- Hat es Ihnen nicht geschme…?
- Ach, des war todal versalze.
- Wieso sagen Sie das nicht vo…?
- Abbä isch zahl des, isch will ja kaan Ärscher…
- Aber das nächste Mal sagen Sie das …
- Isch bin de Nobbät. Des war todal versalze, abbä isch zahl des.
- Also, Norbert, das nächste Mal sagst Du das vorher. Dann machen wir das neu. Wir wollen doch, dass es unseren Gästen schmeckt.
- Ach, des war todal versalze.. abbä isch zahl des, isch will ja kaan Ärscher. Isch komm ja scho zwanzisch Jaahr her…
- Ja, Norbert, aber das nächste Mal…
- Isch wohn ja da vornne.. isch will ja kaan Ärscher..
- Es gibt ja keinen Ärger, aber das nächste Mal..
- Bist Du de Koch?
- Ja, was ist? Hat es Ihnen nicht geschmeckt?
- Isch bin de Nobbät.. dess war todal versalze, abbä isch zahl dess…
- Also, wir haben das schon 35 – 40 mal verkauft und noch nie hat sich…
- Ja, isch will ja kaan Ärscher.. isch zahl dess.
- Aber das nächste Mal sagst Du das vorher, Norbert. Dann mach ich weniger Salz dran.
- Jaja, isch komm ja scho zwanzisch Jaah her, isch wohn ja da vornne…
- Ja gut, Norbert, dann schönen Abend noch. Und das nächste Mal sagst Du das vorher.
- Jaja, tschö, isch will ja kaan Ärscher, tschö.
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Collage von Gerhard Pauly Oft bin ich vorbeigefahren an diesem schmucklosen Platz im Frankfurter Stadtteil Bornheim. Längst stillgelegte Straßenbahnschienen und vielbefahrene Straßen machten aus der Kreuzung Saalburg-, Heide- und Neebstraße einen ungastlichen Ort. Auch das an der Saalburgstraße gelegene Lokal erweckte nicht den Eindruck, als sei es noch bewirtet. „Gaststätte Weida – Im Blauen Bock“ stand über der Eingangstür geschrieben. Graffiti zierte die Wände und Butzenscheiben verwehrten den Blick ins Innere des Wirtshauses.
Das schöne Buch „Beim Apfelwein“ (B3 Verlag, Frankfurt, 2008) verstärkte meine Zweifel. Der Autor Michael Tetzlaff schildert dort seine fünf vergeblichen Versuche, der „Gaststätte Weida“ einen Besuch abzustatten. Und doch schien es sicher, dass die Weida tatsächlich meistens geöffnet hatte und ihre Gäste bewirtete. Gerüchte machten die Runde, Gerüchte von der eigenwilligen Wirtin, die ihre Gäste nach Sympathie behandelte und den üblichen gastronomischen Gepflogenheiten so gar nicht zu folgen bereit war. Fremde könnten es dort schon mal schwer haben. Gleichzeitig wurde die Qualität der Küche gelobt.
Eines Tages lernte ich am Tresen der unweit gelegenen Gaststätte Klabunt den Herrn K. kennen. Der Herr K. war jemand, der tatsächlich in der Weida verkehrte und dort als der „Herr Micha“ bekannt war. Er lobte die Küche überschwänglich. Ich bat ihn, mich mal mitzunehmen in das mysteriöse Lokal, allein würde ich mich nicht reintrauen. Wir beschlossen das demnächst zu tun.
Die Kreuzung war mittlerweile zu einem tristen und namenlosen Platz umgestaltet, mit viel Beton, einigen Bänken und einer Handvoll Bäume, als ich erstmals die „Gaststätte Weida – Im Blauen Bock“ betrat. Ich wähnte mich umgehend in einem Museum, einem Kneipenmuseum. Hier zeigte sich jahrzehntelange Apfelweintradition, in den Bildern an der Wand, in dem Nippes, der überall herumstand, der absurden Ansammlung von Kleiderhacken an den holzgetäfelten Wänden. Die Deckenlampen waren von rustikaler Scheußlichkeit. Zusammengehalten wurde dieses volkstümliche Sammelsurium von der Wirtin.
