• Jakob Arjouni – Cherryman jagt Mr. White

    Juni 9th, 2011

    Als Jakob Arjouni Mitte der achtziger Jahre den Deutsch-Türkischen Detektiv Kemal Kayankaya erfand und ihn im Frankfurter Bahnhofsviertel ermitteln ließ, redete noch niemand von Multikulti. Mit Happy Birthday, Türke legte er ein erfolgreiches Debut vor, dem anzumerken war, dass der Autor seine Vorbilder vor allem bei amerikanischen Autoren fand, besonders bei Dashiell Hammet. Die Sprache war knapp und hart, die Story schnell. Drei weitere Kayankaya-Romane folgten, der vorerst letzte, Kismet, erschien 2001.
    Doch Arjouni hat sich nicht auf das Krimigenre festnageln lassen, sondern sich vielmehr immer wieder neu erfunden. So wurde er zu einem der vielseitigsten Autoren deutscher Sprache.
    Er schrieb unter anderem ein Theaterstück (Edelmanns Tochter), Märchen (Idioten), präsentierte uns ein düstere politische Utopie (Chez Max) und schickte mit Magic Hoffmann einen wunderbaren Schelm durch das gerade vereinigte Deutschland.
    Sein neuester Roman, Cherryman jagt Mr. White, führt uns in ein bedrückendes Szenario in einem trostlosen brandenburgischen Provinzkaff unweit Berlins.
    Außer einem Supermarkt gibt es nicht viel in Storlitz. Einen Supermarkt und Heiko, Mario, Robert und Vladimir, die örtliche Nazigang, die dort immer rumhängt. Und es gibt unseren Helden, Rick Fischer, den Erzähler der Geschichte. Eine Geschichte um Erpressung, Nazis, Terror, Judenhass, Arbeits- und Perspektivlosigkeit und Angst – kurz, eine alltägliche Geschichte aus der ostdeutschen Provinz.
    Erzählt wird der Roman aus der Rückschau. Rick schreibt einen Bericht an seinen Therapeuten, Dr. Layton. Er versucht zu erklären was passiert ist, weshalb er ist, wo er ist und wie es dazu kam.
    Wir ahnen, dass eine Katastrophe passiert sein muss und erfahren, daß Ricks Eltern kurz nach der Wende im ersten Westauto bei einem Unfall ums Leben kamen und Rick, benannt nach Rick`s Cafe aus Casablanca, seitdem bei seiner Tante Bambusch aufwächst. Ricks Alltag ist bestimmt durch Langeweile und den Terror der Nazigang, dem er täglich ausgesetzt ist. Er flüchtet sich in eine Kunstwelt aus Comics und erfindet die Figur Cherryman, die stellvertretend für ihn das Böse, Mr. White, ausrottet.
    Ricks Traum ist eine Lehrstelle als Gärtner, am besten in der großen Stadt Berlin, weg aus dem Kaff, weg von dem alltäglichen Terror der Supermarkt-Gang. Und ausgerechnet diese Gang verhilft ihm dazu, seinen Traum zu verwirklichen. Natürlich ist diese Hilfe nicht selbstlos.
    Rick wird mit Pascal bekannt gemacht, einem geschniegelten Nazi aus Berlin. Dieser verspricht ihm eine Lehrstelle als Gärtner in der Hauptstadt. Er müsse Pascal nur einen Gefallen tun, nichts Gefährliches, nichts Verbotenes. Rick redet sich ein, es könne schon nicht so schlimm sein und willigt, mangels Alternative, ein. Kurze Zeit später hat er die Lehrstelle und fährt täglich mit dem Zug in die Stadt. Er lernt Marilyn kennen, benannt nach Marilyn Monroe, die immer den selben Zug nimmt und verliebt sich in sie. Das Bedrohungspotential durch die Gang wird mit Marilyn größer. Mehr oder weniger subtile Vergewaltigungs- und Gewaltandrohungen gegen sie und Tante Bambusch machen Rick gefügig.
    Die Gärtnerei schickt Rick täglich in einen Park, den er pflegen soll. Dieser Park grenzt an einen jüdischen Kindergarten. Es gehört zu Ricks „Sonderaufgaben“, für Pascal und den Gärtner diesen Kindergarten zu bespitzeln und Pascal zu berichten, was er sieht. Während dieser Zeit freundet er sich mit dem zweijährigen Ninu an, später auch mit einer Kindergärtnerin. Bald stellt sich heraus, dass die Aufgabe sich nicht darin erschöpft, den Kindergarten nur zu beobachten. Die Situation wird für Rick immer auswegloser, sie eskaliert und explodiert endlich in einer, erwarteten, Gewaltorgie. Rick Fischer wird zu Cherryman.
    Nicht meine Phantasien wurden Wirklichkeit, sondern meine Wirklichkeit wurde Phantasie. Anfangs jedenfalls. Am Ende war die Wirklichkeit stärker. (S. 111)
    Jakob Arjouni hat mit Cherryman jagt Mr. White einen kurzen, beklemmenden und sehr lesenswerten Roman geschrieben, der ein Bild zeichnet, das Teil unserer täglichen Realität ist.

    Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mr. White. Diogenes Verlag AG, Zürich 2011.

  • Suhrkamp wieder in Frankfurt?

    Juni 2nd, 2011

    Da habe ich doch erst kürzlich, über fast drei Wochen, den Abriss des ehemaligen Suhrkamp-Hauses in der Frankfurter Lindenstraße fotografisch begleitet und dokumentiert. Und dann taucht der Verlag plötzlich wieder in Frankfurt auf, wie das Impressum dieser Neuerscheinung beweist. Keiner hat`s gemerkt und keiner weiß, wo sich der Verlag in Frankfurt erneut angesiedelt hat. Nicht mal die FAZ hat einen kleinen Willkommensgruß verfaßt. So schnell wird man heute vergessen!

  • Your World

    Mai 26th, 2011

  • Katzenjammer in der Stadthalle Langen.

    Mai 25th, 2011

    Beim dritten Anlauf sollte es klappen mit dem Konzert des Norwegischen Frauenquartetts Katzenjammer. Erstmals angekündigt war die Band für letzten Oktober (soweit ich mich recht erinnere) im Frankfurter Club Das Bett. Dieser Auftritt wurde wegen Krankheit abgesagt. Der Nachfolgetermin sollte dann im April 2011 stattfinden. Wegen der großen Nachfrage wurde das Konzert vom zu kleinen Club in eine benachbarte, größere Halle verlegt. Dort setzte die ungeplant in Aktion tretende Sprinkleranlage die Halle unter Wasser. Auch dieser Auftritt mußte daraufhin abgesagt werden. Für Montag, den 23.05. war der Ersatztermin angesetzt. Die Band verlängerte dafür ihre Tour um einen Tag. Und das geneigte Publikum fuhr klaglos nach Langen, in die dortige Stadthalle. Alles ging glatt, keine Krankheit und kein Wasserschaden. Einzig einige aufgespannte Regenschirme im Publikum erinnerten an das Sprinklerdesaster von Frankfurt. Und die Band betrat dann ebenfalls unter einem Regenschirm versammelt, die Bühne. Es dauerte ungefähr 30 Sekunden bis die Damen, trotz der lausigen Akkustik, das Publikum auf ihrer Seite hatten. Als musikalische Inovatorinnen werden die Ladies aus Norwegen sicher nicht in die Musikgeschichte eingehen, aber ihr Power-Country-Folk-Varieté-Polka-Rock`n Roll macht einfach Spaß.

  • Der Abriss des Suhrkamp-Hauses

    Mai 5th, 2011

    Seit einigen Tagen fahre ich ein bis zweimal täglich im Frankfurter Westend vorbei um in der Lindenstraße den Abriss des ehemaligen Suhrkamp-Hauses zu fotografieren. Das Wetter ist ideal, in der Regel scheint die Sonne – morgens auf die Straßenseite des Gebäudes, abends auf die Hofseite – und mit meiner Kompaktkamera gelingen einige akzeptable Aufnahmen. Eine Auswahl daraus erscheint täglich und kommentarlos bei dem Online-Magazin Glanz und Elend
    Ich habe zehn Jahre in dem Gebäude gearbeitet und so ist es mehr als die pure Lust an der Ästhetik der Zerstörung, die mich dazu treibt, den Abriss dieses legendären Hauses fotografisch zu begleiten.
    Dennoch ist es faszinierend zu beobachten wie sich der mächtige Kopf des Abrissdrachens in das Gebäude frisst, als seien die Wände aus Pappe. Ich habe dem Baggerdrachen einen Namen gegeben, den ich aber für mich behalte.
    Natürlich lockt es mich, den Abriss auch aus dem Inneren des sterbenden Hauses zu fotografieren. Aber da steht dieses berühmte Schild „Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für Ihre Kinder“. Ich bin zu feige, dieses Verbot zu missachten.
    Jemand anderes war hingegen nicht zu feige, wie dieses Foto vom 04.05. beweist. Das steht ein Mann im Inneren des Gebäudes, zu sehen sind seine Beine und das Gestell eines Fotostativs. Der mutmaßliche Fotograf muss über das hintere Treppenhaus reingekommen sein, das vordere ist bereits abgerissen. Und so können wir hoffentlich auch irgendwann Bilder aus dem Inneren des schwer verletzten Suhrkamp-Hauses sehen.

