Ende der Messe, wenn das Publikum noch nicht, oder nicht mehr durch die Gänge strömt, am Dienstag voller Vorfreude und am Sonntag erleichtert, dass es vorbei ist und deswegen auch ein bißchen traurig. Dazwischen liegen ereignisreiche, lange Tage und kurze Nächte.

    Am Mittwoch brachte ich meinen kleinen Büro-Laptop zum Stand von Faust-Kultur und bestellte nach Anweisung mein Passwort für den WLAN-Zugang der Messe. Fürderhin war ich der Einzige bei Faust-Kultur, der den Laptop morgens mit dem Buchmesse-Netz verbinden konnte. Die Apfelnutzer wussten mit dem Windows Rechner nicht so recht umzugehen.

    Liebeskind Verlag und Twittwoch

    Es folgte mein üblicher Trampelpfad, auf der Suche nach bekannten Gesichtern und einem spendierten Kaffee nebst Keksen. Wie immer freundschaftlich empfangen wurde ich beim Liebeskind Verlag. Für lebenswichtige Dinge wie Kaffee, Wasser, tolle Bücher und nicht zuletzt nette Menschen ist Liebeskind meine erste Adresse. Und irgendwann hat der Verlag auch eine eigene Facebook-Seite, ganz sicher.

    Am Mittwochnachmittag stand dann der schon tradionelle Twittwoch auf dem Programm, ein Highlight. In 15-minütigen Präsentationen stellten Verlage und Andere ihre Social-Web-Aktivitäten vor. Mir besonders im Gedächtnis geblieben ist die Vorstellung des Spektrum Wissenschafts-Verlags, der auf erfrischende, informative und sehr kurzweilige Art seine Präsenz auf Facebook und Twitter darstellte. Etwas ganz Besonderes aber lieferten die beiden sympatischen Damen des Onkel&Onkel Verlags. Mutig, genau und sehr selbstbewusst schilderten sie die Geschichte eines Scheiterns. Über eine Crowdfunding Plattform hatten sie versucht, € 10000,- für ein Buchprojekt zu sammeln. Es kamen lediglich ca. neunhundert Euro zusammen, das Projekt war grandios gescheitert. Sehr offen erläuterten die beiden Frauen alle Maßnahmen, die sie ergriffen hatten, um ihr Projekt zu verwirklichen. Am Ende nutzte alles nichts und sie gaben auf. Das Social Web ist kein Goldesel, das wurde deutlich. Leider blieb keine Zeit um über die Gründe dieses Scheiterns zu diskutieren. Dieser Messe-Twittwoch war wieder eine spannende und unterhaltsame Veranstaltung. Die umtriebige Wibke Ladwig hatte ihn mit organisiert und auch flott und witzig moderiert. Die üblichen technischen Schwierigkeiten („kein Netz, arrrgh!“) gehören wohl dazu.

    Eine Einladung des Knaus Verlags zu einer Messeparty (Betreutes Trinken) habe ich ausgeschlagen. Ich war müde und saß noch mit einigen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in einer stylischen Burger-Bude in Bockenheim.

    Literatur-Nobelpreis und Besuch aus Stuttgart

    Am Donnerstag wurde dann der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger bekannt gegeben. Der chinesische Autor Mo Yan wurde geehrt und freuen durfte sich auch der Schweizer Unionsverlag, der die meisten Titel des Autors im Programm hat. Am Stand von Suhrkamp/Insel herrschte ebenfalls dichtes Gedränge. Mit „Die Sandelholzstrafe“ liegt im Insel Verlag ein Hauptwerk des neuen Nobelpreisträgers vor. Man hatte vorgesorgt und einige Exemplare dieses Titels vorrätig. Und auch die chinesische Regierung hatte nichts gegen den Preisträger einzuwenden, gilt Mo Yan doch als systemkonformer Künstler.

    Am Donnerstag reiste auch mein alter Freund, der Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, Joe Bauer in Begleitung seiner Lebensgefährtin an. Sie wollten die Lesung Richard Fords, die am Abend im Schauspiel stattfinden sollte, besuchen. Von Joe ist zur Messe sein mittlerweile viertes Buch erschienen, die Kolumnensammlung – „Im Kessel brummt der Bürger King. Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart“. Wir trafen uns am Stand seines Berliner Verlegers Klaus Bittermann (Edition Tiamat).

    Der Donnerstagabend ist traditionell dem Fest des S.Fischer Verlags vorbehalten. Da trifft man dann alle, die man sonst im Messetrubel nicht trifft. Entsprechend voll ist es immer. Und so ist die Ankündigung „Bis heute Abend bei Fischer“ mit Vorsicht zu geniessen. Viele trifft man eben doch nicht dort, oder wenn, reicht es oft nur zu einem kurzen Gruß. Ich habe etliche Leute nicht gesehen, obwohl sie da waren. Aber meinen ehemaligen Kollegen und Freund Florian Andrews begegnete ich beim Fischerfest. Wir belegten einen Stehtisch im hinteren Teil des Verlagshofes und verließen den auch den ganzen Abend nicht mehr. Die Kellner hatten unseren Tisch fest in ihre Route eingeplant, so dass an Wasser und Wein kein Mangel herrschte. Viele Bekannte und Unbekannte fanden sich im Laufe des Abends an unserem Tisch ein. Es war unterhaltsam und kurzweilig und um kurz nach zwölf war wie immer Schluss.