Frau Wolf war eine stattliche Frau in weißer Kittelschürze, das üppige, rotgefärbte Haupthaar zu einem Dutt gewölbt, auf dem bei Bedarf auch die Brille stabilen Halt fand. Der Empfang des neuen Gastes war freundlich, wohl weil der „Herr Micha“ ihn begleitete. Es wurde Apfelwein bestellt, den ich nicht vertrug. Fürderhin blieb ich beim Bier. Das ging so lange gut, bis mir Frau Wolf bei einem meiner zahlreichen späteren Besuche ungefragt einen Bembel hinstellte. Widerstand war zwecklos und seitdem vertrug ich das Weida`sche Stöffsche auch. In der Weida wurde gegessen und getrunken, was auf den Tisch kam, und das war nicht unbedingt immer das, was man bestellt hatte. Auch musste der Gast Zeit mitbringen, wenn er die Weida besuchte. Frau Wolf ließ es sich nie nehmen, auf einen Plausch bei den Gästen Platz zu nehmen und den einen oder anderen Witz zu erzählen. Da musste manche Bestellung schon mal warten.
Die Speisekarte offenbarte keine Überraschungen. Deftige Hausmannskost war im Angebot, meistens mit Fleisch oder Wurst, Grüne Soße in allen Variationen. Vegetarier hatten es hier schwer, obwohl auch für Fleischverweigerer etwas zu finden war. Ich habe mich im Laufe der Zeit durch die Speisekarte gegessen. Alles war köstlich und der Spruch „Wie bei Muttern“ sollte geändert werden in „Wie in der Weida“. Der gelernte Metzgermeister Günter Wolf stand in der Küche und bereitete diese Köstlichkeiten zu. Es hieß, früher hätte er auch noch selbst geschlachtet.
Viele Geschichten und Anekdoten ranken sich um die Weida, die des weißen Frotteebademantels etwa. In der Herrentoilette stand eine Kleiderstange mit vielen Bügeln. Auf einem dieser Bügel hing ein weißer Frotteebademantel. Auf die Frage, woher dieser stamme, bekam man die Antwort, den hätte vor vielen Jahren ein Gast vergessen. Seitdem hing dieses Relikt auf der Kleiderstange in der Weida`schen Herrentoilette, wurde auch regelmäßig gewaschen. Eines Tages jedoch, es ist noch nicht allzu lange her, hing der Bademantel nicht mehr an seinem angestammten Platz. Auf Anfrage erzählte Frau Wolf die Geschichte einer Gruppe ihr unbekannter Männer, eines Junggesellensabschieds, die über das „Innernet“ („mir habbe des ja net“) in die Weida gefunden hätte. Es wurde ordentlich gegessen und getrunken, bis jemand aus der Gruppe – es konnte nicht ausbleiben – in den Bademantel gekleidet, von der Toilette zurück kam. Er bot € 100,- für das gute Stück. Das wollte die Frau Wolf dann aber doch nicht annehmen. Schließlich hätte die Gruppe die Zeche dann auf den nächsten Hunderter aufgerundet und durfte das Frotteesouvenir mitnehmen. So ging dieses unscheinbare Stück Weida`scher Geschichte für ca. € 39,20 über den Tresen. Es war, als hätte man die Quadriga vom Brandenburger Tor geschraubt. Vielleicht war der Verkauf des Bademantels aber auch schon ein kleiner Schritt in Richtung Abschied. Vor über fünfzig Jahren hat Brigitte Wolf erstmals in der Gaststätte ihrer Eltern mitgeholfen, später dann mit Ihrem Ehemann Günter Wolf die „Gaststätte Weida – Im Blauen Bock“ geführt und damit ein Stück Frankfurter Gastronomiegeschichte geschrieben. Manch einer der weißhaarigen Gäste hat über all diese Jahre seinen Schoppen bei den Wolfs getrunken.
Ende Juli waren die Stammgäste geladen, um an zwei Abenden Abschied von den Wirtsleuten und ihrer „Gaststätte Weida – Im blauen Bock“ zu nehmen. Für lächerliche zwölf Euro durfte man trinken und essen was die Küche noch hergab. Zum Schluss wurden Autogramme verteilt. Der Abschied verlief ohne Wehmut. Die Wolfs haben einen Nachfolger gefunden, der den Charakter der Weida nicht verändern will. Angesichts der sich überall epidemisch ausbreitenden Läden, die kalten Fisch, gefrorenen Joghurt oder Blasentee feilbieten, hat er einen wichtigen Job zu erledigen. Viel Glück!