    Nachdem die Fotos mittlerweile, verabredungsgemäß, von der Glanz und Elend Seite entfernt wurden, oder irgendwo im Archiv gelandet sind, zeige ich sie hier für unbegrenzte Zeit.

  • Sex-Kino

    April 6th, 2011

    Venis Kino, Berlin Kreuzberg, Friesenstraße.
    Von 14 – 04 Uhr wird auch geheizt.

  • Der erste Satz.

    März 30th, 2011

    Der neue Minister war erleichtert, ja befreit. Soeben hatte er den ersten Satz in seinem neuen Büro gesprochen, nein, nicht gesprochen, geschrien hatte er ihn, gegen die noch unvertrauten Wände geschleudert hatte er diesen Satz, dieses Mantra, auf dass sämtliche bisher in diesem Büro gesprochenen Sätze verstummen mögen hinter diesem einen Satz: DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND! Jetzt war er angekommen in seinem neuen Job, in seinem neuen Büro, aber bevor er sich zufrieden in seinen Ministersessel fallen ließ, hängte er rasch noch das 1 x 2 Meter große Stickdeckchen an die Wand hinter seinem Schreibtisch, das in schwarz-rot-goldenen Lettern jenen Satz trug, den er soeben gesprochen hatte.
    Gefertigt hatte das Deckchen die Ministergattin höchstpersönlich. Es sollte eine Überraschung sein für ihren frisch gekürten Minister. Sie vertrieb sich die Zeit der Abwesenheit des Gatten in der fränkischen Heimat mit dieser Handarbeit. Der Minister zeigte sich sehr erfreut über den Einfall seiner fleißigen Frau Gemahlin und beauftragte sie umgehend weitere, allerdings deutlich kleinere, dieser Deckchen herzustellen. Schließlich sei er künftig als Minister noch weniger am häuslichen Herd anzutreffen als bislang. Da wäre es gut, die Gattin ginge einer sinnvollen Beschäftigung nach.
    In jedem Büro seines Ministeriums solle ein solches Deckchen hängen, ausnahmslos, vom Büro des Staatssekretärs bis hin zur Empfangsdame. Es gibt viele Büros in seinem Ministerium, die Frau Minister würde lange sticken müssen. Das Gerücht, sie hätte sich die Unterstützung einer türkischen Schneiderei gesichert, konnte bislang nicht bestätigt werden.
    Gleich nachdem der Minister das Präsent der Gattin aufgehängt hatte, bat er seine Sekretärin zu sich. Sie möge per Mail die Bediensteten bitten, in ihren Büros schon mal nach schönen, gut sichtbaren Plätzen für das Deckchen zu suchen. Wer ein zweites Deckchen wünsche um es vielleicht gerahmt neben das Foto des oder der Liebsten auf den Schreibtisch zu stellen, möge sich melden. Auch sei die Ministergattin willens, die leider zu unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Häkelhütchen für Klorollen auf Wunsch mit einer entsprechenden Aufschrift zu fertigen. Der Minister wolle die Wünsche gerne an seine Frau Gemahlin weiterleiten. Allerdings werde in diesem Fall um etwas Geduld gebeten.
    Als Zweites bat der Minister seine Vorzimmerdame, sie möge den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses die neue Grußformel innerhalb des Hauses, seines Hauses, mitteilen. Ab sofort erwarte der Minister wie folgt gegrüßt zu werden: „Guten Morgen, Herr Minister. DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND!“ Der Minister versprach sich, dass dieses Mantra half, die Bediensteten des Hauses vergessen zu lassen, was sie auf dem Weg ins Ministerium auf den Straßen der Hauptstadt gesehen hatten.
    Für die Weihnachtszeit hatte sich der Minister eine ganz besondere Maßnahme einfallen lassen, um seine Botschaft unter das Volk zu bringen. Schließlich musste er sich gegen das Staatsoberhaupt durchsetzen, sein Revier abstecken und Duftmarken setzen. Eine befreundete Lebkuchenbäckerei in Nürnberg, deren Inhaber die Partei des Ministers regelmäßig mit großzügigen Spenden bedenkt, wurde beauftragt für das kommende Weihnachtsfest zehntausende Lebkuchenherzen mit dem Mantra des Ministers zu verzieren. Er versprach sich einen großen Erfolg von dieser Aktion, sicher würden diese Herzen der Renner auf den Weihnachtsmärkten der Republik werden. Das Ministerium selbst hat die Abnahme von zehntausend Exemplaren fest zugesagt. Denn schließlich eigne sich die Weihnachtszeit wie keine andere, die christliche Botschaft in die Welt zu tragen: „DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND!“

