• Das besoffene Schwein oder Meine Berlinale

    Februar 15th, 2015

    Die Berlinale ist zu Ende. Das freut, nein, erleichtert mich etwas. Die ausführliche Berichterstattung auf Radio Eins weckte wehmütige Erinnerungen an Zeiten, die ich selbst bei der Berlinale verbracht habe. Über Jahre war ich dabei, nahm eine Woche frei und ging ins Kino. Auch schon zu Zeiten, als das Festival rund um den Zoopalast und das Delphi-Kino in West-Berlin angesiedelt war. Um Karten habe ich mich nie im Vorverkauf bemüht. Für Filme aus den Panorama- oder Forum-Reihen bekam man meistens noch Tickets an der Kasse, ebenso für Wettbewerbs-Wiederholungen. Es genügte eine halbe Stunde vor Filmbeginn dort zu sein. Hin und wieder bekam ich dann auch mal eine Karte geschenkt von Leuten, die sie selbst nicht nutzen konnten. Eine Freundin war Kamerafrau und bei der Berlinale akkreditiert. Sie versorgte mich ebenfalls gelegentlich mit Freikarten. Das lief nach dem Zufallsprinzip. Sie bekam nur jeweils eine Karte pro Film und auch nur eine für zeitgleich laufende Vorführungen. Ich mußte mich also danach richten, was sie sehen wollte und wußte daher oft nicht, was mich erwartete. Auf diese Weise habe ich Filme gesehen, die niemals den Weg zu einem deutschen Verleih gefunden haben. Die meisten davon habe ich vergessen aber einige sind mir im Gedächtnis haften geblieben.

    Am eindringlichsten erinnere ich mich aber an einen Dokumentarfilm, dessen Titel mir mittlerweile entfallen ist und den ich mir ohne die Berlinale sicher niemals angesehen hätte. Der Film stammte, so ich mich richtig erinnere, von zwei französischen Regisseurinnen, vielleicht waren es auch Engländerinnen. Er behandelte ein japanisches Internat, nicht irgendeins, sondern ein Internat, in dem Catcherinnen ausgebildet werden. In Japan scheint Frauencatchen eine angesagte Sache zu sein, bei der viel Geld im Spiel ist. Der Film begleitete die Frauen in ihrem Alltag, einem Alltag der geprägt war von Disziplin, Training und militärischen Drill. Sie wurden angebrüllt und gedemütigt, wie man es sich nur auf einem Kasernenhof vorstellen kann. Die Aufseherin, anders kann man es nicht sagen, war eine kräftige Frau mit kurzgeschorenen Haaren, die versuchte die künftigen Catcherinnen zu Kampfmaschinen zu erziehen. Die Dokumentation folgte einer jungen Kämpferin, die etwas zierlicher war als ihre Kolleginnen. Ihr Schicksal war exemplarisch. Dadurch, daß die Kamera immer sehr nah am Geschehen war, entwickelte der Film eine ungeheure Intensität, was unter anderem dazu führte, daß ich ihn auch nach Jahren noch sehr deutlich vor Augen habe. Die Ausbildung der Frauen, während der es kein Privatleben gibt, dauert ein Jahr. Nur eine Frau hat aufgegeben in der Zeit, alle anderen haben durchgehalten. Nach diesem Jahr werden die Frauen in ihre ersten Profikämpfe geschickt. Ich ertappte mich wie ich die Fäuste ballte, mit der Protagonistin mitfieberte und sie innerlich anfeuerte als sie erstmals im Ring stand: „Mach sie fertig, hau sie um, laß dich nicht unterkriegen, wehr dich…“. So in etwa lautete mein innerer Monolog. Sie hat den Kampf verloren.

    Mein schönstes Kinoerlebnis habe ich ebenfalls der Berlinale zu verdanken. Es war das Jahr, in dem Detlev Bucks Film Wir können auch anders im Wettbewerb lief. Der Film bedeutete den Durchbruch für Joachim Król als Schauspieler. Meine damalige Nachbarin und gute Freundin kannte Król aus gemeinsamen Schulzeiten in Herne. Sie waren Jugendfreunde. Król besuchte sie als er mit dem Film bei der Berlinale war. Am nächsten Tag gab es für einige Freunde und Bekannte eine Privatvorführung von Wir können auch anders im Delphi-Kino. Ich durfte dabei sein. Es saßen vielleicht 17 Leute in dem riesigen Kinosaal, dabei auch Sophie Rois. Anschließend gingen wir mit einer kleiner Gruppe irgendwo was trinken, leider ohne Sophie Rois. Joachim Król plauderte ein bißchen aus dem Nähkästchen über die Entstehungsgeschichte des Films, zum Beispiel, wie sie versucht haben, das Schwein mit in Bier getränktem Brot ruhig zu stellen. Das sind die unvergesslichen Geschichten, die das Kino schreibt. Der Film ist bis heute eine meiner liebsten Komödien und der Satz „Gelder sind vorhanden“ gehört seither zu meinem aktiven Wortschatz.

    Natürlich kann man das ganze Jahr ins Kino gehen, aber es ist die besondere Atmosphäre, die ein Festival wie die Berlinale zu etwas Besonderem macht. Morgens um neun sitzt man normalerweise nicht im Kino, bei der Berlinale schon. Und drei Filme schaut man auch nicht an einem Tag, bei der Berlinale schon (ich weiß, es gibt Leute, die schaffen fünf). Im Kinosaal herrscht eine besondere Spannung, die noch geschürt wird vom Festival-Trailer und der Musik. Und dann geht es los. Die Filme werden immer in Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt und anschließend gibt es Applaus oder eben auch Pfiffe. Nach dem Abspann stehen Regisseure und Darsteller für Fragen zur Verfügung. In den Pausen zwischen zwei Filmen versucht man irgendwo einen Platz zu finden, wo man in Ruhe einen Kaffee trinken, oder was essen kann. Und dauernd begegnen einem Menschen, die man sonst nur im Kino oder im Fernsehen sieht. Nach drei Filmen, mehr hab ich nie geschafft, brauchte ich abends immer eine ganze Weile um mich wieder im Alltag zurecht zu finden. Die Berlinale, das war immer eine Woche in einem Paralleluniversum, ein Ausflug ins Ungewisse und Andere. Und das muß ich unbedingt mal wieder haben, vielleicht nächstes Jahr

  • Mein 9. November 1989

    November 9th, 2014

    Ein ganz normaler Tag

    Wie jeden Tag fuhr ich am Morgen mit dem Rad zum Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg um in der dort gelegenen Buchhandlung Kiepert meinem Tagwerk nachzugehen. Niemand hat geahnt, daß am nächsten Tag alles anders sein würde.
    Nach Feierabend fuhr ich wieder heim, durch den Tiergarten und über die Brache des Potsdamer Platzes, ein Stück weit an der Mauer entlang. Es war dunkel, die Grenzanlage beleuchtet, wie immer. Es war ein ganz normaler Tag. Zuhause tat ich, was ich meistens tat. Ich machte das Radio an und kochte irgendwas. Nach dem Abwasch gab es eine Kanne Tee, ich machte das Radio aus und setzte mich, wie so oft, auf das Sofa um zu lesen. Gegen 20 Uhr 30 rief mein Bruder an, der damals noch am Bodensee lebte. Er wollte wissen was in Berlin los sei, er hätte gehört, die Mauer sei offen. Ich schaute aus dem Fenster, alles war wie jeden Tag am beschaulichen Chamissoplatz. Nichts, antwortete ich, alles sei wie immer. Mein Wissenstand zu dieser Zeit war, daß DDR-Bürger Reisepässe beantragen und damit dann frei reisen könnten. Es gab täglich neue Nachrichten über die Entwicklung in der DDR. Eine Öffnung der Mauer konnte sich trotzdem kaum jemand vorstellen.
    Nach dem kurzen Gespräch mit meinem Bruder widmete ich mich wieder dem Buch, später hörte ich wahrscheinlich Musik und trank Rotwein. Gegen 24 Uhr machte ich mich bettfertig und schaltete das Radio ein. Die Mauer sei offen, erfuhr ich.

