• Was ist Warten?

    Juli 5th, 2017

    Angeblich verbringt der Mensch im Laufe seines Lebens ungefähr fünf Jahre mit Warten. Das ist eine Menge Zeit. Aber was ist dieses Warten eigentlich?

    Es gibt unterschiedlichste Ausprägungen des Wartens. Da ist zum Beispiel das alltägliche Warten auf Bus, Bahn etc. Oder das Warten an der Kino- Konzertkasse. Eher lästige Situationen, die auch zeitlich anders empfunden werden. Eine Warteminute auf einem Bahnsteig oder an einer Haltestelle scheint 120 Sekunden zu haben. Dann gibt es das Warten auf etwas Schönes, Urlaub etwa oder die Ankunft eines geliebten Menschen. Auch in diesen Zeiten scheint die Zeit nicht vorüber zu gehen. Ist der Urlaub oder der geliebte Mensch endlich da, vergeht die Zeit wieder rasend.

    Es gibt die Floskel „Das Warten hat ein Ende“. Sie wird meistens eingesetzt, wenn ein neues Produkt plaziert wird, ein Auto etwa oder ein Telefon. Auch bei saisonalen Besonderheiten wird sie gerne verwendet, zum Beispiel wenn die Spargelsaison beginnt. Dieses Warten, das angeblich ein Ende hat, ist im eigentlichen Sinne kein Warten, denn es tangiert den Alltag nicht. Es wird erst dann zu einem Warten, wenn irgendwelche Nerds die Nacht vor einem Telefonladen campieren, um als Erste bei Ladenöffnung das neue Modell in Händen zu halten.

    Das Warten, oder Ausharren, ist ein Zustand vermeintlich außerhalb der Zeit. Es ist ein passiver Zustand, oftmals auch ein lähmender. Wer auf eine Antwort wartet, ohne die irgend etwas nicht weitergeht, fühlt sich gelähmt und behindert. Wenn diese notwendige Nachricht länger, trotz wiederholter Ermahnungen, ausbleibt, kann die oder der Wartende durchaus aggressiv reagieren. Daher wird Warten oft mit dem Adjektiv „passiv“ verbunden. Zur Passivität verurteilt zu sein ist eine quälende Zeit, die auch nicht, oder nur schwer, anderweitig sinnvoll genutzt werden kann. Quälend kann die Zeit des Ausharrens auch beim Warten auf eine medizinische Diagnose sein. Oder, wie mag sich ein Gefangener in der Todeszelle fühlen beim Warten auf die Hinrichtung?

    Warten kann auch als Ausdruck von Macht eingesetzt werden. Jemanden warten zu lassen bedeutet, denjenigen nicht ernst zu nehmen, zu mißachten. Der kann ruhig noch warten heißt, der ist egal, nicht wichtig. Und doch lassen wir ständig andere warten. Es kann fatale Folgen haben, jemand zu lange warten zu lassen, bis derjenige eine Entscheidung trifft, die das Warten beendet. Nur wer in einer Position der Stärke ist, kann es sich leisten andere immer wieder zu vertrösten. Abhängige sollten niemals jemand warten lassen. Andere warten lassen zu können ist ein Privileg der Mächtigen, warten zu müssen, das Schicksal der Ohnmächtigen.

    Bislang stellt sich der Zustand des Wartens als etwas Unangenehmes, Lähmendes dar. Aber gibt es auch etwas wie ein positives Warten? Wer in einen Zug oder ein Flugzeug steigt kann die Zeit bis zur Ankunft durchaus als angenehm empfinden, als eine Zeit, die sich kreativ oder kontemplativ nutzen lässt. Diese Zeit wird dann allerdings nicht als Warten empfunden.

    Literarisch ist das Thema merkwürdigerweise nicht sehr präsent (wenn jemand Tipps hat, immer her damit). Die berühmtesten Wartenden in der Literatur sind wohl Wladimir und Estragon in Becketts Warten auf Godot und Penelope in Homers Odyssee, beziehungsweise Molly Bloom in Joyce`Adaption Ulysses.

    Ein berühmtes Beispiel in der bildenden Kunst ist Richard Oelzes Gemälde Erwartung. Es ist eine Gruppe von gutgekleideten Menschen zu sehen, bis auf einen alle von hinten, die dichtgedrängt erwartungsvoll in den Nachthimmel starren. Was sie erwarten, erschließt sich dem Betrachter nicht. Dennoch hat dieses Motiv etwas religiöses, denkt man doch unwillkürlich an den Messias, oder einen Erlöser. Aufgrund der Entstehungszeit des Gemäldes 1935/36 sprechen manche Interpretationen auch von der herannahenden Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, die in dem düsteren Himmel symbolisiert ist, in den die Wartenden blicken.

    Wartenden wird oft Geduld empfohlen. Die Fähigkeit zur Geduld ist erstrebenswert, auch wenn sie nicht immer hilfreich ist. „Hab`doch etwas Geduld“ heißt ja oft nichts anderes als „Hör auf zu nerven“. Die Floskel „Das Warten hat ein Ende“ ist natürlich eine Lüge, denn das Warten hat erst dann ein Ende, wenn das eintritt, worauf wir alle warten, nämlich unser Ende. Wie also gehen wir mit diesem Warten um? Wie nutzen wir die fünf Jahre?

    Ich möchte um Eure Mithilfe bitten. Was verbindet Ihr mit dem Zustand des Wartens, was bedeutet es für Euch? Ist es positiv oder negativ besetzt? Wie nutzt Ihr diese vermeintlich passive Zeit? Beiträge gerne hier in den Kommentaren oder auch kurz auf Twitter unter dem Hashtag #wasistwarten. Vielen Dank.

     

     

     

     

     

     

     

  • Wandertag – Ein Spaziergang im Rheingau

    Juni 28th, 2017

    Als ich am Morgen des Samstags auf meinen kleinen Balkon trat, war ich überrascht, dass es recht kühl war und bewölkt. Ganz anders als die Tage vorher, die von Temperaturen über 30 Grad geprägt waren. Die Vorhersage meines Telefons hatte ebenfalls sonniges, wenngleich nicht mehr so heißes Wetter prognostiziert. Was also sollte ich anziehen für den schon lange geplanten Ausflug mit J. in den Rheingau? Schnell stellte sich heraus, dass ich viel zu warm angezogen war. Als wir in Wiesbaden-Biebrich den Zug verließen, schien die Sonne und das Thermometer zeigte 25 Grad. Die Jacke war überflüssig, die Jeans zu dick, ebenso wie die Socken. […]

    Wir hatten uns im Frankfurter Hauptbahnhof getroffen, um gemeinsam mit dem Regionalexpress in den Rheingau zu fahren. Dort wollten wir ein wenig herumspazieren und natürlich auch Wein trinken. Das ist etwas, was ich an Frankfurt besonders mag; man ist in einer Stunde im Rheingau und kann einen Tag Urlaub machen. Nach Biebrich braucht man sogar nur 45 Minuten. Auch für einen Tagesausflug mit dem Rad ist das geeignet.