  • Ich habe die Revolution gesehen

    Februar 13th, 2011

    Mein samstäglicher Einkaufsspaziergang führte mich nur zum mittleren Bio-Supermarkt. Für den unteren war das Wetter zu unfreundlich, 5°C, Nieselregen. Kein verlockendes Spazierwetter und der Gang zum unteren und retour kostet mich ca. 75 Minuten. Das erschien mir bei diesem Wetter zu lang. Der Weg zum mittleren benötigt etwa die Hälfte der Zeit. Es gibt noch einen oberen Markt, doch die Strecke dorthin ist zu kurz um als Spaziergang gelten zu können.
    Auf meinen Einkaufsspaziergängen versuche ich stets zu vermeiden, den selben Weg zurück zu gehen, den ich auch für den Hinweg gewählt habe. Und so kam es, daß ich die Revolution gesehen habe – nein, zuerst habe ich sie gehört. Kurz vor der ehrenwerten Gaststätte Weida hörte ich laute, aber noch unbestimmte Musik aus Richtung Prüfling. Ich schaute nach Nordosten und sah die Revolution kommen, sie war alt und sah aus wie ein Karnevalsverein. Die Revolution war in einem alten, blauen Hanomag LKW aus dem Verkehrsmuseum unterwegs und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie die revolutionären Massen mit Bonbons beworfen hätte. Die Musik der Revolution von heute ist die selbe wie die der Revolution von damals – Das Solidaritätslied. Das unterscheidet die Revolution von einem Karnevalsverein. Auf der Pritsche des Hanomag standen nicht ganz so viele Personen wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo, es waren genau vier. Sie trugen rote T-Shirts mit der Aufschrift „Klassenkampf statt Weltkrieg“. Keine schlechte Alternative, wenn man keine andere hat. Die Pritsche des Hanomag wurde von vier roten Fahnen gesäumt, in jeder Ecke eine, geteilt wurde sie von einem Transparent mit der selben Forderung, die auch die roten T-Shirts zierte.
    Das, vom Fußvolk gereichte, 4-seitige Flugblatt nahm ich gerne entgegen. Die Revolution firmiert demnach unter dem Namen „ARBEITS- UND KOORDINIERUNGSAUSSCHUSS der ersten Arbeiter- und Gewerkschafterkonferenz gegen den Notstand der Republik“ und setzt sich ein für eine „Welt der Arbeiter“. Immerhin, auf die Hilfe einer Marketingagentur hatte die Revolution verzichtet.
    Und dann trennten sich auch schon unsere Wege. Die Revolution folgte der Saalburgstraße in Richtung Offenbach, ich folgte der Heidestraße in Richtung mittlerer Bio-Supermarkt.
    Dort war es wie immer, Kinder fuhren mit den kleinen Einkaufswagen Rallye durch die Gänge, sofern diese nicht durch nachlässig abgestellte Einkaufswagen ihrer Eltern blockiert waren.
    Der Rückweg führte mich über den samstäglichen Markt auf der Berger Straße am sog. „Uhrtümchen“. Auch dort war es wie immer, belebt und eng. Bei einem vertrauenswürdigen Bäcker kaufte ich ein großes Stück Streusselkuchen und bei der Kräutertante ein Tütchen Salbeibonbons, meiner Alltagsdroge. Die Revolution hatte mir diese ja vorenthalten. Eine blonde Frau verteilte Rosen und einen Flyer als Werbemaßnahme für einen Kosmetiksalon in Seckbach. Ich bekam keine, gehörte nicht zur Zielgruppe, ebenso wenig wie die alte Dame mit dem Rollator, deren Forderung „Isch will aach so e Roos“ ungehört verhallte.
    Als ich mich durch die Massen auf dem Markt gekämpft hatte, stand ich an der Saalburgstraße plötzlich wieder vor ihr, der Revolution. Sie hatte den Hanomag dort geparkt, auf der Suche nach den Massen, denen ich gerade glücklicherweise entronnen war. Um diese zu locken wurden schlicht gereimte klassenkämpferische Parolen skandiert, die von unkoordiniertem Getrommel abgelöst wurden. Die Revolution kam aus dem Takt. Ich zeigte mein kürzlich erworbenes Flugblatt als Passierschein und erntete ein verschwörerisches Lächeln des revolutionären Fußvolks.
    Froh, wieder Gehwege erreicht zu haben, auf denen sich spazieren ließ, setzte ich meinen Heimweg fort. Es begegneten mir noch ein paar Eintrachtfans, auf dem Weg, sich eine weitere Niederlage abzuholen.
    „Vorwärts und nicht vergessen“ singend, packte ich zu hause meine Einkäufe aus.