    Heinrich-Heine-Straße und Oberbaumbrücke

    Ich zog mich wieder an, schleppte mein Rad runter und fuhr zum Übergang Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz.
    Dort war es wie die Bilder es zeigten; eine unendliche Reihe Trabis und Wartburgs drängte sich durch den Übergang, es wurde auf Autodächer getrommelt und Sekt verspritzt, Deutschlandfähnchen wurden geschwenkt. Der Gestank von Zweitaktergemisch lag in der Luft. An diesem Tag für viele der Geruch der Freiheit. Tausende Menschen in marmorierten Jeansjacken blickten ungläubig gen Westen.
    Ich fuhr weiter zur Oberbaumbrücke. Hier das selbe Bild, nur daß die Menschen zu Fuß kamen. Es war berührend, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Umarmt hatte ich niemanden, auch keinen Sekt getrunken.
    In dem Bewußtsein, einen historischen Moment zu erleben, setzte ich mich nach zirka zwei Stunden wieder aufs Rad und fuhr von Kreuzberg 36 nach Kreuzberg 61. In meiner Stammkneipe Malheur, Gneisenau- Ecke Solmsstraße, trank ich noch ein Bier, vielleicht auch zwei. Dort war nichts zu merken von der Maueröffnung, DDRler hatten sich dorthin nicht verirrt. Die zog es Richtung Ku-Damm. Gegen halbvier legte ich mich für einem kurzen Schlaf ins Bett.

    Der nächste Tag

    Am Morgen fuhr ich wie immer mit dem Rad zur Arbeit, wieder am Potsdamer Platz vorbei. Dort war dann nichts mehr wie immer. Die ersten sogenannten Mauerspechte machten sich mit Hammer und Meißel an der Mauer zu schaffen, die bis gestern noch das Hammer und Sichel-Paradies einschloss. Einige Meter weiter in Richtung Esplanade und Tiergarten standen zwei schwarze Limousinen, umringt von einigen Neugierigen. Ich blieb auch kurz stehen und sah wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker durch eine Lücke in der Mauer ging und die VoPos auf der anderen Seite mit Handschlag begrüßte. Ich fuhr weiter durch den Tiergarten. Am Ernst-Reuter-Platz dann der erste Unfall zwischen einem Mercedes und einem Trabi. Es war nichts Schlimmes, aber der Trabi war eindeutig der Verlierer. Die Buchhandlung wurde voll an diesem Tag, wie an vielen folgenden Tagen auch, sehr voll. Viele Menschen aus dem Osten nutzten ihr Begrüßungsgeld um sich mit Lektüre zu versorgen, die sie in der DDR nicht lesen durften oder nicht bekamen: Stefan Heym, George Orwell und viele andere. Es gab große staunende Augen angesichts des Angebots der Buchhandlung – ein bißchen wie Kindergeburtstag mit vielen Oohs und Aaahs. Nicht nur die Buchhandlung war voll, alles war voll, die Straßen, die U-Bahnen, die Geschäfte. Bei Beate Uhse mussten die Leute geduldig sein, neue Besucher wurden nur noch eingelassen, wenn andere den Laden verließen. Die Schlange war sehr lang. Manche Aldi-Filiale schloss alle Stunde die Pforten um die Regale zu füllen. Das lag aber eher an den vielen Polen, die im Ford Transit anreisten und die Läden leerkauften um mit der Billigware zuhause einen guten Schnitt zu machen.
    Am Abend kam es zum wohl legendärsten Auftritt eines deutschen Männerchors. Bei einer „Freudenfeier“ vor dem Rathaus Schöneberg stimmten Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Walter Momper vor einer vieltausendköpfigen Menge die Nationalhymne an. Begleitet wurden sie von einem gellenden Pfeifkonzert, ob aus ideologischen oder musikalischen Gründen sei dahingestellt. Beides wäre möglich. Die TAZ hat die berühmte Aufnahme auf eine billige Plastik-Single pressen lassen und einer ihre nächsten Ausgaben beigelegt. Schade, daß ich die nicht mehr finde.

    Adieu Westberlin

    Am 10. Nov. kam mein Freund, der Journalist Joe Bauer, aus Stuttgart angereist. Er hatte einen der letzten Plätze im Flieger ergattert. Wir hatten schon öfter versucht, uns den Mauerfall vorzustellen. „Joe“, sagte ich dann immer, „wenn die Mauer fällt musst du kommen. Das müssen wir verhindern.“ Denn es ging uns ein bißchen wie Herrn Lehmann aus Sven Regeners gleichnamigem Roman.
    „Die Mauer ist offen.“
    „Was ist?“
    „Die Mauer ist offen.“
    „Ach du Scheiße.“
    Der Fall der Mauer bedeutete nicht nur den Untergang der DDR, er bedeutete auch den Untergang des Biotops Westberlin. Und welche Ausmaße das annehmen würde, konnte damals noch niemand ahnen.

    Eine Radtour

    Einige Tage später fuhr ich mit ein paar Freunden mit dem Rad durch Ostberlin. Das klingt banal, war aber was Besonderes. Zu Mauerzeiten war es verboten mit dem Rad nach Ostberlin einzureisen. Man durfte zwar auf dem Autodach ein Rad mitbringen und 50 Meter hinter der Grenze mit dem Fahrrad weiterfahren, aber mit dem Rad die Grenze passieren, das ging nicht, wieso auch immer. Aber jetzt ging das. In den letzten Tagen waren einige provisorische Grenzübergänge eingerichtet worden, am Brandenburger Tor etwa und am Potsdamer Platz. Dort reisten wir ein, tauschten Geld, denn den Zwangsumtausch gab es noch, allerdings zu einem deutlich besseren Kurs als 1:1. Vopos wurden mit Blumen beschenkt, Zäune mit Nelken und Rosen verziert. Jetzt radelten wir durch die Hauptstadt der DDR. Wir kreuzten den Alexanderplatz und fuhren immer weiter Richtung Osten. Ich weiß nicht mehr wo wir überall waren. Irgendwo sind wir in einem einfachen Lokal eingekehrt, haben Würstchen gegessen und Bier für vermutlich 57 Pfennige getrunken. Nach vier oder fünf Stunden war unser Ausflug beendet. Ich hatte Eisbeine, denn es war schweinekalt. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Die Stadt, die wir damals gesehen haben, gibt es mittlerweile so nicht mehr.

    Hamlet/Maschine

    Im November wurde im Deutschen Theater in Ostberlin die siebeneinhalbstündige Heiner Müller-Inszenierung Hamlet/Maschine uraufgeführt. Das letzte große Theaterstück der DDR, mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle. Die Proben begannen im August und die Premiere fand in einem anderen Land statt und das Stück bekam eine völlig andere Bedeutung. Es gelang mir für eine der folgenden Aufführungen eine Karte zu ergattern. Sie kostete 16 Mark der DDR, nach dem damaligen Kurs waren das ungefähr drei West-Mark. Ein beeindruckendes und trotz der Länge, kurzweiliges Theatererlebnis. Der Regisseur Christoph Rüter hat das Stück und die Arbeit daran in seinem sehr sehenswerten Film Die Zeit ist aus den Fugen trefflich dokumentiert.