    Wandertag, kunst
    Kunst am Rhein

    Wer den heruntergekommenen Bahnhof verlassen hat, braucht nur noch eine vierspurige Straße zu überqueren, um anschließend in den schönen Biebricher Schlosspark zu gelangen. Der Tagesurlaub kann beginnen. Wenn der Park durchquert ist, steht der Spaziergänger schon fast am Rheinufer. Nur eine Straße muss noch überwunden werden. Der Fluss schimmert im Sonnenlicht, die Luft ist frisch und der Wind lindert die Temperatur. Frachtkähne ziehen vorbei und etliche Freizeitkapitäne haben ihre Segel- beziehungsweise Motorboote flott gemacht. Es herrscht ein reges Treiben auf dem Strom. Unser Ziel ist Eltville, dieser Schatz im Rheingau. Zehn Kilometer Wandervergnügen liegen vor uns. Ich ziehe die Jacke aus und genieße es, mit J. am Rheinufer zu spazieren. Wir haben den gleichen Rhythmus, reden und schweigen. […]

    Wandertag, Schierstein
    Bei Schierstein

    An der Schiersteiner Brücke werden wir vom Fluss weggezwungen. Die marode Brücke wird seit über zwei Jahren instandgesetzt. Der Uferweg ist versperrt. Zwischen zwei Wohncontainern huscht ein Bauarbeiter in Unterhose mit Rasierschaum ums Kinn über das staubige Areal. Vor den Containern Campingmöbel und ein Grill. Nach kurzem Umweg geht es weiter am Rheinufer. In einem Seitenarm bei Schierstein liegen zahlreiche Boote und Jachten. Am anderen Ende der Bucht paddeln Jugendliche in Kanus und Kajaks um die Wette, ein Regattafest. Am Ufer einige Stände. Wir machen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, zusammen für zwei Euro, eine Pause und schauen dem Treiben auf dem Wasser zu. Ein Büchertisch des örtlichen Unterstützervereins der Stadtbibliothek, den „Leseratten“ bietet eine Menge gebrauchter Taschenbücher für einen Euro an. Ich entdecke nichts, was mich interessiert hätte. J. und ich sind uns einig, dass wir Begriffe wie „Leseratte“ oder „Bücherwürmer“ nicht mögen, wobei sie ein gewisses Verständnis für „Bücherwurm“ aufbrachte. Ebenso einig sind wir in der Vermutung, dass wir wahrscheinlich ebenfalls paddeln würden, lebten wir in Schierstein oder irgendwo direkt an einem Fluss.

    Wandertag, Störche
    Storchennester

    Wieder am Rheinufer blieben wir stehen und blickten erstaunt an einem Strommast empor. Schon während unseres kleinen Spaziergangs sahen wir Störche, die ihre Runden drehten. Immer wieder ein beeindruckender Anblick. Am Rheinufer hinter Schierstein standen wir nun vor einem Mast, auf dem drei Storchenpaare ihre Nester gebaut hatten. Ein Nest in etwa zehn Metern Höhe, ein weiteres etwa zehn Meter höher, das dritte ganz oben, dort wo die Leitungen verlaufen. In den Nestern einige Jungvögel. Bei den beiden unteren Nestern saß jeweils ein Vogel in gleicher Höhe auf der anderen Seite des Mastes und beobachte die Umgebung. Als die üblichen Photos gemacht waren, ging es weiter Richtung Eltville.

    Wandertag, Eltville
    Weinprobierstand in Eltville

    Nach zwei Stunden hatten wir das malerische Städtchen erreicht. […] Nach einem Gang durch das schöne Städtchen und der Besichtigung des Burghofs nebst Rosengarten, steuerten wir den „Eltviller Weinprobierstand“ am Ufer an, ein erstes Ziel des Wandertags. Jedes Rheingau-Städtchen am Rheinufer hat so einen Weinstand. Wir fanden problemlos ein schattiges Plätzchen an einem der zahlreichen Tische und versorgten uns mit Wein, Wasser und Brezeln, alles zu äußerst erschwinglichen Preisen. Der Wein sehr schmackhaft, wie es zu erwarten war. Es gab keinen besseren Ort auf der Welt an diesem Samstagnachmittag, als diesen Weinstand am Rhein mit einem Glas kühlen Rheingau-Riesling.

    Nach zwei Stunden und zwei Gläsern Wein, die uns in eine entspannte Trägheit versetzten, verließen wir den gastlichen Ort. Wir wollten noch etwas durch Weinberge spazieren und den Blick über das Rheintal genießen. Also marschierten wir los ins nahe gelegene Kiedrich. Vorher ging`s nochmal durch den Burghof, in dem wieder ein Vogel unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Diesmal kein Storch, sondern eine Ente. Sie brütete in einem Nest, das malerisch in die Astgabel einer mächtigen Plantane eingebettet war, die den Burghof dominierte. Bislang war ich davon ausgegangen, dass Enten in Ufernähe brüteten. In einem Nest auf einem Baum hatte ich noch nie eine Ente gesehen, J. auch nicht. Auch ornithologisch hatte unser kleiner Ausflug also eine Menge zu bieten. Und dabei habe ich die Bussarde, die hier und da über unseren Köpfen kreisten, noch gar nicht erwähnt.

    Wandertag, Ente
    Ente brütet in einer Platane im Eltviller Burghof.

    Von Eltville nach Kiedrich sind es ungefähr vier Kilometer. Man muss nur den Piktogrammen für den moderat ansteigenden Rheinsteig-Wanderweg folgen. Schnell haben wir Eltville hinter uns gelassen und gehen durch die Weinberge des Rheingaus. Ein Spaziergänger führt seinen Hund aus, sonst kommt uns niemand entgegen. Schon bald sehen wir den mächtigen Kirchturm der katholischen Kirche St. Valentinus und nach einer dreiviertel Stunde haben wir den Ort erreicht. Die leichte Weinseeligkeit, die wir aus Eltville mitnahmen, war verflogen. […] Wir konnten also nachlegen. Die Auswahl entsprechender Ausschankbetriebe war groß. Wir entschieden uns für eine Straußwirtschaft, die ich von einem Besuch im letzten Jahr bereits kannte. Da saßen wir allerdings im Gastraum, dieses Mal konnten J. und ich draußen Platz nehmen. Fünf bis sechs Tische verteilten sich in dem geräumigen Hof des Gutsausschanks. Die Speisekarte war übersichtlich und vielversprechend. Ich bestellte einen Riesling, den preiswertesten für € 2,80/0,2l., J. entschied sich für einen Grauburgunder. Wir waren sehr zufrieden.

    Wandertag, Kiedrich
    Ein letzter Riesling in Kiedrich

    Nach einer halben Stunde gesellte sich ein älteres Ehepaar zu uns. Erwartungsgemäß kamen wir nach einiger Zeit ins Gespräch. Sie hatten ihr ganzes Leben in Kiedrich verbracht. Es wurde das Aussterben des Dialekts beklagt, und diverse Kostproben typischer mundartlicher Begriffe und Sätze zum Besten gegeben. […]

    Unsere Tischnachbarn waren rüstig, er meinte, er sei jetzt „zum zweiten Mal Vierzig“ geworden, sie war 77. Die Dame freute sich auf den autofreien Sonntag in einem Teil des Mittelrheintals, der am folgenden Tag stattfinden sollte, sie würde immer mit dem Fahrrad daran teilnehmen. Ich konnte es mir nicht verkneifen und wollte wissen, ob sie ein E-Bike fahre. Voller Empörung wies sie das zurück. Solange es noch ginge, fahre sie ein normales Fahrrad ohne Motor. Es würde ihr nur vor dem Anstieg von Eltville nach Kiedrich grausen. Aber es gäbe schließlich eine Gangschaltung und irgendwann würde sie auch oben ankommen. Sie sei ihr ganzes Leben Rad gefahren, genau wie ihr Mann. Der allerdings könne das nicht mehr, weil er zwei künstliche Kniegelenke hätte, von denen das rechte Probleme mache. Das müsse jetzt abermals operiert werden und er hoffe, danach wieder Radfahren zu können. Wir waren beeindruckt. So kann man altern.