Und dem Ehepaar Wolf kann man nur danken für fünfzig Jahre „Gaststätte Weida – Im blauen Bock“ und noch schöne, erfüllte und stressfreie Jahre wünschen.
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Der Informationswert von Sätzen wie „Schon im Alter von fünf Jahren beschloss er, Schriftsteller zu werden“ darf angezweifelt werden. Gemünzt ist dieser Satz auf den französischen Autor Paul Fournel, der auch Lektor, Verlagsleiter sowie Kulturattaché an diversen Französischen Botschaften war. Neben all diesen Tätigkeiten findet Fournel auch noch Zeit für seine große Leidenschaft, das Radfahren. Diese Leidenschaft hat er in Worte gefasst und der, auf Fahrradliteratur spezialisierte, Verlag Covadonga hat diese Erzählungen jetzt unter dem Titel „die liebe zum fahrrad“ veröffentlicht. Eigentlich müsste das Buch heißen „Die Liebe zum Rennrad“, denn darum geht es. Eine Liebe, die der Autor mit Millionen anderen Franzosen teilt. Das Buch ist unterteilt in fünf Kapitel, diese wiederum in etliche, sehr kurze Unterkapitel. Sie heißen z. B. „Die kleine Landstraße“, „Leichtgewicht“, Übersetzung“, „Radfahrerbräune“, „Wind“ oder auch „Paris“. Hier erweist sich unser Autor auch als Alltagsradler, der täglich mit seinem Stadtrad durch die Metropole radelt, so schnell wie der Bus und schneller als Autos. Auf funktionierende Bremsen sollte geachtet werden und wenn man die meisten Radwege meidet, kommt man gut durch die Stadt (Das Buch ist 2001 in Frankreich erschienen. Seitdem hat sich in Paris in Sachen Fahrradverkehr eine Menge getan).
Aber ansonsten geht es um die Lust am Radfahren, das Rennrad, natürlich um die Tour, um berühmte Pässe und Gipfel, um Rahmen, Übersetzungen, Stürze und die richtige Fahrradmontur.
Es ist eine Plattitüde, dass Radfahrer die Natur intensiver wahrnehmen als Autofahrer. Und doch ist es gut, immer wieder darauf hinzuweisen. Fournel tut das auf anderthalb Seiten im Unterkapitel „Gerüche“ und kommt zu dem Schluss Radfahren riecht gut. Er eignet sich die Landschaft an, durch die er fährt (im Buch ist allerdings meist von „Pedalieren“ und „Kurbeln“ die Rede). Der Berg, den er bezwungen hat, gehört ihm – Ich habe ihn erklommen, ihn „genommen“, und er ist in mir. (S. 111).
Ein Mysterium für jeden Rennradler ist der Mont Ventoux. Fournel hat seine eigenen Erinnerungen an grauenhafte Aufstiege, bei denen nichts gelingen will, zur Hälfte des Anstiegs schon die Wasserflaschen leer sind und die Reifen vor Hitze am Asphalt kleben. Und doch denkt man am Ventoux nicht ans Umkehren, man denkt überhaupt nicht mehr (S. 122). An anderen Tagen bezwingt er den mächtigen Berg gleich zweimal hintereinander.
Bis man in der Lage ist, den Ventoux zu erklimmen, muss man tausende Kilometer auf dem Rad in den Beinen haben. Am Anfang dieser vielen Kilometer steht das erste Fahrrad, das mit den Stützrädern. Diese werden durch die helfenden Hände der Eltern ersetzt, bis sie eines Tages loslassen. Das Wunder war eingetreten: Ich fuhr Rad (S. 38) und Dieses Wunder wirkt bis heute nach (S. 39).