    Die Zeit danach

    Die Wochen und Monate nach dem Mauerfall waren aufregend – vieles war möglich, es gab Freiräume. Ein Freund feierte Geburtstag im sogenannten Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade; im Sommer 90 verbrachte ich mit meiner damaligen Freundin ein Wochenende in Rheinsberg. Wir wohnten im Schloss, damals noch ein Sanatorium für Diabetiker. Sie hatten nicht genug Patienten und vermieteten einige Räume an Gäste. Das Doppelzimmer, zirka 40 qm groß, kostete 30 Mark. Gefrühstückt wurde mit den Diabetikern.

    Der Kaisersaal wurde inzwischen um 50 Meter verschoben und ist jetzt in das Sony-Center genannte Glas- und Stahlensemble neben dem Potsdamer Platz integriert. Heiner Müller und Ulrich Mühe sind verstorben, im Rheinsberger Schloss kann man mittlerweile nicht mehr übernachten, die Buchhandlung Kiepert hat den Mauerfall um 13 Jahre überlebt, dann mußte sie sich den veränderten Umständen geschlagen geben und ich wohne schon lange nicht mehr in Berlin.

  • 01. November 2014 – Ein Rückblick mit Musik, einer Buchpräsentation, einer Buchmesse und jeder Menge Namedropping

    Oktober 31st, 2014

    Der Oktober 2014 war ein besonderer Monat

    Es fing schon Ende September an mit dem Konzert der Schwestern aus Schweden, die als First Aid Kit derzeit Erfolge feiern. Zurecht, wie ich nach dem Konzert sagen kann. Die eigentliche Sensation aber war der Support, ein junger Mann aus Manchester, Jo Rose, der allein mit seiner akustischen Gitarre auf der Bühne stand und schon nach wenigen Takten das Publikum im gut gefüllten Zoom zum Schweigen und gebanntem Lauschen brachte. Was für eine Stimme, was für wunderbare Songs! Er hat die Musik nicht neu erfunden, braucht sich aber nicht hinter namhaften Kollegen wie M. Ward, Joe Henry, Rufus Wainwright oder auch Neil Young zu verstecken.

    Jo Rose Debüt Album
    Jo Rose Debüt Album

    Nach Konzertende habe ich mir die Debüt-CD gekauft (Vinyl gab`s leider nicht) und vom Künstler signieren lassen. Zuhause dann gehört und erneut völlig überrascht. Anders als auf der Bühne des Zoom, wird Jo Rose hier von einer Band begleitet. Wir hören neben den üblichen Begleitinstrumenten, Bläser, Streicher und eine Steelguitar, großartig arrangiert das Ganze. Nach einer halben Stunde endet die CD und man braucht eine Weile, um von diesem Rausch wieder auf dem Fußboden zu landen. Sensationell – und wenn es eine Gerechtigkeit gibt in der Musikwelt, dann wird dieser Mann eine große Karriere machen und die signierte Debüt-CD in einigen Jahren ein kleines Vermögen wert sein.

    Buchpräsentation

    Es folgte am 2. Oktober die Vorstellung der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Zwanzig Jahre habe ich auf diesen Moment gehofft, nun war er da und ich entsprechend aufgeregt. Aber es ging alles gut. Die Romanfabrik war sehr gut gefüllt und niemand ist früher gegangen, obwohl sich der Abend in die Länge zog. Etwas über anderthalb Stunden wurde gelesen, nur unterbrochen von einem kleinen und feinen musikalischen Intermezzo durch Elis. Die Reaktionen waren sehr positiv und der Buchhändler hat gut verkauft. Mein alter Freund Joe Bauer aus Stuttgart, der das Vorwort geschrieben hat, kam mit Freundin Barbara angereist und sie blieben über das Wochenende. Wir sind stundenlang durch Frankfurt gelatscht, auf den Spuren der Wegsehenswürdigkeiten.

    Buchmesse

    Aufräumarbeiten beim Messeaufbau
    Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

    Dann natürlich die Buchmesse. Es fing, wie in den letzten Jahren auch, am Dienstag an mit dem Aufbau am Suhrkampstand. Aufbautage sind besondere Tage, der Messebetrieb hat noch nicht angefangen und es ist schön, alte Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Überall ist eine gewisse Euphorie zu spüren. Die Messe ist das Familientreffen der Buchmenschen. Dieser Tag endet traditionell mit Altbier und Brezeln beim Buchmarkt. Dort trifft man dann Menschen aus anderen Verlagen und erfährt die ersten Neuigkeiten. Nicht mehr ganz nüchtern endet der Dienstag und alle freuen sich auf das, was in den nächsten Tagen kommen wird.
    Allzuviel will ich über die Messe gar nicht schreiben, das haben mein Messegast Stefan Möller und Wiebke Ladwig bereits trefflich erledigt. Am wichtigsten sind ohnehin immer die Menschen, die man trifft. So konnte ich endlich Stephanie Bart persönlich kennenlernen, mit der ich schon seit einiger Zeit recht intensiv über Twitter verbunden bin. Sie hat mit Deutscher Meister einen beeindruckenden Roman geschrieben, der bei HoCa Spitzentitel ist. Am Donnerstagabend las sie bei Open Books, ich war dabei. Dort lernte ich dann endlich auch mal Philipp Werner kennen, Stephanies Lektor bei HoCa und Moderator der Lesung. Ich hatte mit ihm zu tun, als er meine Anthologie Mit des Blitzes Schnelle im Fischer Taschenbuchverlag betreute. Dieser Kontakt lief allerdings ausschließlich über Mail, getroffen hatten wir uns nie. Dafür gibt es die Messe.
    Normalerweise wären wir jetzt nach Sachsenhausen gefahren zum Fest des Fischer Verlages. Aber das fiel wegen irgendwelcher Auflagen der Versicherung in diesem Jahr aus. Dankenswerterweise hat die Titanic ihren Abend von Freitag auf Donnerstag vorgezogen – und ich hatte, Leo Fischer sei Dank, erstmals eine Einladung. Vielleicht das schönste Fest der Messe – in einem Bootshaus am Main mit Skylineblick -, was ich leicht sagen kann, da es auch mein einziges war. Und hätte ich geahnt, was für ein köstliches Büffet die Chefsatiriker auffahren ließen, ich hätte auf die überteuerte Tüte Pommes in der Innenstadt verzichtet. Es war ne Menge Prominenz da, inklusive eines echten Europaabgeordneten.

    Ich werde eher nie von Frauen angesprochen, doch bei der Titanic-Party passierte genau das. „Du bist doch der, der mir vor zwei Jahren geholfen hat, die Kisten ins Auto zu schleppen.“ Jetzt dämmerte es auch mir. Vor mir stand die wunderbare Undine Löhfelm von Orange Press in Freiburg. In der Tat, es hatte sich damals so ergeben und ich half ihr, die Kisten mit dem Standinventar des Verlags am Ende der Messe zum Auto zu schleppen. Es war eine elende Plackerei. Wir plauderten kurz und dann war sie wieder verschwunden.