    Nach zwei Gläsern Wein und einem herzhaften Essen, verabschiedeten wir uns und gingen zum Bus. Unsere Wirtshausbekanntschaft hatte uns verraten, wo und wann der abfährt. Der Bus kam schnell. Ich fragte den Fahrer, ob wir bei ihm auch einen Fahrschein bis Frankfurt kaufen könnten. Das ginge schon, erwiderte er, allerdings könne ich das auch in Eltville machen. Dann sollte ich also jetzt den Bus bis Eltville bezahlen und dort dann nochmal nach Frankfurt, fragte ich verwundert. Das hätte ja niemand gesagt, antwortete der Busfahrer. Wir durften ohne Fahrschein mitfahren.

    So endete ein wunderschöner Ausflug auf angenehmste Art. Uns konnten dann auch die übervolle Bahn voller betrunkener, mit Asbachtüten und gefüllten Plastik-Weingläsern beladenen, Rüdesheim-Ausflügler die Laune nicht vermiesen.

  • Für Sibylle Jud

    Februar 13th, 2017

    Am 12. Februar 2016 starb meine gute Freundin Sibylle Jud. Sie wurde nur 50 Jahre alt. Diesen Brief wollte ich schon kurz nach ihrem Tod schreiben. Aber über mehr als einen Satz bin ich nicht hinaus gekommen. Jetzt ein zweiter Versuch. Ich bin es ihr schuldig, auch wenn ich ihr mit meinen unzulänglichen Worten nicht gerecht werden kann.

    Liebe Sibylle,

    an deinem Todestag, dem 12. Februar 2016, habe ich den Mietvertrag für meine neue Wohnung unterschrieben. Eine Wohnung, die ich sehr mag und die du nie sehen wirst. Dabei bin ich jetzt für Gäste ganz gut eingerichtet. Du müsstest nicht mehr auf der Luftmatraze schlafen, wie in meiner vorherigen Bleibe, die du gut kanntest. Auch wenn du nie hier warst, lebt die Erinnerung an dich auch in dieser Wohnung weiter. Es vergeht seit deinem Tod kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Und das liegt auch an einer bunten, psychedelischen Glühbirne, die du mir für meine erste Wohnung in Frankfurt mitbrachtest. Dort habe ich sie kaum genutzt und wahrgenommen. Merkwürdigerweise hat sie den Umzug überlebt, hängt jetzt in meiner neuen Wohnung in der Küche und leuchtet jeden Tag für eine gewisse Zeit. Es ist dein Licht. gluhbirne

    Wir kannten uns seit 20 Jahren. Im Jahr 1996 arbeitete ich in der Buchhandlung Kiepert in Berlin. Dort betreute ich unter anderem die detebe Taschenbuchreihe des Diogenes Verlags. Der Umsatz in der größten Buchhandlung Deutschlands war entsprechend. Das brachte mir in diesem Jahr eine Einladung des Verlags nach Zürich ein. Ich war einer von fünf Buchhändlerinnnen und Buchhändlern aus Deutschland, die zu einem Wochenend-Workshop nach Zürich geladen wurden. Flug, 4-Sterne-Hotel, alles dabei. Das größte Ereignis meines Buchhändlerlebens.

    Silke und du waren für unsere Betreuung da. Mit mir hattet ihr am meisten zu tun. Ich war immer der Letzte, der ins Hotel wollte. Es war ein unvergessliches Wochenende. Nach den vier Tagen waren wir Freunde.

    Du warst erst kurz zuvor aus Frankfurt zu Diogenes nach Zürich gekommen. In Frankfurt hast du in der berühmten Huss`schen Buchhandlung gearbeitet. Natürlich hatten wir auch gemeinsame Bekannte. Aber wer hätte damals gedacht, dass ich in wenigen Jahren selbst nach Frankfurt ziehen würde und zwar unter tätiger Mithilfe deinerseits? Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass ich ohne dich niemals nach Frankfurt zum Suhrkamp Verlag gekommen wäre.

    Man begegnet nur selten Menschen, die das eigene Leben in eine andere Richtung lenken. Für mich bist du so ein Mensch. Das war an diesem Wochenende in Zürich allerdings noch nicht absehbar. Wir blieben in Kontakt. Du hattest Freunde in Berlin, von denen ich seitdem einige auch zu meinen Freunden zähle, und kamst gelegentlich nach Berlin. Wir telefonierten ab und zu und trafen uns. Ich habe dich auch immer wieder gerne in Zürich besucht.

    Bei einem dieser Besuche wollten wir mit einem deiner Freunde vom Haffmans Verlag einen „Spaziergang“ in den Zürcher Bergen machen. Er sollte etwa drei Stunden dauern, eine überschaubare Zeit. Das Wetter war schön, K., deinen Freund fand ich nett. Also sind wir frohgemut mit K.s Auto ein Stück weit ins Gebirg gefahren. Zu Beginn des „Spaziergangs“ tranken wir Weizenbier auf einer Alm am Sessellift und genossen die Aussicht. Anschließend stiefelten wir guter Dinge los. Ich trug stabile Turnschuhe, heute würde man wohl „Sneaker“ sagen, ihr wart professionell mit Wanderschuhwerk ausgestattet. An einer Weggabelung hast du entschieden, nach links zu gehen statt nach rechts. So wurde aus drei Stunden „Spaziergang“ eine veritable Wanderung von acht Stunden und etwa 1500 Höhenmetern. Ohne Proviant versteht sich, braucht man für drei Stunden auch nicht. Und doch blieb die Stimmung, bei aller Anstrengung, gut. Niemand hat gejammert oder geflucht. Wasser gab`s aus Bächen und irgendwelche Beeren am Wegesrand sorgten für eine rudimentäre Verpflegung. Das Naturerlebnis war dennoch überwältigend. Du gabst der Wandergruppe stets optimistische Prognosen. „Wir sind gleich da“, „Es dauert nicht mehr lang“, „Nur noch über diesen Kamm und dann kommt ein Wirtshaus nahe am Parkplatz“ und so weiter. Wir haben dir geglaubt, das hielt uns bei Laune, bei positiver Laune. Aber dann kam noch ein Kamm, noch ein Hügel, noch ein paar Höhenmeter. Es zog sich, doch unsere Stimmung kippte nicht. Aber irgendwann, nach acht Stunden, als wir die letzte Steigung erklommen hatten, erspähten wir unten im Tal das versprochene Wirthaus. Alles war gut und das Bier wahrscheinlich das beste, das ich jemals getrunken habe. Zu Essen gab es auch was. Wir bestellten. Als ich von der Toilette zurückkam, fand ich euch schallend lachend am Tisch. Der von mir bestellte Wurstsalat hatte sich als ein großer Salatteller entpuppt, in dessen Mitte eine rote Wurst ruhte wie ein junger Hund im Körbchen. Es war ein der Erschöpfung geschuldetes, befreiendes Lachen, das der kleinste Anlass auslösen kann. Dieser achtstündige „Spaziergang“ hat uns verbunden. Es war eine intensive Erfahrung, von der ich bis heute zehre.

    Du warst Fußballfan. Der SC Freiburg war dein Verein (haben heute 2:1 gegen Köln gewonnen). Am 28. Mai 1997 bestritten Juventus Turin und Borussia Dortmund das Championsleague-Finale in München. Juve (dein Freund und Kollege Walter war glühender Juve-Fan, ist es wahrscheinlich heute noch) war Tabellenführer in Italien. Der BVB kämpfte gegen den Abstieg. Klar, wer Favorit war. Wir wetteten, du auf Juve, ich auf den BVB. Es ging um zwei Flaschen Champagner. Meine Gewinnaussichten waren eher gering. Es war das Spiel, in dem Lars Ricken zehn Sekunden nach seiner Einwechslung, nach Vorarbeit von Andi Möller, das sensationelle Tor aus 40 Metern schoss, das für immer in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Dortmund hat 3:1 gewonnen und du zwei Flaschen Champagner verloren. Du hast mich später gerügt, dass ich dich an diesem Abend nicht angerufen habe. Den Champagner tranken wir bei mir zuhause in Berlin. Anderthalb Flaschen haben wir geschafft, dann begleitete ich dich durch die Nacht zu deinem Gastgeber ein paar Straßen weiter. Bei mir bleiben wolltest du nicht.