Nach diesem Wunder lies Fournel das Radfahren nicht mehr los. Es folgte ein Leben auf dem Rad, lange Touren, viele Fahrräder und zahlreiche Stürze. Nach einem heftigeren Sturz wurde eine notwendige Operation auch schon mal verschoben, weil die Schlussphase des Klassikers Paris – Roubaix erst noch im Fernsehen verfolgt werden musste, von Arzt und Patient gemeinsam.
Wie fast alle Franzosen ist der Autor ein großer Fan der Tour de France. Seine „Helden“ der Rundfahrt werden in “die liebe zum fahrrad“ ausführlich gewürdigt. 1996 erhält er die Gelegenheit, die Tour in einem Begleitfahrzeug aus nächster Nähe zu erleben. Zwei Jahre später versank die „Große Schleife“ durch die sog. Festina Affäre im Doping-Sumpf und ihrer bislang größten Krise. Die Geschichte des bedeutendsten Radrennens der Welt ist eine Geschichte des Dopings und bei seinen Anstiegen auf den Mont Ventoux hat Fournel schon öfter die Gedenkstätte für Tom Simpson passiert. Der Engländer war das erste Doping-Todesopfer der Tour. 1967 fiel er, als Führender, kurz unter dem Gipfel des Ventoux tot vom Rad. Er stand unter Amphetaminen und Alkohol. Seltsam, dass diese Tragödie bei Fournel keine Erwähnung findet.
Auch im Jahre 2001, als das Buch in Frankreich erschien, war das Thema Doping bei der Tour noch lange nicht erledigt. Fournel hat eine eindeutige Meinung dazu: Ich habe nichts gegen Doping – das Problem ist komplexer als die Frage, ob man »dafür oder dagegen« ist -, ich hatte einfach keine Lust mitzumachen. Und: Wenn man sich im Peloton weigert zu dopen, ist das so, als wollte man nicht »seinen Job machen«, als weigere man sich, zu trainieren oder massiert zu werden (S. 152). Es bleibt die vage Hoffnung, dass es heute, über zehn Jahre nach Erscheinen des Buches, anders ist.
Und doch sind es die schönen Seiten des Radfahrens, die in „die liebe zum fahrrad“ ausführlich geschildert werden und die Erkenntnis: Das Fahrrad ist eine geniale Erfindung (S. 35) behält eine ewige Wahrheit. Paul Fournel schildert ein Leben mit dem Rad und alle, die seine Leidenschaft teilen, wissen wovon er schreibt.
Paul Fournel, die liebe zum fahrrad, Covadonga Verlag, Bielefeld 2012
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Vor ca. drei Jahren war ich erstmals in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Es spielten Laurie Anderson und Lou Reed – ihr einziges Deutschlandkonzert. Die Halle war nicht ausverkauft. Im letzten Jahr spielte dort PJ Harvey. Sie hatte gerade ihr phänomenales Album „Let England Shake“ veröffentlicht. Die Halle war mit gerade mal 2000 Besuchern nur zur Hälfte gefüllt.Ich mag die Jahrhunderthalle. Sie ist ein herausragendes Beispiel für gelungene 60iger-Jahre Architektur und die Akustik ist hervorragend. Allerdings scheinen die Frankfurter die Halle nicht zu schätzen. Vielleicht weil sie in Höchst liegt, in der Pampa.
Was für ein besonderer Ort diese Halle und das sie umgebende Gelände wirklich ist, konnte ich aber erst am Wochenende vom 22. – 24. Juni während des Lüften Festivals entdecken.
Als ich vor einigen Monaten von diesem Festival erfuhr, wollte ich angesichts des Programms (neudeutsch: line up) meinen Augen nicht trauen. Frankfurt liegt außerhalb der üblichen Konzertroute, Berlin – Hamburg – Köln – München, die für Veranstalter und Bands in Deutschland interessant ist. Und plötzlich standen bei Lüften Bands und Musiker auf dem Programm, auf die man in FrankfurtRheinMain eventuell lange warten muss. Das erstklassige Konzertprogramm, Open Air und in der Halle, wurde ergänzt durch Kunst und Performance. Lüften war ein Festival der Überraschungen, für Menschen, die mit offenen Augen und Ohren durch das Leben gehen, Menschen, die in der Lage sind sich zu entscheiden, freie Menschen also. Denn entscheiden musste man sich angesichts des üppigen Programmangebots. Alle Räume der Halle wurden bespielt, die Freiflächen herum ebenso, überall Theater, Kunst und Musik – ein Fest für alle Sinne.