    Jürgen Roth und ich waren am Freitagabend im Rahmen von Open Books in der Heussenstamm Galerie zu Gast. Unterstützt wurden wir von Dirk Braunstein und Philipp Mosetter, die auch schon bei der Präsentation in der Romanfabrik dabei waren. Die Galerie war sehr gut besucht und ich mal wieder etwas nervös, sollte ich doch erstmals meinen Text vortragen. Zum Glück war die Zeit knapp bemessen, mein Vortrag war nicht mehr nötig und ich habe ein bißchen moderiert. Die beteiligten Herren haben auch alles bestens besorgt. Imposant wie Jürgen Roth den Text von Eckhard Henscheid las. Nach einer knappen Stunde war es zur Zufriedenheit aller erledigt und wir konnten eine nahegelegene Bindingkaschemme aufsuchen.
    Der Samstag begann früh. Gegen elf Uhr setzte ich mich aufs Rad und fuhr gen Gallus. In einer dortigen Galerie war eine „Frühschoppenlesung“ annonciert, mit dem Kollegen Jürgen Roth und Thomas Kapielski. Ich kam zu spät, konnte dafür aber meinen Eintrittsobulus frei wählen. Einen Zehner war mir die Sache dann noch wert, war doch unbeschränkt Bier und Kaffee und Rindswurst darin enthalten. Ich nahm alles und amüsierte mich köstlich – wie alle Anwesenden in dem gut gefüllten Hinterhofraum. In Leipzig finden diese Lesungen regelmäßig satt, für Frankfurt war es eine Premiere. Es ist zu wünschen, daß es nicht dabei bleibt. Nachmittags dann auf der Messe ein Treffen mit der sehr geschätzten Twitterfreundin @mokka98. Es war sehr kurzweilig und leider auch zu kurz. Man kann sich trefflich mit ihr unterhalten, Bier trinken (schon wieder) und Fahrrad fahren. Letzeres weiß ich noch nicht, hoffe aber, daß es im nächsten Jahr mal dazu kommen wird. Schön, wenn sich die virtuelle Welt im richtigen Leben wiederfindet.

    Arbeiten und Restetrinken – der letzte Tag

    Am Sonntag stand ich wieder in Diensten des Suhrkamp Verlages. Es wird verkauft und alles ist recht betriebsam. Große Freude kam auf, als Markus Hablizel vorbeischaute. Er hatte etwas Zeit und wir konnten uns unterhalten. Vor einigen Jahren hatte er mit seinem Verlag noch einen eigenen Stand in Frankfurt. Jetzt steckt er das Geld lieber in andere Sachen, wie z. B. ein fünftägiges Fest in Köln zum fünfjährigen Bestehen seines Verlages. Herzlichen Glückwunsch nochmals an dieser Stelle. Solche Verlage sind das Salz in der Suppe der Literatur.
    Dann war schon wieder Schluss, fast. Es folgte noch das Restetrinken beim Folio Verlag. Auch hier war ich erstmals dabei. Irgendwer hatte mich überredet (es war nicht schwer). Vielleicht war doch diese „After Work Party“ und nicht das Titanic-Fest die schönste Party der Messe. Der eifrige Jörg Sundermeier war da, Kristine Listau selbstverständlich auch. Sie hatten noch etwas Zeit, bis der Zug sie zurück nach Berlin bringen sollte. Jörg machte mich mit Deniz Yücel von der Taz bekannt. Ich versprach ihm ein Rezensionsexemplar der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Er war sehr interessiert, schließlich sei er Hesse. Viele andere waren auch da und machten sich über die, doch sehr impossanten, Reste her. Und Undine war da. Diesmal hatten wir etwas mehr Zeit zum Plaudern. Jetzt sind wir auf Facebook „befreundet“. Dafür ist Facebook da.
    Es sind die Menschen, die die Messe ausmachen, und bei vielen wünschte ich mir, sie öfter als nur einmal jährlich zu sehen (längst nicht alle habe ich hier erwähnt). Verpasst habe ich leider Marion Brasch. Aber daran bin ich selbst schuld.
    Also, bis zum nächsten Jahr. Und vielleicht darf ich ja auch mal wieder Kisten schleppen.

  • Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten

    September 19th, 2014

    Heute wird, nach einjähriger Arbeit, das von Jürgen Roth und mir herausgegebene Buch Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten ausgeliefert. Es hat 224 Seiten und enthält etliche s/w Photos. Die Photos sind von den Autorinnen und Autoren, sowie von Jürgen Roth und mir. Nicht alle Bilder haben es in das Buch geschafft, deshalb hier einige Beispiele, die nicht aufgenommen wurden. Im Buch blättern könnt ihr hier. © Stefan Geyer

    An der Staufenmauer 4
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    An der Staufenmauer 3
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    An der Staufenmauer 2
    An der Staufenmauer 2
    An der Staufenmauer 1
    An der Staufenmauer 1
    Staufenmauer 2
    Staufenmauer 2
    Staufenmauer 1
    Staufenmauer 1
    Roßmarkt 5
    Roßmarkt 5
    Roßmarkt 4
    Roßmarkt 4
    Roßmarkt 3
    Roßmarkt 3
    Roßmarkt 2
    Roßmarkt 2
    Roßmarkt 1
    Roßmarkt 1
    U-Bahn Römerstadt 3
    U-Bahn Römerstadt 3
    U-Bahn Römerstadt 2
    U-Bahn Römerstadt 2
    U-Bahn Römerstadt 1
    U-Bahn Römerstadt 1
    Platz der Republik 2
    Platz der Republik 2
    Platz der Republik 1
    Platz der Republik 1
  • Mit Hut und Blauharz

    August 25th, 2014

    Brasch, Wunderlich fährt nach Norden.Mit ihrem neuen Roman Wunderlich fährt nach Norden vollzieht Marion Brasch – nach ihrem realitätgesättigtem Debüt Ab jetzt ist Ruhe (2012) – einen mutigen und radikalen Genrewechsel. Sie nimmt uns mit auf eine phantastische Reise und erzählt ein märchenhaftes Roadmovie, in dem die Grenzen der Realität und Logik des öfteren überschritten werden.
    Es fängt banal an. Wunderlich – der Name hätte nicht besser gewählt sein können – sitzt mit Marie, seiner Freundin, auf dem Dach eines großstädtischen Altbaus, als sie ihm eröffnet, sie werde ihn verlassen. Alles Bitten und Flehen nützt nichts, sie geht und läßt unseren Helden allein und verzweifelt zurück. Es passiert, was in einer solchen Situation passieren muß. Das Leben muß sich ändern und man tut etwas, was man sonst nicht tut, um dem Alltag und Schmerz zu entfliehen.
    Wunderlich kommt der Film Zugvögel – Reise nach Inari in den Sinn. Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der allein eine Zugreise nach Finnland unternimmt. Am nächsten Tag setzt Wunderlich, im besten Midlifekrisenalter und eher antriebsarm und phlegmatisch, den Hut auf, fährt zum Bahnhof, kauft sich eine Monatsnetzkarte und besteigt den nächsten Zug nach Norden. So ganz von alleine ist er nicht auf diese Idee gekommen. Da gibt es noch „Anonym“, eine unbekannte Stimme, die sich per SMS meldet. Guck nach vorn hat sie ihm gesagt. Anonym ist eine Art innere Stimme, allerdings eine mit hellseherischen Fähigkeiten. Sie ist keine gute Fee, bei der man drei Wünsche frei hat, und gelegentlich ist sie auch eigensinnig und verweigert Antworten. Anonym wird Wunderlich auf seiner wundersamen Reise in eine Parallelwelt begleiten. Wunderlich läßt sich von Anonym treiben.
    Die Reise beginnt mit einer Schaffnerin mit Blockwartcharakter und ist bereits nach einer Stunde wieder beendet. An einem Geisterbahnhof irgendwo in der Pampa verläßt Wunderlich den Zug wieder – Anonym hatte ihm dazu geraten. Es war doch im Grunde völlig egal wo er gerade war, und hier war es genauso gut wie anderswo. Dort lernt er Finke kennen, eine eigenwillige, undurchschaubare aber nicht unsympatische Figur. Sie trinken Bier zusammen, fassen Vertrauen zueinander. Schließlich nimmt Finke ihn mit zu der heruntergekommenen ehemaligen Gaststätte, in der er haust. Irgendwann ist das Bier alle. Finke fährt zur Tankstelle um neues zu holen – und kommt nicht zurück.
    Es folgt eine Odyssee durch eine gottverlassene Gegend, in deren Verlauf Wunderlich weitere skurrile aber meist liebenswerte Menschen begegnen. An erster Stelle sei hier Toni genannt, eine androgyne Göre – und, laut Anonym, eine notorische Lügnerin – mit der er sich schnell anfreundet. Für Toni ist Wunderlich nur der Hutmann. Die Ereignisse überschlagen sich und Wunderlich trägt die eine oder andere Blessur davon. Zum Glück gibt es aber das Blauharz, daß er mit Toni zusammen entdeckt. Ein magischer Stoff, der Wunden heilen kann, aber auch die Erinnerung daran. Wir sind in einem Märchen.
    Als Finke nach vier Tagen immer noch nicht wieder zurückgekommen ist, verläßt ein veränderter Wunderlich diesen Ort, der ihm Heimat geworden ist, auf abenteuerliche Weise in Richtung Norden. Zuvor nimmt ihm Toni das Versprechen ab zurück zu kommen.
    Er schafft es bis zum Meer, mietet sich im besten Haus am Platze ein und kehrt nach wenigen Tagen wieder zurück. Oder doch nicht?
    Die Autorin betont immer wieder, daß diese Geschichte an jedem Ort der Welt spielen könne, Hauptsache die Landschaft sei platt wie ein Brett. Jedoch darf man sich das Haus auf dessen Dach alles beginnt, als einen Altbau im Prenzlauer Berg vorstellen und bei den verlassenen Landschaften fühlt man sich in Bilder Mecklenburgs aus Detlev Bucks Film „Wir können auch anders“ (1993) versetzt.
    In Wunderlich fährt nach Norden erzählt Marion Brasch mit leichter Hand eine melancholische Geschichte, die Grenzen überschreitet und der Phantasie Raum gibt. Literatur darf das. Um Wunderlich nicht zu vergessen, sollten wir die Finger vom Blauharz lassen.

    Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden. 2014, S. Fischer, € 19,99

  • Weshalb ich Burgenblogger werden will

    August 21st, 2014

    Der Rhein rauschte prächtig funkelnd in der Morgensonne zwischen den Bergen hin.

    Joseph von Eichendorff

    Wir lebten in Frankfurt am Main. Die Großeltern wohnten in Köln am Rhein, später dann in der Nähe von Bonn. Ich habe viel Zeit bei ihnen verbracht. Oft fuhren wir mit dem Opel Rekord meines Großvaters von Köln nach Frankfurt, später dann mit dem 190er Diesel. Oder in der Gegenrichtung mit dem Käfer meiner Eltern, später dann mit dem Opel Kadett. Egal mit welchem Auto oder in welcher Richtung, die Strecke blieb die selbe – das Rheintal.

    Dieses eng gewundene Tal mit seinen Burgen und Weinbergen hat mich als Kind fasziniert und meine Phantasie beflügelt. So ist diese Landschaft Teil meiner Kindheit und Namen wie Bingener Mäuseturm oder Loreley haben noch heute einen geheimnisvollen Klang.

    Irgendwann malte ich aus der Erinnerung das Tal mit Wasserfarben und einer gehörigen Portion kindlicher Naivität. Dieses Bild schenkte ich meinen Großeltern zu Weihnachten. Sie rahmten es und gaben ihm einen Platz an der Wohnzimmerwand. Mittlerweile ist es verschollen, aber ich habe es noch sehr genau vor Augen. Als Burgenblogger  werde ich das Tal und seine Menschen sicher nicht mit Farbe und Pinsel dokumentieren sondern mit Handy und Digitalkamera. Aber dazu später.

    Das Rheintal war die erste Transitstrecke meines Lebens – eben von Frankfurt nach Köln/Bonn und retour. Eine Transitstrecke ist der Rhein heute noch und wird es auch bleiben. Es ist der auffallende Gegensatz des Mittelrheins – einerseits Kulturlandschaft und Weltkulturerbe, berühmtes Weinbaugebiet und Touristenziel, andererseits vielbefahrener Verkehrsweg zu Wasser und auf der Schiene. Interessant ist wie sich diese Gegensätze in den Menschen und der Landschaft spiegeln. Ich muß aber gestehen nicht allzu viel Ahnung von dem Landstrich zu haben. Was gibt es dort sonst außer Burgen, Weinbau, Tourismus, Fluss und Verkehr? Ist das Tal auch ein Industriestandort? Welche Industrie? Entsteht dort Musik, Literatur – welche Künstler leben dort? Das sind Fragen, die mich beschäftigen, je länger ich über die Aufgaben des Burgenbloggers nachdenke. Es sind spannende Fragen.

    Später dann, im Erwachsenenalter, hatte ich es mit einer anderen Transitstrecke zu tun, der von Westberlin nach der alten Bundesrepublik. Da gab es nichts zu malen und der Rhein war weit weg. Wer mit dem Zug von Berlin nach Köln fährt kommt nicht am Rhein vorbei.

    Im Jahre 1993 habe ich es wieder geschafft dem Fluss eine Weile zu folgen, und zwar mit dem Rad. Vom Niederrhein kommend fuhr ich mit einem Freund den Rhein stromaufwärts, bis Koblenz. Von dort ging es an der Mosel entlang und über Saône und Rhône weiter bis in die Provence.

    Mit diesem Freund war ich in jenen Jahren oft in Frankreich mit dem Rad unterwegs – von Ost nach West und von Nord nach Süd. 1989 folgten wir dem Lauf der Rhône, vom Rhônegletscher bis zur Mündung in der Camargue. Der Ursprung des Rheins in Graubünden ist vom Rhônegletscher im Wallis nicht allzu weit entfernt.

    Radwanderführer RhoneAls Ergebnis unserer Reise erschien 1990 dieser Radwanderführer (der schon lange vergriffen ist). Es war eine abwechslungsreiche Reise an den Ufern der Rhône und aufregend zu erleben, welchen Veränderungen der Fluss ausgesetzt ist und wie er die Menschen und die Landschaften prägt.

    Anfang dieses Jahrtausends bin ich nach Frankfurt zurückgekehrt und der Rhein ist wieder näher gerückt. Jetzt fuhr ich auch flussabwärts bis Bingen. Von dort weiter durch das Tal der Nahe ins Saarland und nach Lothringen. Und wenn ich heute mit dem Zug nach Köln fahre, nehme ich stets den langsameren auf der linksrheinischen Seite und genieße die Landschaft meiner Kindheit.

    Ich werde also das Mittelrheintal und sein Hinterland hauptsächlich mit dem Fahrrad oder zu Fuß entdecken – und mit sehr viel Neugier. Gelegentlich sicher auch mit Bahn, Bus oder Schiff. Besser als mit dem Rad oder zu Fuß kann man sich einer Landschaft und seinen Menschen nicht nähern. Und ich kann endlich das mir noch fehlende Teilstück zwischen Bingen und Koblenz mit dem Rad erkunden. Zur Einstimmung greife ich mal wieder zu Brentanos Rheinmärchen.

    Auf buntbewegten GassenNicht nur mit Radfahren kenne ich mich aus, auch mit Spaziergängern und Bahnfahrern. Diese BücherMit des Blitzes Schnelle (Auf buntbewegten Gassen, 2011, vergriffen, Mit des Blitzes Schnelle, 2012) habe ich vor wenigen Jahren im Fischer Taschenbuchverlag herausgegeben.

    Im September erscheint im Frankfurter Waldemar Kramer Verlag das, von Jürgen Roth und mir herausgegebene Buch Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. 42 Autorinnen und Autoren haben sehr genau hingesehen und einen etwas anderen Stadtführer geschaffen.