    Im Oktober 1999 hatte eine gemeinsame Freundin, K.,die ich selbstverständlich durch dich kennengelernt hatte, Geburtstag. Sie war erst kurz vorher mit ihrem Mann H., von Berlin nach Offenbach gezogen. Wir waren durch dich Freunde geworden und sahen uns in Berlin regelmäßig. Ich fuhr nach Frankfurt. Es war kurz nach der Buchmesse, auf der ich erfuhr, dass der Suhrkamp Verlag Verstärkung für die Verkaufsabteilung suchte. Ich habe mich nicht um den Job bemüht, weil ich bei Suhrkamp niemanden kannte. Wechselwillig war ich aber durchaus. Bei dieser Geburtstagsparty im Oktober 99 war dann auch der Verkaufsleiter von Suhrkamp anwesend, ein Freund und Kollege des Geburtstagskindes, den du selbstverständlich auch kanntest. Du sprachst ihn darauf an, ob die Stelle noch vakant sei. Sie war es, er wolle aber an diesem Abend nicht darüber reden, weil er auch schon was getrunken hätte. Ich solle mich aber schriftlich bewerben, er würde sich daran erinnern. Das tat ich dann auch. Das Geburtstagskind K. legte ebenfalls ein gutes Wort für mich ein. An meinem Geburtstag im Jahre 1999 rief mich der Verkaufsleiter in der Buchhandlung an und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch nach Frankfurt ein. Wenige Tage später fuhr ich hin. Das Gespräch mit dem damaligen kaufmännischen Geschäftsführer dauerte zehn Minuten. Am Abend hatte ich den Job. Heute ist U., der damalige Verkaufsleiter, ein Freund von mir.

    Du hast vor einigen Jahren das Zürcher Büro gegen das Vertreterdasein eingetauscht und warst seither für Diogenes als Vertreterin in NRW unterwegs. Als Wohnsitz hast du Düsseldorf gewählt und dort sehr schnell eine wunderbare Wohnung gefunden. Ich habe dich zwei-dreimal besucht. Dass du Anfang 2014 die Altstadt-Buchhandlung in Ratingen übernommen hast, die von deinem Lebenspartner Sven geführt wurde und noch immer wird, habe ich nicht mitgekriegt. Ratingen, mein Geburtsort.

    Im Jahre 2008 trafen wir uns zufällig in Bochum zu einem Konzert der Ruhrtrienale. In der Jahrhunderthalle spielten zum Abschluss Joe Henry, Billy Bragg und Rosanne Cash. Als ich bei der Halle ankam, standen plötzlich du und Sven vor mir. Das war ein wundervolles zufälliges Zusammentreffen. Hätte ich das vorher geahnt, hätte ich kein Hotel gebucht, sondern wäre mit euch nach Düsseldorf gefahren. So waren wir nach dem Konzert nur noch zusammen was essen. Dennoch, das war ein sehr schöner Abend.

    Bei der Buchmesse 2014 warst du nicht dabei. Es hieß, du seiest krank. Gut, dachte ich mir, sie hat eine Grippe. Ich schrieb dir eine SMS, die unbeantwortet blieb. Im Folgejahr blieb Diogenes der Messe fern. Aber ich erfuhr, dass deine Krankheit wesentlich ernster war als eine Grippe. Ich weiß nicht, wie du die zwei Jahre nach der Diagnose verlebt hast. Wir hatten keinen Kontakt mehr und ein Leben nach einer solchen Diagnose übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

    Seit 2014 blieben dann auch die liebevollen Weihnachts- und Neujahrswünsche aus, mit denen du jahrelang deine Freundinnen und Freunde erfreut hast. Es bleibt so vieles aus seitdem.

    neujahrsgrus

    Liebe Sibylle, ohne dich wäre mein Leben anders verlaufen. Die Welt ist ärmer geworden durch deinen Tod. Du fehlst schmerzlich. Danke für alles.

    Stefan

  • So kam das

    Januar 26th, 2017

    friesenbuchhandlung

    An diesem Ort in Berlin-Kreuzberg, damals noch 1000 Berlin 61, begann 1980 mein Leben in der Buchbranche. Das Geschäft mit den geschlossenen Rollläden wurde zu der Zeit von einem türkischen Gemüsehändler betrieben. Der Laden auf der linken Seite beherbergte eine kleine Buchhandlung. Sie hieß Friesenbuchhandlung, benannt nach der Straße, in der sie beheimatet war. Die Aufschrift über der Markise ist noch zu entziffern. Eher zufällig kam ich Ahnungsloser zu dem Vergnügen, in einer Buchhandlung arbeiten zu dürfen. Meine einzige Qualifikation: Ich las gerne. Der Gründer und Inhaber der Friesenbuchhandlung war Stammgast in der Kneipe, in der ich seinerzeit arbeitete. Er fragte mich eines Tages am Tresen, ob ich nicht jemand für seine Buchhandlung wüsste, sein Kompagnon sei ausgestiegen. „Frag doch mal mich“, antwortete ich. So kam das. Mal wieder zeigte sich, wie wichtig „Vitamin B“ ist.

    Nach drei Jahren trennten sich unsere Wege wieder. In dieser Zeit ist das Wandgemälde, nach eine Idee von mir, entstanden. Es heißt Unter dem Pflaster liegt der Strand, gemäß eines zu dieser Zeit sehr beliebten Sponti-Spruchs. Gemalt hat es Bärbel Rothhaar, eine befreundete Künstlerin, die, nachdem das besetzte Haus, in dem sie lebte, geräumt worden war, bei mir wohnte.

    Ich bin sehr froh, dass das Wandbild noch heute zu sehen ist. Die Gegend ist mittlerweile vollkommen durchsaniert und gentrifiziert. Dieses Haus ist ein Relikt aus jener Zeit. Ansonsten prägen aufpolierte Fassaden, Cafés, Gastronomie, Fahrradläden und erlesene Einzelhandelsgeschäfte das Bild. Am Straßenrand parken SUV.

    Nach den drei Jahren folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, die durch eine, vom Arbeitsamt gesponserte, Ausbildung zum Buchhändler beendet wurde. Umschulung von Nix auf Buchhändler. Die Vorstellung, irgendwann einmal im Suhrkamp Verlag zu arbeiten und später auch selbst Bücher zu machen, wäre mir damals so absurd erschienen wie ein Fall der Mauer.

  • Zweihundert Jahre Draisine

    Januar 23rd, 2017

    Diesen Text habe ich als Nachwort für meine Anthologie Vom Glück Fahrrad zu fahren – ein literarischer Rückenwind, die im März 2017 im Marix Verlag Wiesbaden erscheinen wird. Vom Verlag wurde der Text allerdings abgelehnt. Er wollte keine Kampfschrift pro Fahrrad und contra Auto. Ich hege deshalb keinen Groll, war von dieser Reaktion auch nicht überrascht. Dieser kleine Text ist ja jetzt dennoch in der Welt. Für die Anthologie schreibe ich ein anderes Nachwort.