Und doch hat es niemand interessiert. Der Besucherandrang hielt sich in extrem überschaubaren Grenzen. Auf dem angebotenen Zeltplatz verloren sich ein Dutzend Zelte. So kam es, dass am Samstagnachmittag Dexys ein unvergessliches Konzert spielten, bei schönem Wetter, vor 300 Leuten. Es war das einzige Deutschlandkonzert der Band.
Was haben sie gemacht an diesem Sommerwochenende, die Frankfurter, die Bewohner der angeblichen Metropolregion RheinMain mit immerhin 4,5 Mio. Einwohnern? Haben sie Blasentee getrunken und kalten Fisch gegessen, oder haben sie vorgeglüht für das abendliche Fußballspiel?
Es wurde viel Kritik geübt im Anschluss an das Festival. Kritik am falschen Marketing-Konzept (da läßt sich sicher einiges verbessern), am uninteressanten Programm (wer das behauptet, hört wahrscheinlich den ganzen Tag HR1 und hat wirklich keine Ahnung) oder an den überhöhten Preisen (Preise, die Zehntausende ohne Murren bereit sind zu zahlen, um, eingepfercht in ein Fußballstadion, beispielsweise eine Combo wie U2 zu hören).
Manch einer fragte sich, wie man ein solches Festival ausgerechnet zeitgleich mit der Fußball EM veranstalten könne. Mit Verlaub, wer einem Festival fernbleibt, das um 13:30 Uhr beginnt, weil abends um 20:45 ein Fußballspiel angepfiffen wird, das man in der Halle auf mehreren Monitoren durchaus verfolgen konnte, der wäre auch ohne Fußball nicht gekommen. Andere zeigten sich beleidigt, weil sie erst zwei Tage vor Beginn überhaupt von der Veranstaltung erfahren hätten. Das kommt davon, wenn man nicht mit offenen Augen durch die Stadt geht. Zu guter Letzt wurden die Subventionen kritisiert, die Steuergelder, die beim Lüften verpulvert wurden. Im gleichen Atemzug beschwerte man sich über die angeblich zu hohen Eintrittspreise.
Lüften war ein in jeder Hinsicht einmaliges Festival, wie es die Region FrankfurtRheinMain bislang noch nicht gesehen hat. Es ist zu befürchten, dass es ein einmaliges Experiment bleiben wird.
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Mit ca. 25000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Blockupy-Demonstration vom 19. Mai 2012 die seit Jahrzehnten größte Demo in Frankfurt am Main.
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Alle Welt redet derzeit über das Urheberrecht. Das liegt nicht zuletzt an der Piraten-Partei, aber die Diskussion ist schon viel älter. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat den Versuch unternommen, die verschiedenen Standpunkte der laufenden Diskussion zu katalogisieren. Drei Kategorien sind dabei herausgekommen: die Neuerer, die Bewahrer und die Moderatoren.
Die bösen Verwerter
Im besonderen Fokus der Gegner des Urheberrechts stehen die sog. „Verwerter“, also z.B. Verlage, Zwischenhändler und Einzelhändler, die abgeschafft gehörten. Statt dessen wird ein Verwertungsmodell vorgeschlagen, das den direkten Weg vom Künstler zum Kunden sucht, unter Umgehung von „Verwertern“. Ich habe 30 Jahre meines Lebens bei solchen „Verwertern“ gearbeitet, in Buchhandlungen und im Verlag. Mir drängt sich daher der Eindruck auf, dass die Kritiker des Urheberrechts gar nicht wissen, was diese „Verwerter“ eigentlich den ganzen Tag lang so tun – außer die Autoren auszupressen natürlich.