    Frankfurter WegsehenswürdigkeitenWegsehenswürdigkeitenMit der Welt teilen werde ich meine Beobachtungen, Erkenntnisse und Erlebnisse über meine Social-Media-Kanäle, wie Twitter, Facebook und Google+. Auf meinem Tumblr-Blog schlechte fotos veröffentliche ich ausschließlich Handyfotos, bei Pinterest  sammle und teile ich alles Mögliche. Es gibt auch noch einen bislang ungenutzten Instagram-Account. Den werde ich als Burgenblogger aktivieren. Bei allen meinen Fotos sind Filter und Blitz verboten. Die einzige Bildbearbeitung, die ich nutze, ist der Zuschnitt.

    Ebenso wenig wie Filter wird es Selfies geben. Ich bin nicht wichtig, es geht um den Fluss, das Tal, die Umgebung, die Menschen und ihre Kultur. Textbeiträge landen in meinem WordPress-Blog . Eine Verbreitung über diese Kanäle hinaus bietet die gewünschte Kooperation mit dem kulturellen Online-Magazin Glanz und Elend.

  • Der schöne Sommer

    Juli 26th, 2014

    WP_20140527_002Es ist immer dasselbe in diesen Tagen, die als Hundstage bekannt und meist auch beliebt sind. Ich wache schweißnass auf, es dämmert, der Wecker zeigt vieruhrdreißig. T-Shirt wechseln, Decke wenden, Nase putzen, Wasser trinken und sich dann zwei Stunden wälzen in der Hoffnung, der Schlaf möge doch noch wiederkommen. Später als geplant fängt der Tag dann an, oft auch mißmutig. Der Taschentuchverbrauch nimmt beängstigende Ausmaße an – der Heuschnupfen ist in Hochform.
    Allein das sind schon ausreichend Gründe, den Sommer zu hassen, diesen Anschlag auf das Wohlbefinden. Eine Zumutung, diese Jahreszeit.
    Aber es fängt ja alles schon viel früher an, nicht erst in der Zeit der größten Hitze, diesen sog. Hundstagen, an denen man keinen Hund vor die Tür jagen sollte. Ende März, wenn uns eine Stunde geklaut wird und die sog. Sommerzeit ihre unsinnige Herrschaft antritt, geht ein kollektiver Erleichterungsseufzer durchs Land. Endlich wird es Sommer. Als ob es für den Sommer einer Uhrzeit bedürfte statt eines Wetters. Und was ist so toll daran, wenn man sich das Elend eine Stunde länger im Hellen anschauen kann? Die Sommerzeit, Anfang der achtziger Jahre von Politikerhirnen erdacht, angeblich um Energie zu sparen. Als das erwünschte Ziel ausblieb, hatte niemand mehr den Mum, diesen Unfug zurückzunehmen. Statt dessen werden alljährlich Millionen von friedlichen Bürgern mit diesem Quatsch gequält.
    Spätestens im Mai, wenn die Temperaturen dauerhaft über 20°C steigen, erinnern sich auch noch die Letzten an das Fahrrad, das seit einem halben Jahr im Keller den wohlverdienten Winterschlaf hält. Jetzt könnte man ja mal wieder damit fahren ohne Gefahr zu laufen, zu erfrieren oder sich mindestens eine Lungenentzündung einzufangen. Also raus mit dem Gefährt, Reifen aufgepumpt und ab damit durch die Gegend (aber nur wenn`s nicht bergauf geht). Im Bewußtsein, endlich mal wieder was für die Gesundheit und die Umwelt zu tun, wird forsch losgeradelt, wohlgemut und unbedarft – als sei man allein auf der Welt. Da werden Radspuren verstopft, da verschwendet man keinen Blick für andere, abgebogen wird ohne Zeichen. Wir sind ja alle Radfahrer, also die Guten, und die Anderen werden schon aufpassen.
    Ab 25°C spätestens werden die Dreiviertelhosen entmottet und die sog. Trekkingsandalen entstaubt. Auf daß die hornhäutigen Füße gelüftet werden und die Hühneraugen die Aussicht genießen können. Komplettiert wird die sommerliche Khakikombination durch mächtige Rucksäcke, aus denen Anderthalbliter-Petflaschen ragen. Ausgestattet wie Rüdiger Nehberg im Urwald, wird derart der Großstadtdschungel durchquert.
    Spätestens ab 30°C brechen alle Dämme, werden sämtliche Hemmungen fallen gelassen. Da sitzt man dann schon mal im Unterhemd im Wirtshausgarten, oder auch ganz ohne. Die Nachbarschaft wird mit olfaktorischen Zumutungen konfrontiert, denen man sonst nur im Zoo ausgesetzt ist.
    Testosteron gesteuerte Jungmänner brettern in tiefergelegten 3er BMW mit geöffneten Fenstern durch die Straßen und belästigen die Welt mit furchtbaren Klängen. Ampelmusik, der sommerliche Soundtrack der Stadt. Hier sind wir und wir sind cool, so lautet die Botschaft. Egal, es ist ja heiß, es ist Sommer und da ist alles erlaubt.
    Hat man irgendwo ein schattiges Plätzchen ergattert, muß man sich den Wein mit Herrscharen von Fruchtfliegen teilen, diesen Abgesandten der Hölle. Um das Essen tanzen angriffslustig zweidrei Wespen. So sitzt man am Wirtshaustisch und ist wild wedelnd damit beschäftigt, das wohlverdiente Mahl gegen unliebsame Mitesser zu verteidigen. Nicht selten geht dabei das Glas zu Bruch und der Wein ergießt sich über Tisch und Hose. Der Sommer ist schön.
    Nein, der Sommer ist nicht schön, er ist eine Frechheit und gehört abgeschafft. Das Beste am Sommer ist, daß auf ihn die schönste Jahreszeit folgt, der Herbst. Im Herbst kann man sich in Würde bewegen und die Schönwetterfahrer packen ihre Räder wieder in den Keller – bis zum nächsten Jahr.

  • Abgegeben

    Juni 14th, 2014

    Letzte Woche war es soweit. Wir haben das Manuskript abgegeben, mit zweimonatiger Verspätung. Aber das ist im Verlagsgeschäft normal und der Verleger hatte Verständnis. Wir, das sind Jürgen Roth und ich. Mit Jürgen Roth hatte ich den perfekten Mitherausgeber gefunden; ohne ihn wäre das Buch nicht entstanden. Als ich ihm vor einiger Zeit von meiner Idee erzählte, war er sofort bereit, mitzumachen. Ich wollte sie schon vor zwanzig Jahren in Berlin verwirklichen. Es gab einen interessierten Verlag und es gab Hpunkt, mit dem ich das Projekt machen wollte. Es ist daran gescheitert, daß Hpunkt völlig unerwarteterweise Vater wurde.

    Aber der Einfall hat mich nie mehr losgelassen. Als ich anfang des neuen Jahrtausends zum Suhrkamp Verlag nach Frankfurt am Main wechselte, war Berlin aus dem Schneider. Vor einigen Jahren gab es bereits einen Versuch, das Buch in Frankfurt zu machen, mit einem anderen Mitherausgeber. Es hat nicht geklappt, wir haben keinen Verlag gefunden. Mittlerweile bin ich sehr froh darüber.