    Als Karl Freiherr von Drais (1785 – 1851) im Jahre 1817 seine Laufmaschine, die sog. Draisine, erfand, ahnte er nicht, dass er damit eine Revolution auslösen würde. Eine Revolution, die einem fortdauernden Prozess unterworfen ist und allerlei Rückschläge erleiden musste. Bis heute ist der Sieg dieser Revolution noch nicht errungen, allerdings lässt sie sich aber auch nicht mehr aufhalten. Die Drais`sche Erfindung im Jahre 1817 war eine notwendige Reaktion auf das „Jahr ohne Sommer“ 1816. Als im April 1815 die Eruption des Vulkans Tambora in Indonesien für viele Monate die Erde verdunkelte, folgten katastrophale Ernteausfälle und Hungersnöte. Pferde, das bis dahin wichtigste Fortbegungsmittel, konnten nicht mehr mit dem notwendigen Futter versorgt werden. Viele Tiere verendeten, bzw. wurden getötet. Es musste also ein Ersatz her für das Pferd als Verkehrsmittel. Mit der Drais`schen Laufmaschine schien eine Alternative gefunden zu sein.

    Dem Erfinder selbst hat die Draisine allerdings nicht allzu viel Glück gebracht. Spott, Intrigen und politische Verfolgung sowie wirtschaftliches Unvermögen bei dem Versuch eine eigene Produktion aufzubauen – Betrügerische Geschäftspartner brachten ihn um all sein Vermögen – läuteten den finanziellen Ruin des Freiherrn von Drais ein. Anfängliche Erfolge weltweit und die schnell wachsende Verbreitung der Laufmaschine führte auch zu verstärkten Konflikten, ähnlich den heutigen zwischen zwischen Radfahrern und Fußgängern. Die Draisine wurde als Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer eingeschätzt und verboten. Das war das Ende der Drais`schen Erfindung. Er starb verarmt am 10. Dezember 1851 in seinem Geburtsort Karlsruhe.

    Das Prinzip der zweirädrigen Fortbewegung jedoch war in der Welt und feiert heutzutage Erfolge rund um den Globus.

    Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann der eigentliche Siegeszug des Fahrrads. 1885 wurde, nach Umwegen über das unbequeme und gefährliche Hochrad, mit der Erfindung von Luftreifen und Kettenantrieb die Konstruktion des modernen Niederrades möglich. Nun konnten Fahrräder gebaut werden, die schon alle Merkmale heutiger Räder aufwiesen. Durch die Entwicklung einer Rahmenform, die es auch Frauen in Röcken ermöglichte Fahrrad zu fahren, wurde es zum individuellen Massenverkehrsmittel. Und nicht zuletzt trug das Rad zur Emanzipation der Frau bei. Die Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858 – 1938) schrieb um 1905: Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frau […] mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen.

    Durch die massenhafte Verbreitung des Fahrrads wurde es selbstverständlich auch als Sportgerät interessant und bereits in den 1890iger Jahren fanden erste Radrennen statt, auch für Frauen. Das Fahrrad gewann an Faszination und fand Eingang in die Literatur. Im Jahr 1886 begann Adam Opel (1837 – 1895) in Rüsselsheim mit der Fabrikation von Fahrrädern und wuchs schnell zum größten Hersteller Deutschlands. Von ihm ist das zeitlose Wort überliefert: Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad. Auch soll er kurz vor seinem Tode beim Anblick eines Automobils gesagt haben: Aus diesem Stinkkasten wird nie mehr werden als ein Spielzeug für Millionäre, die nicht wissen, wie sie ihr Geld wegwerfen sollen! Eine Aussage, die nur wenige Jahrzehnte später widerlegt wurde.

    Mit dem Aufkommen des Automobils verlor das Fahrrad immer mehr an Bedeutung. Es wurde zum „Arme-Leute-Vehikel“ für alle, die sich kein Auto leisten konnten oder wollten. Der herablassende Begriff Drahtesel fand Eingang in den Sprachgebrauch und hält sich dort bis heute hartnäckig. Radfahrer wurden belächelt, wenn nicht gar bemitleidet und im Straßenverkehr nicht ernst genommen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verfolgten viele Bürgermeister zerbombter deutscher Städte das Prinzip der „Autogerechten Stadt“ und ließen breite Schneisen durch ehemalige Wohngebiete schlagen, um diesem Prinzip gerecht zu werden. Für das Fahrrad war da kein Platz mehr und Radfahrer wurden auf Gehwege oder schmale Radwege gezwungen.

    Es dauerte einige Jahrzehnte bis die autogerechte Stadt als fatale Fehlplanung erkannt wurde. Städte leiden heutzutage mehr denn je unter dem stetig wachsenden Autoverkehr, der mit Individualverkehr nichts mehr zu tun hat. Die Luftbelastung nimmt immer stärkere gesundheitsgefährdende Ausmaße an. Lärm, Feinstaub und Stickoxyd belasten die Stadtbewohner und der Flächenbedarf für den Autoverkehr steht in großem Widerspruch zu dringend benötigtem Platz für den Wohnungsbau. Das wurde in vielen deutschen Städten inzwischen erkannt, allerdings verläuft die Umsetzung der notwendigen Maßnahmen vielerorts nur sehr zögerlich. Fahrradpolitik in Deutschland ist oftmals Stückwerk, man will sich nicht mit der Autolobby anlegen und denkt eher an die nächsten Wahlen als an den Ausbau einer funktionierenden Fahrradinfrastruktur. Dabei sind Autofahrer in den Städten eine Minderheit. Die meisten Menschen gehen zu Fuß, nutzen das Rad oder den öffentlichen Nahverkehr. Dennoch verbreitet sich allmählich die Einsicht, dass eine zukunftsfähige innerstädtische Verkehrspolitik eine Politik zulasten des Autos sein muss. Selbst in Millionenstädten wie New York, London und Paris wird mittlerweile viel Geld investiert um den Radverkehr zu fördern und das Auto zurückzudrängen. Berlin will jetzt auch ernsthaft darangehen, die Verkehrsinfrastruktur zugunsten des Fahrrads zu verbessern. Andere deutsche Metropolen tun sich da deutlich schwerer und oft bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Aber immerhin wird unterdessen auch über Radfernwege diskutiert. Einige wurden auch bereits beschlossen und befinden sich in der Planung. Das ist eine Folge der massenhaften Verbreitung des E-Bikes, mit dem sich auch für ungeübte Radler problemlos längere Strecken zurücklegen lassen.

    In den letzten Jahren hat das Fahrrad das Arme-Leute-Image vergangener Tage abgelegt und ist inzwischen weit mehr als ein Verkehrsmittel. Es hat sich vielmehr zum Kultgegenstand gewandelt und zum Lifestyleaccessoire. Besonders bei jungen Menschen hat das Fahrrad dem Auto längst den Rang als Statussymbol abgelaufen. Wenn das rasante Wachstum des Radverkehrs weiter fortschreitet, und nichts spricht dagegen, und sich in den Kommunen stärker als bisher die Erkenntnis durchsetzt, das dieses massiv gefördert werden muss, dann wird in nicht allzu ferner Zeit das Fahrrad das sein, was die Draisine für das Pferd war, ein Ersatz für das Auto. Es wäre der späte Sieg des Freiherrn von Drais.