Gepriesen wird gerne die Möglichkeit des „Selfpublishing“, die das Internet ja in der Tat bietet. Der Autor, die Autorin könne veröffentlichen, was er/sie wolle und die Rechte an den Texten blieben bei den Urhebern. Feine Sache, aber wo ist das Lektorat, wo ist die Presse? Gut, man kann sich der Dienste freier Lektoren bedienen, allerdings machen die den Job auch nicht umsonst. Und die Presse? Fehlanzeige. Kein Journalist wird sein Augenmerk auf das Buch eines Selfpublishers richten. Und, mit Verlaub, wer glaubt schon den 5-Sterne-Amazon-Besprechungen für E-Books von Selfpublishern. Auch scheint es mir kein vielversprechendes Geschäftsmodell zu sein, sein E-Book bei Amazon für € 0,99 zu verscherbeln, mal ganz abgesehen von der Geringschätzung der eigenen Leistung. Diese E-Books dienen aber möglicherweise als Marketingmaßnahme in eigener Sache; auf dass das nächste Buch bei einem bösen Verwerter erscheint, der dann im besten Fall sogar einen Vorschuss bezahlt.
Lektorat, Presse und Propaganda
In guten Verlagen ist das Lektorat die Seele des Geschäfts. Ohne Lektorat kein guter Text und kein gutes Programm. Ich möchte keine Texte lesen, die nicht lektoriert sind, auch nicht von vermeintlich anerkannten Autorinnen und Autoren. Aber solche Autoren sind bei den Selfpublishern ohnehin nicht zu finden. Und ich kenne keinen Autor, der seinem bösen Verwerter den Rücken kehren würde um seinen Kram ab sofort alleine zu machen. So hat er nur einen Ansprechpartner, seinen „Verwerter“, den Verlag. Als selbst publizierender Einzelkämpfer hätte es unser Urheber plötzlich mit unzähligen potentiellen und tatsächlichen Partnern zu tun. Welcher Künstler will das schon? Andererseits ist ein Debütant heutzutage in der Pflicht, in eigener Sache zu trommeln, selbst wenn er einen Verlag gefunden hat. Wer mit seiner ersten Publikation auf Seite 18 der Verlagsvorschau erscheint, kann nicht davon ausgehen, dass der Verlag noch groß die Werbetrommel rührt und für unseren Debütanten viel Geld in die Hand nimmt. Aber um die Publikation und den Vertrieb muss er/sie sich nicht mehr kümmern. Vielleicht gelingt es dem Verlag auch, eine Lesereise zu organisieren und die Presseabteilung macht ein paar Journalisten auf den Debütanten aufmerksam, wer weiss. Aber die Propagandamaschine muss der hoffnungsfrohe Autor schon selbst anwerfen und sich dazu in das sog. „Social Web“ begeben. Ausreden wie „dafür hab ich keine Zeit“ oder „das bringt doch nichts“ gelten da nicht. Die Zeit muss man sich nehmen und dann bringt es auch was. Es gibt genügend Beispiele auch renommierter Autorinnen und Autoren, die ein eigenes Blog pflegen und Twitter, Facebook und Co. trefflich für sich selbst zu nutzen wissen. Verlage sollten ebenfalls in der Lage sein, jungen Autoren den Umgang mit den neuen Medien schmackhaft zu machen nach dem Motto: „OK, wir drucken Dein Buch, setzen es in die Vorschau, unsere Vertreter stellen es dem Handel vor und vielleicht gelingt es uns, die eine oder andere Lesung für Dich zu organisieren. Und selbst wenn Dein Buch sich nicht so gut verkauft, freuen wir uns auf Dein nächstes Manuskript, denn wir glauben an Dich (so etwas nennt man Autorenpflege). Den Rest musst Du aber selber machen und dabei unterstützen wir Dich gerne“. Allerdings kenne ich keinen Verlag, der sich diesen Servicegedanken schon zu eigen gemacht hätte.
Sollte die Autorin, der Autor, mit dem Verlag, der sein Debüt veröffentlicht hat, aus irgendwelchen Gründen unzufrieden sein – was durchaus vorkommt – wird sie/er sich einen anderen Verlag suchen. Die Alternative wird nicht sein, zu sagen: Na gut, dann mache ich meinen Kram jetzt alleine. Auch würde mich mal interessieren, wieviele der sog. Selfpublisher sich lieber doch in die Klauen eines dieser bösen Verwerter begeben würden.