    Stephan Thome und Henry Jaeger

    Am Freitag traf ich Stephan Thome am Suhrkamp Stand. Wir plauderten ein wenig und ich lies mir seinen wunderbaren Roman „Fliehkräfte“ signieren. Sein erstes Buch, „Grenzgang“ hat mir allerdings noch besser gefallen. Der Roman ist ein Meisterwerk und „Fliehkräfte“ kommt nicht ganz an ihn heran.

    Am Abend wurde dann der „Virenschleuder-Preis“ verliehen, eine Auszeichnung für originelle Social-Media-Marketing-Aktivitäten. Ich konnte leider nicht teilnehmen. Um 20 Uhr präsentierten der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph und der Grimme-Preisträger Peter Zingler im Rahmen der Lesereihe „Open Books“ im Frankfurter Kunstverein den Roman „Die Festung“ des Frankfurter Autors Henry Jaeger. Jaegers Sohn Marcus erzählte, wie es war, als Sohn eines Bankräubers und Bestsellerautors aufzuwachsen. Als Kind war für ihn ein Schriftsteller jemand, der Telefonbücher schrieb.

    „Die Festung“ erschein erstmals vor fünfzig Jahren und ist mittlerweile, ebenso wie sein Autor, fast vergessen. Jaeger, ein ehemaliger Bankräuber und Kopf der „Jaeger Bande“ hatte, um dem Wahnsinn zu entgehen, den Roman im Knast geschrieben. Er wurde ein Welterfolg und mit Hildegard Knef und Martin Held verfilmt. Der Frankfurter B3 Verlag hat das Buch jetzt dankenswerterweise wieder aufgelegt.

    Im Anschluss an die Lesung zogen wir weiter ins Literaturhaus. Dort feierten, erstmals an diesem Ort, die sog. Independant Verlage ihr Messefest. Vor der Party wurde zunächst der Preis der Hotlist vergeben, der Buchpreis der unabhängigen Verlage. Er ging in diesem Jahr an den Grazer Literaturverlag Droschl für den Roman „Dunkelheit am Ende des Tunnels“ von Tor Ulvens. Im ersten Stock war ein Büchertisch eingerichtet, an dem man die nominierten Titel einsehen und kaufen konnte.

    Bundespräsident Gauck und Cosplayer

    Der Samstag ist der erste Publikumstag, wie immer wurde es sehr voll. Die Cosplayer mit ihren phantasievollen Kostümen belagerten den riesigen Messehof. Es schienen mir aber weniger zu sein als in den letzten Jahren.

    Den Publikumstag nutzte auch Bundespräsident Gauck zu einem Besuch der Messe. Ungeplant bin ich in Halle 4 hängengeblieben. Sicherheitsleute hatten den Eingang abgesperrt. Ich wartete in der ersten Reihe. Als er dann schnellen Schritts und fröhlich winkend, durch die Halle zur Rolltreppe eilte, machte ich ein paar unscharfe Fotos. Hinter mir rief jemand „Hallo, Herr Bundespräsident“. Auf seinem Messerundgang hat der Präsident dann auch noch den Suhrkamp Verlag besucht und mit Geschäftsführer Thomas Sparr und Stephan Thome geplaudert.

    Thome hatte ich am Mittag zufällig am Stand der ARD gesehen. Ein Journalist, dessen Namen mir entfallen ist, sprach mit ihm über „Fliehkräfte“. Er beendete das Gespräch mit der Bemerkung, „Fliehkräfte“ sei ein „schöner, kleiner Roman“. Das trieb Thome, angesichts der 470 Seiten seines Romans, ein entsetztes Lächeln ins Gesicht. Als der ARD Mann sich korrigierte, liefen die Kameras bereits nicht mehr.

    Am Abend wollte ich, nach einem Abendessen in einem Bornheimer Wirtshaus, gegen 21 Uhr ins Literaturhaus fahren. Es war wieder Party und Tanzen angesagt. Diesesmal das Abschlussfest der „Open Books“ Lesereihe. Just in diesem Moment fing es heftig zu regnen an, so dass ich, statt ins Literaturhaus zu radeln, lieber nach hause fuhr.

    Wahrscheinlich eine gute Entscheidung, denn ich musste ja am nächsten Tag um zehn Uhr am Suhrkamp Stand erscheinen.

    Messedienstag - Aufbau bei Suhrkamp.
    Messedienstag – Aufbau bei Suhrkamp.
    Halle 4.1. „State of Art“ genannt, wieso auch immer.
    Am Mittwoch ist es noch angenehm.
    Präsentation des Gastlandes Neuseeland
    Es gab auch Bücher in der Halle des Gastlandes
    Manch Einer hat sich in dem künstlichen See nasse Füße geholt.
    Rainald Goetz liest
    Durch das Treppenhaus konnte man den überfüllten Rolltreppen entgehen.
    Fototermin mit Maori-Männern.
    Im Hof.
    Openair Konzert mit neuseeländischen Muskerinnen.
    Stephan Thome bei der ARD "Ein schöner, kleiner Roman".
    Stephan Thome bei der ARD „Ein schöner, kleiner Roman“.
    Der Bundespräsident winkt.
    Publikumstag – der Bundespräsident winkt.
    Von hier sieht Frankfurt aus wie eine Großstadt.
    Messeschatten
    Es gab auch ruhige Plätzchen.
    Claude-Oliver Rudolph und Peter Zingler stellen "Die Festung" von Henry Jaeger vor.
    Open Books – Claude-Oliver Rudolph und Peter Zingler stellen „Die Festung“ von Henry Jaeger vor.
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