  • Anna Calvi

    Februar 7th, 2011

    Eine Diskussion, ähnlich der über eine Frauenquote in deutschen Führungsetagen ist in der aktuellen Popmusik überflüssig. Längst sind es überwiegend Frauen, die für die spannende zeitgenössische Musik sorgen. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen eine Julie Driscoll, Grace Slick oder Aretha Franklin Exotinnen in einer männerbeherrschten Musikwelt waren.
    Tori Amos und P.J Harvey sind heute nicht mehr alleine. Ständig machen junge Frauen auf aufregende Weise musikalisch auf sich aufmerksam. Während Amy Winehouse sich nicht zwischen Rehab und Comeback entscheiden kann, kommt eine junge Frau aus London namens Adele daher und läuft dem Superstar den Rang als beste weiße Soulsängerin ab. Die kalifornische Komponistin und Sängerin Simone White fügt mit jeder ihrer ruhigen Platten der Musikwelt eine weitere Perle hinzu und wird dafür zu recht auch von der deutschen Kritik hochgelobt. Mit ihrer Mischung aus Neofolk und Robert Wyatt ersingen sich auch die britischen Unthank Schwestern eine stets wachsende Fangemeinde. Und was wäre eine Band wie The Duke Spirit ohne ihre Sängerin Liela Moss. Auch klassische Girlgroups wie die Puppini Sisters, die Pipettes oder das norwegische Frauenquartett Katzenjammer füllen heute die Clubs und Konzerthallen. Die Schweizerin Sophie Hunger ist mit ihrer Mischung aus Pop, Jazz, Chanson und schweizer Folklore sicher eine der auffälligsten Erscheinungen des zeitgenössischen Musikgeschehens. Einige dieser aufregenden Musikerinnen haben eine klassische Ausbildung absolviert. So ist die, mittlerweile in Detroit lebende, Shara Worden (My Brightest Diamond) ausgebildete Opernsängerin und die New Yorkerin Joan Wasser (Joan as Policewoman) hat sich bereits einen Namen als klassische Geigerin gemacht, bevor sie ins Popfach wechselte.
    Zu dieser illustren und keineswegs vollständigen Liste muß jetzt der Name Anna Calvi hinzugefügt werden. Die Engländerin mit dem italienischen Vater musizierte einige Jahre im Verborgenen, bis sie von Brian Eno und Nick Cave entdeckt und gefördert wurde. Ob auch Anna Clavi eine klassische Musikausbildung absolviert hat, ist mir nicht bekannt. Wie dem auch sei, sie ist eine hervorragende Gitarristin und auf ihrem, vor wenigen Wochen erschienenen Debutalbum „Anna Calvi“ spielt sie auf manchen Stücken auch die Geige, den Bass oder die Orgel.
    Das Cover dieses Albums verheißt Glamour und Sinnlichkeit. Die MySpace-Seite der Künstlerin verheißt „Tango“. Die Musik Anna Calvis hat tatsächlich etwas mit dem Tango gemein – den Pathos und die Melacholie. Ihre Songs sind spröde, sperren sich gegen einen allzu leichten Konsum. Darin erinnern sie durchaus an die große P.J. Harvey, die seit Jahren erfolgreich gegen den Mainstream schwimmt. Nach ihren Vorbildern gefragt, tauchen die immer selben Namen auf, Edith Piaf und Nina Simone zum Beispiel. Vorallem aber ist Anna Clavi eine weiterer Stern am Pophimmel, der hoffentlich noch lange leuchten wird.
    Zur Zeit tourt Anna Calvi durch etliche europäische Clubs. Einige der Shows sind bereits ausverkauft.