Raubdrucke – das große Geschäft
Ich bin jetzt ein bißchen abgeschweift, aber irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen. Urheberrechtsverletzungen gibt es, seit es ein einheitliches, international gültiges Urheberrecht gibt. Wenn man in den siebziger-achtziger Jahren, z. B. in Berlin-Kreuzberg in eine Kneipe ging, konnte man sicher sein, dass irgendwann im Laufe des Abends jemand mit einem Arm voller Raubdrucke vorbei kam. Anfangs waren das noch politische Texte, die für den antiautoritären politischen Kampf für wichtig gehalten wurden, Texte von Bakunin oder Landauer etwa. Diese Bücher waren oft verboten oder nirgendwo sonst zu bekommen. So war George Batailles Schrift „Das Blau des Himmels“ eine zeitlang ausschließlich als Raubdruck erhältlich, ebenso wie Klaus Manns „Mephisto“-Roman. Manch einer dieser Raubdrucke ist sogar zu einem begehrten Sammlerartikel geworden, Arno Schmidts „Zettel`s Traum“ etwa.
Es dauerte aber nicht lange bis sich die fliegenden Händler auf ein besser verkäufliches Sortiment spezialisierten. Die Bakunins, Landauers und Batailles wurden ersetzt durch Umberto Eco, Isabel Allende und Michael Ende. Die Politik wurde vom Kommerz verdrängt. Und das Geschäft lief gut. Nie habe ich es erlebt, das die Raubdrucker eine Kneipe verließen, ohne nicht mindestens 3-4 Bücher verkauft zu haben. Immerhin, es wurde offenbar gelesen. Meine Umgebung musste sich allerdings meine Tiraden gegen diese schamlosen Geschäftemacher, diese „Diebe geistigen Eigentums“ anhören.
Geklaute Musik
Heute allerdings gehöre ich auch zu diesen „Dieben“. Nicht was die Literatur angeht, ich habe (noch) keinen eReader und fliegende Händler mit einem Arm voller Raubdrucke habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Was aber die Musik angeht, so ist mein Umgang mit geistigem Eigentum doch deutlich lockerer.
Ich habe noch nie einen Song illegal aus dem Netz gezogen. Allerdings habe ich einen Freund, nennen wir ihn „Jott“, der das durchaus tut. „Jott“ ist ein Maniac, sein Flur ist gesäumt von stabilen Metallregalen, darin reihen sich ca. 10000 LPs aneinander, eine Ecke des Wohnzimmers wird dominiert von kleineren Regalen, die ein paar tausend CDs beherbergen. Und dann gibt`s da noch die externe Festplatte. „Jott“ hat das größte Musikarchiv, das ich kenne. Wenn ich ihn 2-3 mal jährlich besuche kann ich mich selten, nein nie, beherrschen. Mein USB-Stick ist immer voll, wenn ich „Jott“ verlasse. Einen Großteil dieser geklauten Musik kenne ich nicht und hätte ich daher auch nicht gekauft, es sind also Entdeckungen. Gerne folge ich dabei „Jotts“ Empfehlungen. Musik, die ich nicht kannte, weil sie im Radio nicht vorkommt oder weil mich niemand darauf aufmerksam gemacht hat. Musik, die ich dann kaufe, auf Vinyl (jawoll) oder als MP3. All das ändert nichts an der strafrechtlichen Relevanz, aber ohne „Jott“ hätte ich viele Sachen niemals kennengelernt und würde kein Geld für Platten oder Konzerte der jeweiligen Musiker ausgeben. Ich gebe jetzt nicht weniger Geld für Musik aus als früher, ohne „Jotts“ Fundus, eher im Gegenteil. Und die Musik, die ich jetzt gespeichert habe, hätte ich mir niemals kaufen können und wollen. Allerdings gehören körperliche Tonträger ohnehin bald der Vergangenheit an. Vielleicht gibt es noch ein paar Nerds, die Platten aus Erdöl kaufen, aber das Gros der Musik wird künftig wohl über Streaming-Dienste gehört, bei denen man für ein paar Euro im Monat Zugriff auf ein Musikarchiv erhält, gegen das das von „Jott“ Pipifax ist. Damit hätte sich dann auch das Problem mit illegalen Downloads erledigt.