    Allzuviel möchte ich noch nicht verraten über das Buch. Nur soviel, es geht um Frankfurt – es läßt sich auch für jede andere Stadt umsetzen – und ist eine Textsammlung; bis auf zwei Ausnahmen sind alle 42 Beiträge ausnahmslos für dieses Projekt verfasst. Die Autorinnen und Autoren sind namhafte Journalisten, Kabarettisten, Satiriker, Geisteswissenschaftler und Literaten – Profis allesamt. Der einzige Laiendarsteller bin ich. Wenn ich mir das imposante Inhaltsverzeichnis anschaue, gewinne ich den Eindruck, daß Jürgen Roth und ich einen Punkt angesprochen haben, zu dem viele etwas zu sagen hatten. Gelegentlich twittere ich unter dem unverständlichen Hashtag #ffwsw darüber.
    Es war erwartet aufwendig, 42 Beiträge innerhalb des ursprünglich genannten Zeitrahmens einzusammeln. Die sog. Deadline wurde mehrfach nach hinten verschoben, am Ende dann um zwei Monate. Ein Eindruck läßt sich hier gewinnen.
    Am 19. September spätestens soll das Buch erscheinen, rechtzeitig zur Buchmesse. Bis dahin gibt es hoffentlich auch einen brauchbaren Coverentwurf. Bislang ist das nämlich noch nichts. Dann geht es los mit Buchvorstellungen und Veranstaltungen und es fängt wieder an, Autorinnen und Autoren zu bitten und notfalls auch zu drängen, sich an diesen Veranstaltungen zu beteiligen. Eine Facebook-Seite wird eingerichtet, denn mit den Erscheinen des Buches ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Jetzt gibt es auch einen Termin für die Buchpräsentation. Am 2. Okt wird das Projekt in der Romanfabrik vorgestellt.

    In einem bin ich mir sicher – die Aufmerksamkeit in Frankfurt-RheinMain wird groß sein.

     

  • Sie nennen mich den Wolfgang Koeppen der Satire

    Mai 7th, 2014

    Ein Facebook-Gespräch mit dem Frankfurter Autor Leo Fischer*

    25. Feb. 17:09
    Leo Fischer:
    Lieber Stefan, wie sieht es denn mit Fotos aus für Deinen Stadtführer? Die wären für meinen Beitrag, wie ich ihn jetzt geplant habe, extrem wichtig. Sind Fotos möglich, und wenn ja, mache ich selber welche, oder wird ein Fotograf zu von mir bezeichneten Orten geschickt? Beste Grüße

    17:27
    Stefan Geyer:
    Lieber Leo, ja, unbedingt EIN Foto, am besten selbst gemacht. Steht auch so im Exposé. Und bitte noch eine KURZE Vita. Geboren wann und wo, lebt als… in… Letzte Verõffentlichung. Nicht mehr. Bin sehr gespannt auf Deinen Beitrag. Beste Grüße, Stefan

    17:28
    L.F.:
    Lieber Stefan, gehen auch mehrere Fotos? Ich möchte ja eine Führung durch die T*** machen. Der Text würde Dich dann nächste, spätestens übernächste Woche erreichen, wenn das konveniert.
    Herzlich, Leo

    17:33
    S.G.:
    Muß ich mit Jürgen besprechen. Aber wieso nicht. Wir sind nicht dogmatisch. Manch einer will gar kein Foto. Aber nicht mehr als drei, bitte. Wir wollen ein Lesebuch machen. Bis denn, Stefan

    17:33
    L.F.:
    Okay, dann muß ich halt den Rest anschaulich beschreiben.

    17:34
    S.G:
    Genau, Du bist doch ein Mann des Worts. 🙂

    10. März, 15:01
    S.G.:
    Lieber Leo, ich möchte Dich sanft daran erinnern, daß der Abgabetermin naht. In drei Wochen spätestens brauchen wir die Texte. Bitte schick mir auch noch eine Kurzvita: Geboren… in…, lebt in …, arbeitet als… bei…, letzte Veröffentlichung…
    Vielen Dank und herzliche Grüße
    Stefan

    15:23
    L.F.:
    Ja! Bis Ende der Woche.

    16:44
    S.G.:
    Prima.

    13. März, 18:42
    L.F.:
    Lieber Stefan, leider konnte ich meine Besichtigung noch nicht machen, da ich mit einem schweren Husten zu kämpfen habe. Ich hoffe, daß es über das Wochenende besser wird. Du erhältst den Text dann Anfang der Woche. Herzlich Leo

    22:28
    S.G.:
    Kein Streß, das reicht locker. Gute Besserung. Und wir sehen uns beim Medienmittwoch. Herzlich, Stefan

    8. April, 15:44
    S.G.:
    Hallo Leo, was macht der Text? Grüße, Stefan

    15:56
    L.F.:
    Donnerstag! Ganz g’wiß.

    16:14
    S.G.:
    Prima. Freu mich.

    12.April, 12:16
    S.G.:
    Und?

    19. April, 14:07
    S.G.:
    Lieber Leo, allerletzter Termin: 27. Apr. Wir würden es bedauern, wenn Du nicht dabei wärst. Und Du vielleicht auch. Schöne Feiertage, Stefan

    20. April, 02:35
    L.F.:

    FB-Daumen

     

     

     

     

    28. April, 14:49
    S.G.:
    Leo, gib mir bitte eine aufrichtige Antwort. Besteht die realsitische Aussicht, daß wir Deinen Beitrag noch kriegen, oder nicht? Wir haben jetzt die Deadline bereits um 4 Wochen nach hinten verlegt und ich habe keine Lust, das für nichts und wieder nichts erneut zu tun. Wir stehen auch unter Zeitdruck. Grüße, Stefan

    14:55
    L.F.:
    Das weiß ich, Stefan. Wenn Ihr den Beitrag morgen nicht habt, dann dürft ihr mir zur Strafe hundert Mal auf den Kopf schlagen. Dies gelobt feierlich: Leo

    14:57
    S.G.:
    Na, da bin ich aber gespannt. Würde mich wirklich sehr freuen!!!

    22:22
    L.F.:
    Der Artikel ist praktisch fertig, habe heute auch noch mal Fotos gemacht. Ich überarbeite ihn morgen früh und schicke ihn Dir dann.

    30. April, 00:31
    S.G:
    Und ich dachte schon, wir könnten zur Buchvorstellung Hau Den Leo spielen. Bin sehr gespannt.

    19:14
    L.F.:
    Sorry, habe gestern abend noch jemanden kennengelernt… morgen früh!

    19:34
    S.G.:
    Hoffentlich hat es sich gelohnt. OK, morgen.

    01.Mai, 17:56
    L.F.:
    Der Liebe eine Gasse! Meine neue Bekanntschaft beansprucht mich leider. Aber morgen früh hast Du ihn, beim Zeus!

    18:10
    S.G.:
    Ich glaube, aus unserer Facebookkommunikation mache ich einen eigenen Anhang. Aber es sei Dir gegönnt.

    19:48
    L.F.:
    Sie nennen mich den Wolfgang Koeppen der Satire.

    05. Mai, 12:34
    S.G.:
    Leo, LAST CALL!

    16:39
    L.F.:
    Lieber Stefan, wenn Du ihn morgen nicht hast, will ich für immer schweigen.

    16:39
    S.G.:
    Ich will ihn! Und Dich sprechend. Ansonsten schick mir was Du hast. Z.B. den schönen Text, den Du beim […] gelesen hast, Goethedenkmal (gemeint war ein Kunstobjekt mit dem Titel „Ein Haus für Goethe“).

    06. Mai, 19:05
    L.F.:
    Bin fast fertig! In anderthalb Stunden hast Du ihn.

    20:45
    L.F.:
    Bittesehr!

    20:55
    S.G.:
    Bin nicht zuhause. Aber sehr gespannt. Vielen Dank!

    21:07
    L.F.:
    Evtl. morgen noch mal überarbeitet…

    23:46
    S.G.:
    Da wird nichts mehr überarbeitet! Es liegt jetzt in Herrn Roths Hand. Aber, lieber Leo, das Warten hat sich gelohnt. Ein wunderbarer Text! […]

     

     

    *Mit freundlicher Genehmigung von Leo Fischer

     

     

     

     

     

  • Ein schöner Tag

    April 8th, 2014

    Es war Donnerstag und die Sonne schien. Ich verließ Schreibtisch und Laptop, zog bequeme Schuhe an und und begab mich auf einen ausgedehnten Spaziergang in Richtung Innenstadt. Das mache ich regelmäßig, meistens Donnerstags, gelegentlich auch am Samstag. Dann nämlich traue ich mich, die Konstablerwache zu betreten, diesen Vorhof zur Hölle, auch Zeil genannt. Es gibt Frankfurter, die stolz darauf sind, seit Jahren nicht mehr in der Frankfurter Innenstadt gewesen zu sein. Sie verweilen lieber in ihren Quartieren, im Gallus etwa oder in Ginnheim. Ich kann es verstehen auch wenn ich mich nicht dazu zähle. Aber fangen wir oben an.