  • Donnerstags in Frankfurt

    Januar 10th, 2017

    Mein liebster Wochentag ist der Donnerstag. Von den Vortagen stecken mir da drei meist anstrengende Kneipenschichten in den Knochen. In der ersten Januarwoche waren es sogar vier, vier harte Schichten. Ausnahmsweise habe ich am Sonntag gearbeitet. Am ersten Januar wird in der Kneipe immer ein Sauerkrautessen veranstaltet. Der Volksmund meint, man müsse an diesem Tag Sauerkraut essen, damit das Geld nicht ausgeht. Ich hab`s probiert und kann sagen, der Volksmund lügt. Egal, so fing das Jahr mit einer Elfeinhalb-Stundenschicht an. Der Donnerstag ist also sowas wie mein Wochenende, auch wenn ich arbeite, wie an den Folgetagen. Aber Donnerstags lass ich es gemächlich angehen. Nach dem späten Aufstehen erledige ich ein paar Dinge, Mails und so. Was halt anliegt. Gegen 15 Uhr mache ich mich dann auf den Weg zur Konstablerwache. Denn der Markt auf der Konstabler macht diesen Tag erst zu einem besonderen.

    Ich spaziere dann durch die Stadt, versuche meinen Kopf frei zu bekommen und möglicherweise die eine oder andere Idee auszubrüten. Beim Gehen klappt das am besten. Fast immer laufe ich die Berger Straße stadteinwärts. Andere Wege führen auch in die Innenstadt, aber auf der Berger ist am meisten los und es gibt mehr zu sehen. Ich kann zwischen zwei Varianten wählen, den Spaziergang zu beginnen. Entweder ich gehe rechts, wenn ich aus dem Haus trete, oder links. Letzten Donnerstag bin ich nach rechts gegangen, vorbei an den Ernst-May-Häusern in der Wittelsbacherallee Richtung Saalburgallee. Dort passiert man das Lieblingswasserhäuschen von Jörg Fauser, der mal in der Wittelsbacher gewohnt hat. wasserhauschen Hinter der stark befahrenen Kreuzung schlage ich mich durch ruhige Nebenstraßen zur Berger. Ich komme am Uhrtürmchenplatz an und schaue erstmal ins Schaufenster meiner Lieblingsbuchhandlung, der Buchhandlung Schutt. uhrturmchenplatz1Die Berger zieht sich über vier Kilometer von der Innenstadt durch das Nordend und Bornheim bis nach Seckbach. Sie ist die Haupteinkaufsstraße der beiden Bezirke. Daher nehme ich auf meinem donnerstäglichen Spaziergang meist diese Route. Die Straße ist stets belebt und es gibt was zu sehen. Gegenüber der katholischen Kirche an der Ecke Eichwaldstraße hat im letzten Jahr ein hessischer Devotionalienladen eine neue Filiale eröffnet. Auf die Inhaber dieses Ladens habe ich mich vor einigen Jahren mal zu sehr verlassen. Es war der wahrscheinlich größte Fehler meines Lebens. Anfangs wechselte ich immer die Straßenseite, wenn ich dort vorbeiging, mittlerweile nicht mehr. Rechterhand folgt das seit Jahren verlassene Gebäude des Elektrokaufhauses Saturn, Frankfurter reden immer noch von „Saturn-Hansa“. So hieß das wohl mal vor vielen Jahren. Gegenüber des toten Gebäudes stehen seither einige Läden leer. Immer wieder rauschen neue Pläne und Gerüchte durch den Blätterwald, was aus der Immobilie werden soll. Passieren tut nichts und so steht der hässliche Klotz sinnlos in der Gegend rum und verschandelt das Stadtbild. Allerdings dient der ehemalige, überdachte Eingangsbereich einigen Obdachlosen als Schlafplatz. saturnAn der Kreuzung Höhen- und Berger Straße wurde im letzten Jahr eine Fußgängerin von einem Baustellenfahrzeug überfahren und tödlich verletzt. Der LKW war entgegen der Einbahnstraße zur Kreuzung gefahren und rechts in die Höhenstraße abgebogen. Das Opfer wollte bei Grün die Straße überqueren. Bis heute erinnern Blumen und Kerzen an den grausamen Unfall. Gegenüber der Unfallstelle wird jetzt ein seit Ewigkeiten brach liegendes Gelände bebaut. Der Entwurf des Hauses, der dort hängt, macht auf mich einen guten Eindruck. Es wird sich erfreulich von der heute so verbreiteten „Würfelhustenarchitektur“ unterscheiden. Warten wir ab, wie es in der Realität wirkt. baustelle-berger-hohen

    Ab dieser Kreuzung beginnt die untere Berger Straße. Wir sind im Nordend. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Straße fast zu einer reinen Fressmeile entwickelt hat. Klassische Einzelhandelsgeschäfte können sich die Mieten hier nicht mehr leisten. Cafés, Restaurants, Burgerläden, Sushi-, Waffel- und Pizzabuden wechseln sich ab. Fast im Wochenrythmus eröffnen neue Gastrobetriebe, die die kochfaule und solvente Anwohnerschaft vorm Hungertod bewahren wollen. Ich wundere mich immer, wer das alles essen soll. Auch Frankfurts berühmteste Curryanstalt hat sich dort mit einem Ableger niedergelassen, „Best Worscht in Town“. Sie ist berühmt für ihre Soßen, die in verschiedensten Schärfegraden angeboten wird. Wer die schärfste wählt, muss wahrscheinlich eine Erklärung unterschreiben, dass die Wurst mit der feurigen Soße freiwillig und bei voller geistiger Gesundheit verzehrt werden soll. Ich bestellte dort mal eine Currwurst „ohne Darm“. Daraufhin wurde ich unschwer als Berliner identifiziert, mein Wunsch konnte allerdings nicht erfüllt werden. Also nahm ich die übliche Wurst, die Soße mit Schärfegrad C, was mir auch eine Warnung einbrachte. Ob ich die schonmal gegessen hätte?

    Weiter geht`s stadteinwärts, vorbei am Merianplatz mit dem hässlichen Brunnen, der aussieht wie irgendwas aus einem Automotor. Jetzt ist es nicht mehr weit zum Anlagenring, der der ehemaligen Stadbefestigung folgt. Vorher bleibe ich bei der Buchhandlung Y mit dem kleinen Café stehen und durchstöbere die Ramschkisten vor dem Laden. Kurz dahinter der schöne, wie aus der Zeit gefallene Gemüseladen, der auch leckere Suppen anbietet. Jedesmal nehme ich mir vor, mal eine zu probieren. Jedoch nicht am Donnerstag, denn da bin ich auf dem Weg zum Erzeugermarkt auf der Konstablerwache. Und dort warten andere Köstlichkeiten auf mich. Am Ende der Berger findet sich dann rechterhand der Bethmannpark, eine innerstädische Oase mit dem Chinesischen Garten. Einige Enten spazierten über den zugefrorenen Weiher. bethmannpark

    An diesem Donnerstag jedoch macht der Markt einen recht gerupften Eindruck. Viele Besucher, mich eingeschlossen, irrten orientierungslos über den Platz, auf der Suche nach den gewohnten Anlaufstellen. Doch viele Erzeuger sind an diesem Tag zuhause geblieben, machten wohl eine Woche Urlaub nach den Weihnachtstagen. Mein erster Blick auf dem Markt gilt immer dem Stand des Obsthofs Sattler, der den besten Apfelwein ausschenkt, den ich kenne. Gelegentlich treffe ich dort Andeas Maier. Aber der Platz war verwaist, kein Sattler, kein Maier. konstablerDer benachbarte Platz, an dem sonst der Bauer Stranz seine Buden aufbaut war ebenso leer, wie viele andere an diesem Donnerstag. Ich wusste also im ersten Moment nicht, wo ich was essen sollte und wo meinen Schoppen trinken. Also besorgte ich mir woanders eine Kartoffelbratwurst und steuerte einen weiteren Stand an, der heißen Apfelwein anbot. Beides war lecker. bratwurstDennoch blieb ein leicht leeres Gefühl, als ich meine Schritte wieder Richtung Bornheim lenkte. Wie meist wollte ich auf dem Heimweg an einem Lieblingsort vorbeischauen und dort einen Kaffee trinken, dem Wasserhäuschen Fein am Anlagenring. Dieses ehemalige, klassische Wasserhäuschen mit den typischen Bindingtrinkern wurde im vorletzten Jahr von einer sehr engagierten und phantasievollen Frankfurterin übernommen und überaus liebevoll hergerichtet. Es gibt dort guten Kaffee, Kuchen, allerlei anderen Süßkram, auch Wein, Apfelwein und selbstverständlich auch Bier. Der Platz rund um den Kiosk ist immer liebevoll möbliert. Ein Kleinod, das zum Verweilen einlädt. Allerdings nicht am letzten Donnerstag. „Ferien bis 8. Januar“ verkündete ein Zettel an der geschlossenen Jalousie. Jetzt freu ich mich auf den nächsten Donnerstag.fein

  • Sommer 1972

    Dezember 17th, 2016

    Da ich mich derzeit viel mit dem Thema Fahrrad beschäftige, erinnere ich mich an eine lang vergangene Urlaubsreise.