  • Post von der PARTEI

    Januar 27th, 2011

    Der Brief, der mich heute erreichte, versetzte mich, aufgrund der Adresse seines Absenders, in eine leicht melancholische Gemütslage – er stammt aus der Kopischstraße 10 in 10965 Berlin. Für Ortsunkundige, das ist Kreuzberg. Die Kopischstraße ist eine der kürzesten Straßen Berlins, eine höhere Hausnummer als die 10 gibt es dort nicht. Die Kopischstraße besteht also aus genau zehn Häusern und sie liegt in ein einer der schönsten Gegenden Berlins. Viel schöner kann man meiner Meinung nach in Berlin nicht wohnen. Unweit liegt der Chamissoplatz und Touristen wird immerhin die nahegelegene Flaniermeile Bergmannstraße ein Begriff sein. Der ehemalige Flughafen Tempelhof – jetzt Tempelhofer Park – ist fußläufig erreichbar. Ebenso fußläufig erreichbar ist das beste und schönste italienische Restaurant deutschlandweit, von dem ich aber nicht mehr verrate, es ist recht klein und ohnehin immer zu voll.

    In einem dieser zehn Häuser der Kopischstraße habe ich 23 Jahre lang gewohnt, in der Nr. 1. Die Miete für die knapp 56 qm, Vorderhaus, Innentoilette, Ofenheizung, fliessendes kaltes Wasser, betrug damals DM 184,02. Benannt ist die Kopischstraße nach dem Dichter August Kopisch (1799 – 1853), und der hat immerhin die Heinzelmännchen zu Köln erfunden. Aber das nur nebenbei.

    Als ich dort einzog hatte noch niemand von Gentrifizierung gehört und mit dem zentralen Anliegen der Partei, Die PARTEI, „Wir bauen die Mauer wieder auf“ wäre allenfalls nacktes Unverständnis, keineswegs aber ein Blumentopf, zu gewinnen gewesen.

    In der Kopischstraße 10 residiert schon seit einigen Jahren das Berliner Büro des TITANIC Verlags, die Hausnummer 1 liegt schräg gegenüber. Ich hätte also dem TITANIC Büro Kirschkerne ans Fenster spucken können, würde ich Kirschen essen.

    Der Brief, den mir das TITANIC Büro in der Kopischstraße 10 geschickt hat, enthielt einen Formbrief des Bundesverbandes der Partei, Die PARTEI. Dort wurde mir – „Liebes Parteimitglied“ – mitgeteilt, dass meinem Aufnahmeantrag stattgegeben wurde und mir mein NEUER PARTEI-Ausweis zugesand, Mitgliedsnummer 7562. Der Mitgliedsausweis kommt als Passepartout daher, mit ihm dürfe man überall durch.

    Ferner wurde ich aufgefordert, doch bitte den Mitgliedsbeitrag von € 10,- auf das Konto ****** bei der Bank ****** zu überweisen. Auch Spenden gegenüber sei man durchaus positiv eingestellt.

    Liebe PARTEI, meinen Mitgliedsbeitrag habe ich bereits am 01.11. 2010 im Satirelandgasthof Klabunt zu Frankfurt-Bornheim in bar bei Herrn Jan S., dem „Politischen Geschäftsführer“ des Landesverbandes Hessen beglichen. Sie könnten argumentieren, das sei der Beitrag für das vergangene Jahr gewesen, aber ich war im letzten Jahr gar kein PARTEI-Mitglied, wie ich in meinem Brief vom 05.01.2011 an Herrn Christian Sch., dem Vorsitzenden des Landesverbandes Hessen, dargelegt habe. In diesem Brief sprach ich auch von meinem schwindenden Interesse, überhaupt noch PARTEI-Mitglied zu werden. Ich zitiere:

    „Wenn ich Sie also, verehrter Herr Sch., bitten dürfte, mir auf irgendeine Art zu bestätigen, das ich kein Mitglied der Partei, Die PARTEI, Landesverband Hessen, bin, und auch nie war, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden.“

    Nun gut, jetzt bin ich Mitglied mit einer Nummer, kann also wieder austreten. Aber vorher teste ich noch den Ausweis auf seine Passepartout-Fähigkeiten. Vielleicht gewährt der Herr K. vom Satirelandgasthof Klabunt gegen Vorlage dieses Ausweises ja doch noch 10% Rabatt auf alles. Obwohl, das ist mehr als unwahrscheinlich.

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