    Klabunt.
    Klabunt.

    Ich gehe die Berger Straße stadteinwärts, diese Einkauf- und Vergnügungstraße, die zur Zeit einen Umbruch erlebt. Nachdem der Elektrogroßmarkt den Standort aufgegeben hat – das Haus wird abgerissen – und das benachbarte Billigkaufhaus ebenfalls schließt, wächst der Leerstand an der Berger. Aber es geht schon in Bornheim Mitte los. Linkerhand steht noch die Kultgasttätte Klabunt, die aber mittlerweile geschlossen ist. Am 30. März war Schluß. Bald kommt die Abrissbirne und macht dem mittlerweile weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten Lokal den Garaus. Es soll für etwas weichen, daß die Frankfurter Neue Presse „Quartiersparkhaus mit Einkaufsmarkt und Wohnungen“ nennt. Die Bauaufsicht spricht von 29 Wohnungen, einer Einkaufsfläche und einer Tiefgarage. Wie auch immer, es muß mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Vor einigen Jahren ist ein Versuch gescheitert, das kleine Gebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Allerdings hat Denkmalschutz noch nie allzuviel bewirkt im Konflikt mit Investoreninteressen, wie das Zürich-Haus an der Bockenheimer Landstraße beweist. Nach Eigentümerklagen wurde dem Gebäude, dem ersten Hochhaus in Frankfurt, der Status eines Kulturdenkmals wieder entzogen. Daraufhin konnte es abgerissen werden.

    Die Berger Straße ist in diesem oberen Abschnitt so eng, daß man sich wundert, daß dort überhaupt Autos fahren dürfen. Das geht zu Lasten der Fußgänger, die auf den engen Gehwegen nur mühsam voran kommen.

    Ich gehe trotzdem weiter.

    Die Blasenteebude zur Linken hat nicht lange durchgehalten. Wie eine Seifenblase geplatzt ist der Bubble-Tea-Boom – und das macht ja ein wenig Hoffnung. Diese wird allerdings durch immer mehr leerstehende Läden gedämpft. Noch vor wenigen Jahren war es fast unmöglich, auf der Berger Straße einen Laden zu bezahlbaren Konditionen zu mieten. Das dürfte sich jetzt geändert haben. Und es wird wahrscheinlich noch schlimmer. Rechterhand lockt das Billigkaufhaus mit Ausverkaufrabatten. Das Haus soll einem Neubau weichen,
    wahrscheinlich einer Quartiersgarage mit Einkaufsmarkt und Wohnungen. Dasselbe gilt für das weiter stadteinwärts gelegene Gebäude in dem der Elektronikhändler untergebracht war. Es werden hochwertige Wohnungen für die Bediensteten der nahegelegenen Europäischen Zentralbank gebraucht.

    Südlich der Höhenstraße wird es vorwiegend gastronomisch und vegan. Ein veganes Restaurant ist im Bau, ein veganer Muffinladen bereits eröffnet. Überhaupt ist die Berger Straße ein Paradies für Veganer. Im oberen Teil ergänzen ein Supermarkt und ein veganer Metzger das Angebot. Unweit, an der Seckbacher Landstraße und der Dörtelweiler Straße haben vor kurzem in direkter Nachbarschaft zwei vegane Restaurants eröffnet. Es heißt abzuwarten, ob all diesen Läden das Schicksal der Bubble-Tea-Bude erspart bleibt.

    Merianplatz
    Merianplatz

    Ich erreiche den Merianplatz und da steht dann dieses Ding. Auf den ersten Blick erschließt sich sein Zweck nicht. Das Ding sieht aus wie ein – ja was? Ein Zylinder, ein Kolben, irgendwas aus einem Automotor, nur viel größer. Aber ich habe keine Ahnung, kenne mich nicht aus mit Automotoren. Beim Näherkommen erkennt man Wasser, das träge und lustlos die glatte Edelstahlhaut hinabrinnt. Oben stehen Tauben und nehmen ein Fußbad. Aha, ein Brunnen. Frankfurt ist kein guter Ort für Kunst im öffentlichen Raum.

    Weiter geht`s zur Konstablerwache. Wie gesagt, es ist Donnerstag, also Markttag. Nur an diesen Tagen, Donnerstag und Samstag, ist die Konstablerwache erträglich. Dann wird das öde Plateau verdeckt von bunten Marktständen, die allerlei regionale Köstlichkeiten feilbieten. Ich esse eine Bio-Bratwurst aus der Rhön und trinke einen Schoppen. Derweil spuckt die Zeil fröhliche junge Menschen, bepackt mit braunen Papiertaschen voller Billigklamotten, die sie dort zusammengerafft haben, auf die Konstabler. Auf der Kurt-Schumacher-Straße rauscht vierspurig der Verkehr vorbei.

    Gestärkt setze ich meinen Weg fort, es zieht mich zum Main. Am Römerberg, dieser Fotokulisse, wird geheiratet, musiziert, geschaustellert und salzgesäult. Touristen fotografieren. In zwei Jahren finden die Besucher unweit weitere Fotomotive, die an eine historische Altstadt erinnern sollen. Zwischen Schirn und Braubachstraße wächst ein Neubaugebiet aus dem Boden, das die Frankfurter Altstadt, die 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, möglichst originalgetreu rekonstruieren soll. Das sogenannte Stadthaus, von dem niemand weiß, für was es gut sein soll, erhebt schon seine massive Gestalt und läßt vom Dom nurmehr die Turmspitze sehen. Zur Schirn bleibt ein schmaler, dunkler Durchgang. Die Touristen wird es nicht stören.

    Der Eiserne Steg trägt schwer an tausenden von sogenannten Liebesschlössern, diesem Unfug, der sich überall breitmacht und niemanden so erfreut wie die Schlosser-Innung. Würden sich all diese Liebesbeweise selbsttätig öffnen und in den Main versenken, wenn die ewige Liebe doch nicht so ewig war, dann wäre das Frankfurter Wahrzeichen weniger entstellt. Die Passanten scheint das nicht zu stören, es wird auf Teufel komm raus musiziert, fotografiert und geknutscht. Eine Zwanzigjährige nutzt den Aufzug um sich das Treppensteigen zu ersparen.

    Ich nehme die Treppe und spaziere am Sachsenhäuser Ufer entlang in Richtung Maincafé. Zum Glück ist Donnerstag. An schönen Wochenenden trifft sich hier ganz Frankfurt – dann wimmelt es von Radlern, Joggern, Skatern, Spaziergängern und Hunden und ein Durchkommen wird fast unmöglich. An solchen Tagen gilt es das Mainufer zu meiden. Aber es ist Werktag und so finde ich einen Sitzplatz im Maincafé, diesem vielleicht schönsten Ort der Stadt. Ich trinke einen Kaffee und schaue der Skyline beim Wachsen zu. Östlich der Untermainbrücke, in allerbester Gegend mitten in der Stadt, entsteht ein Luxusquartier, gekrönt von einem Sechzigmeterturm und sicherlich unterkellert mit einem Quartiersparkhaus für die SUVs der künftigen Bewohner. Auf einen Einkaufsmarkt wird verzichtet.

    Ausgeruht mache ich mich auf den Heimweg.

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