    Saintes-Maries-de-la-Mer – Avignon

    Es war im Sommer 1972. Ich studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Meine damalige Freundin K. und ich planten in den Semesterferien gemeinsam mit zweien meiner Kommilitonen eine Reise nach Südfrankreich. Wir waren sehr jung und es sollte unser erster gemeinsamer Urlaub werden. Einer der Studienkollegen fuhr einen Ford 20 M Coupé, mit dem wir in die Camargue ans Mittelmeer fuhren. Kaum in der Provence angekommen trennten wir uns von den bisherigen Wegbegleitern. Wir kamen mit ihnen nicht klar und wollten unsere Ruhe haben. Da der gemeinsame Reiseetat für vier Wochen lediglich 300 DM umfasste, beschlossen wir zu trampen. Die erste Etappe führte uns problemlos von Saintes-Maries-de-la-Mer nach Avignon. Dort schlugen wir unser schlichtes Zwei-Personen-Zelt am Ufer der Rhône auf. Es war damals kein Problem, irgendwo sein Zelt aufzubauen. Die Erinnerung, was wir in Avignon taten, ist verblasst. Ein Kinobesuch ist mir allerdings im Gedächtnis geblieben – Fellinis „Roma“, im Original mit französischen Untertiteln. Bis heute sind mir die Bilder dieses Films gewärtig.

    Ebenso fest in mein Gedächtnis eingebrannt ist, dass es in der ersten Nacht heftig anfing zu regnen und wir etliche Mücken im Zelt hatten, die uns Schlaf und Nerven raubten. Etliche von ihnen erschlugen wir an der Zeltwand. Wie gesagt, es war ein schlichtes Zelt, mit einfacher Wandung. Irgendwann waren die Mücken erlegt und wir fielen endlich in den Schlaf. Als wir aufwachten lagen wir in einem See. Schlafsäcke nass, Klamotten nass, wir nass. Die nächtliche Mückenjagd im Regen hatte die Zeltwand durchlässig gemacht. Das hatten wir Amateure nicht bedacht. Hilfe in der Notlage gewährten uns zwei Jungs aus Ludwigsburg, die mit einem VW Käfer unterwegs waren, und ebenfalls am Ufer der Rhône zelteten. Bei mittlerweile wieder sonnigem und warmen Wetter trockneten wir Schlafsäcke und Kleidung auf dem Dach und der Motorhaube des Käfers. Die Nacht verbrachten wir auch in dem zwar engen, aber trockenem Auto.

    Avignon – Lyon

    Die beiden Ludwigsburger nahmen uns dann nach einigen Tagen mit nach Lyon. Dort postierten wir uns an einer Autobahnauffahrt mitten in der Stadt. Wir waren nicht alleine. Etliche andere Tramper standen bereits dort, auf der Suche nach einem Lift gen Norden. Aber kaum ein Auto hielt an. Nur eine hübsche junge Frau wurde nach wenigen Minuten mitgenommen. Alle anderen standen dort stundenlang, wir auch.

    Bis zum Abend hatte noch niemand angehalten. Es dämmerte und wir verzweifelten zunehmend. Die Rettung kam in Gestalt zweier junger Frauen, die alle Tramper an dieser Autobahnauffahrt einsammelten und zu sich nach hause einluden. Sie führten uns in eine unweit gelegene beindruckende, großbürgerliche Wohnung, in der wir die Nacht verbringen konnten. Vorher gab es noch etwas zu essen und Rotwein. So richtig konnten wir nicht glauben, was uns widerfuhr. Unsere Gastgeberinnen erzählten, dass an dieser Tramperfalle vor wenigen Tagen ein Autofahrer von einem Anhalter, den er mitgenommen hatte, erschlagen wurde. Das erklärte die Situation, half uns aber nicht weiter. Wie auch immer, dankbar, gesättigt und rotweinselig rollten wir irgendwo unsere Schlafsäcke aus.

    Lyon – Paris

    Am nächsten Morgen, nach einem klassischen französischen Frühstück, packten wir unser Bündel und stellten uns erneut an die vermaledeite Autobahnauffahrt. Am Nachmittag standen wir noch immer dort. Erneut kamen die beiden Frauen vorbei, dieses Mal allerdings nicht, um uns wieder einzuladen. Statt dessen schickten sie uns aus dem Sichtfeld der Autofahrer und eine der beiden stellte sich statt unser an die Straße und hielt den Daumen raus. Nach wenigen Minuten hielt ein weißer R16. Der Fahrer erklärte sich nach einem kurzen Gespräch mit unserer Retterin bereit, uns mitzunehmen. Erleichtert und dankkbar stiegen wir ein und fuhren gen Norden. Es war eine eher schweigsame Fahrt, aber nicht unangenehm. Irgendwo zwischen Lyon und Paris stiegen wir aus.

    Meine Erinnerung setzt wieder ein, dass wir bei einer blonden Madame in einem Citroen saßen, die uns nach kurzem Warten einsteigen ließ und nach Paris mitnahm. Ich saß auf unserer Tour immer vorne neben den Fahrern, weil ich über rudimentäre französische Schulkenntnisse verfügte und daher für eine minimale Form der Kommunikation zuständig war. Es war dunkel, als wir in Paris ankamen. Unsere Fahrerin fragte, wo wir hinwollten. Sie möge uns in der Nähe eines Campingplatzes rauslassen, bat ich sie. Das sei schon zu spät, erwiderte die freundliche Französin und bot uns stattdessen an, die erste Nacht in ihrer Wohnung zu verbringen. Wir nahmen das natürlich gerne an und sie bereitete uns ein bequemes Bett in ihrer großbürgerlichen Wohnung. Am Morgen, nach Milchkaffee und Croissant, verabschiedeten wir uns dankbar und zogen durch Paris. Unser Gepäck hatten wir in einem Schließfach verstaut.

    Nachmittags schlenderten wir durch das Quartier Latin. Eine Unterkunft hatten wir noch nicht, waren aber zuversichtlich. K. musste auf die Toilette und betrat ein Café. Ich wartete derweil draußen vor der Tür. Wenige Minuten später kam sie wieder raus, in Begleitung eines Afrikaners. Sein Name war Mustapha Thiam (wieso auch immer ich diesen Namen nicht vergessen habe), ein Senegalese. Er lebte in Argenteuil, einem Vorort von Paris, der vor wenigen Jahren wegen heftiger Unruhen in den Banlieues der Stadt in die Schlagzeilen geriet. Mustapha lud uns ein. Für die restlichen Tage unseres Aufenthalts könnten wir bei ihm bleiben. Er bot uns das Schlafsofa im Wohnzimmer an und wir hatten eine Bleibe in Paris. Täglich fuhren wir mit der Metro in die Stadt, liefen viel herum, besuchten Museen, ließen uns treiben, ernährten uns fast ausschließlich von Baguette und Käse und fühlten uns großartig.

    Als sich der Urlaub und unser Geld dem Ende zuneigte verabschiedeten wir uns herzlich, bedankten uns für die Gastfreundschaft und überreichten Mustapha ein kleines Abschiedsgeschenk. Das war keine gute Idee. Das verletzte ihn in seiner Ehre als Gastgeber. Wir hatten ihn unwillentlich beleidigt. Zurück in Deutschland, entschuldige ich mich in einem Brief.

    Paris – Straßbourg

    Um nach Deutschland zurückzukommen, suchten wir uns an der Porte d`Orléans einen strategisch günstigen Platz und streckten den Daumen raus. Nach ungefähr fünf Minuten hielt ein weißer Peugeot 504. Auf dem Dach waren zwei Rennräder befestigt. Der Fahrer, ein freundlicher junger Mann, war auf dem Weg nach Straßbourg und ließ uns einsteigen. Was für ein traumhafter Lift. Unsere Glücksträhne in Frankreich hielt an. Wie immer setzte sich K. nach hinten und ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Es war Samstag, der 26. August 1972 und im Radio lief die Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele von München, natürlich auf Französisch. Darüber kamen wir ins Gespräch beziehungsweise ins Radebrechen. Meine Eltern lebten zu der Zeit in der Nähe von München, und ich sagte unserem Fahrer, sie seien im Stadion bei der Eröffnungsfeier. Ob das auch stimmte – keine Ahnung. Wir waren also sofort beim Thema Sport. Ich fragte ihn nach den Rädern auf dem Dach seines Autos. Daraufhin stellte sich unser Fahrer vor. Er sei Yves Hézard, ein erfolgreicher Französischer Radrennfahrer. In diesem Jahr hätte er die 7. Etappe der Tour de France gewonnen und die Rundfahrt als Siebter des Gesamtklassements beendet. Ich war beeindruckt, obwohl ich mich damals noch nicht sonderlich für den Radsport interessierte. Er sei auf dem Weg nach Straßbourg, weil er dort morgen an einem Rennen teilnehmen wolle. Und er sei froh, die lange Strecke nicht alleine im Auto sitzen zu müssen. Deshalb hätte er uns mitgenommen. Heute fahren Profi-Radsportler sicher nicht mehr mit dem eigenen Auto zu den Rennen und transportieren auch noch ihre Rennmaschinen selbst. Aber damals war es möglich, als Anhalter von einem Radsporthelden mitgenommen zu werden.

    Wir redeten ansonsten über das Übliche, was man so mache, dass wir das erste Mal in Frankreich gewesen seien, das es uns sehr gut gefallen hätte und wir vielen netten und gastfreundlichen Menschen begegnet seien, etc. So verstrich die Zeit und als wir nach einigen Stunden in Straßbourg ankamen, dämmerte es bereits. Ich bat Hézard uns an einem Campingplatz rauszulassen. Es war schnell einer gefunden. An der Rezeption wurde mir allerdings erklärt, es gäbe keinen freien Platz mehr. Daraufhin kümmerte sich Yves Hézard um die Angelegenheit und umgehend hatten wir einen Platz. Einige Kinder und Jugendliche hatten inzwischen ihren Radhelden erkannt und umringten das Auto. Vom Beifahrersitz aus verteilte ich Autogrammkarten an die jugendlichen Fans. Meine Karte ist im Laufe der Jahre leider verschollen. Als wir uns verabschieden wollten, widersprach der Sportler. Er wolle uns zum Essen einladen. Wir nahmen das liebend gerne an. Die Aussicht auf ein richtiges Essen nach einer langen Käse- und Baguettediät war zu verlockend.

    Nachdem wir unser kleines Zelt aufgebaut hatten, fuhren wir nach Straßbourg hinein. An einem Kreisverkehr wurde Hézard bereits erwartet. Hupend und winkend begrüßten ihn zwei schöne Frauen in einem Mini Cooper, wie einen Rockstar. Unser Gönner hupte und grüßte zurück. Die beiden Damen folgten uns bis zu einem Restaurant in der Innenstadt. Dort begrüßten sie sich auf sehr französiche Art mit Küßchen links und Küßchen rechts und betraten mit uns das Lokal. Hézard meinte, wir sollten bestellen, was wir wollten. Er würde morgen das Rennen gewinnen und mit der Prämie könne er sich das problemlos leisten. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und bestellten Choucrute Alsacienne, ein deftiges elsässisches Sauerkrautgericht mit Würsten und Fleisch. Dazu Bier. Es war köstlich. Seit Wochen hatten wir nicht mehr so üppig gegessen.

    Nach dem Essen fuhr uns Hézard zurück zu unserem Zeltplatz. Er hatte wegen des Rennens am nächsten Tag nur Wasser getrunken. Wir verabschiedeten uns herzlich und dankbar. An diesem letzten Tag der außergewöhnlichen Reise hatten wir Frankreich und seine Bewohnerinnen und Bewohner endgültig in unser Herz geschlossen.

    Seither war ich immer wieder mal in Frankreich. Aber nicht mehr per Anhalter, sondern mit dem Rad. Von Nord nach Süd, von Ost nach West, in allen Richtungen habe ich das Land durchquert.

  • Bahnhofsviertelnacht 2016

    September 9th, 2016

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  • 26. Okt. 2015

    Oktober 26th, 2015
    Grabstein Siegfried Unseld
    Grabstein Siegfried Unseld

    Es ist einer dieser Tage, die dem Herbst das Attribut „Goldener“ verleihen. Ich sitze in der Nationalbibliothek und arbeite an einem Buch. Das klare Licht und die laue Luft locken mich nach draußen um für einige Minuten der trockenen Bibliotheksluft zu entfliehen.

    Gegenüber der Bibliothek liegt der Frankfurter Hauptfriedhof. Diese riesige, friedliche Oase der Stille inmitten der Stadt ist letzte Ruhestätte für viele bedeutende Frankfurter, Schopenhauer, Stoltze und viele andere. Ein Besuch lohnt sich immer. Ich ging wahllos durch die Gänge, machte mit dem Taschentelefon ein paar Fotos, studierte manchen Grabstein, las die Inschriften und versuchte mir ein Leben hinter den Daten vorzustellen. Friedhöfe erzählen unzählige Geschichten.

    Fast schon instinktiv näherte ich mich dem Grab Siegfried Unselds. Es liegt an einem stillen, schönen Ort unter Bäumen am Rande einer Lichtung unweit des Haupteingangs. Auf dem Grab lag ein frischer Kranz mit Schleife – „Dem Ehrenbürger der Stadt Frankfurt“, gesäumt von einem großen Strauß mit den Lieblingsblumen von Unselds Wittwe, Ulla Unseld-Berkéwicz, und sicherlich in deren Auftrag, wenn nicht gar am Morgen von ihr selbst dorthin gebracht. Ich schaute auf die Daten. Mein kleiner herbstlicher Spaziergang hatte mich ausgerechnet an Unselds Todestag zu dessen Grab geführt. Er starb am 26. Okt. 2002. An der Beerdigung habe ich teilgenommen.

    Hier stand ich vor einer Geschichte, die ich kannte, jedenfalls ein wenig. Mir war es vergönnt Siegfried Unseld zu Lebzeiten erlebt zu haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

  • Die Heizung des Herrn

    Oktober 11th, 2015
    Die Heizung des Herrn
    Die Heizung des Herrn
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