Also, auch ich gehe eher leger mit dem Urheberrecht, das ich verteidige, um. Wenn man sich dann auch regelmäßig bei Twitter, Facebook und Co rumtreibt, verletzt man das Urheberrecht sowieso ständig, auch wenn man das oft gar nicht so genau weiß.
Und wenn ich ab und an mal eine Anthologie herausgebe, bei der die Vorgabe des Verlags aus Kostengründen lautet, einen Großteil der Geschichtensammlung mit gemeinfreien Texten zu bestücken, dann ärgert es mich schon gelegentlich, auf den einen oder anderen Text verzichten zu müssen, weil die Siebzig-Jahres-Frist noch nicht verstrichen ist.
Wenn ich also auf die drei Kategorien der „Zeit“ zurückkomme, dann gehöre ich wohl zu den sog. „Moderatoren“. Irgendwas muss sich ändern und das liegt zwischen „Alles bleibt wie es ist“ und „Ersatzlos streichen“.
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Der Roman der Namenlosen.
Es wimmelt von Prominenten in diesem Roman der Namenlosen, alle hinreichend entschlüsselt in den zahlreichen Rezensionen, die dieses Buch erfahren hat. Der Roman heißt „Ab jetzt ist Ruhe“ und ist das Debüt der Radiomoderatorin Marion Brasch. Die Autorin ist die letzte Überlebende einer außergewöhnlichen Familie, in der sich die Geschichte der zweiten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts spiegelt, wie in nur wenigen anderen. Und so hat Marion Brasch ihrem Buch den Untertitel „Roman meiner fabelhaften Familie“ gegeben. Roman also und nicht Biographie. Die Form des Romans hätte ihr mehr Freiheit beim Schreiben gelassen, sagt Marion Brasch, eine Freiheit, die dem Buch gut tut. Und deshalb auch der Verzicht auf Namen. Keine realen Personen sollten für ihre erfundenen Geschichten in Haftung genommen werden.Es wird gerätselt, wer denn nun die eigentliche Hauptfigur in diesem Roman sei, der ältere Bruder, Thomas, oder der Vater. Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass die Autorin selbst die Hauptfigur dieses Romans ist. Schließlich ist er aus der Ich-Perspektive geschrieben.
Marion Brasch ist in der DDR aufgewachsen, dem Land, in das ihre Eltern nach dem Krieg aus dem Londoner Exil gingen. Der Vater, Jude, hat nach einem kleinen Umweg über den Katholizismus zum Kommunismus gefunden und wollte helfen, den Sozialismus in Deutschland aufzubauen. Die Mutter, Wiener Jüdin, folgte widerwillig. Der Vater wurde Funktionär der Partei und später stellvertretender Kulturminister. Partei und Staat gingen ihm über alles, auch über die eigene Familie. Als der älteste Sohn, Thomas, 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei protestiert, wird er vom eigenen Vater denunziert und landet im Gefängnis.
Es wird viel gestorben in der Familie Brasch. Marion ist zehn Jahre alt, als ihre geliebte „Oma Potsdam“, die Mutter des Vaters, stirbt. Bei ihr durfte sie immer solange auf bleiben wie sie wollte, Westfernsehen schauen und für die Oma Zigaretten drehen. Zigaretten sind ständig präsent in der Familie Brasch, der Vater ist praktisch nie ohne Zigarette anzutreffen. Überhaupt wird ständig geraucht und gesoffen in diesem Buch, es ist normal.
Drei Jahre nach dem Tod der Großmutter unternimmt der Vater einen Selbstmordversuch. Ein unlösbarer Konflikt mit der Partei treibt ihn zu diesem verzweifelten Schritt. Marion entdeckt den Abschiedsbrief und kann so den Suizid verhindern.
Ein Jahr später, Marion ist vierzehn, stirbt die Mutter an Krebs. Ein schmerzhafter Verlust für die Tochter, die fortan alleine mit dem Vater lebt. Nur vier Jahre nach der Mutter stirbt auch der mittlere Bruder, der Schauspieler Klaus Brasch. Er hat sich buchstäblich zu Tode gesoffen. Kurz vor seinem Tod reüssierte er noch als stets besoffener Saxophonist im DEFA-Klassiker „Solo Sunny“.
Für den Vater ist die Tochter die letzte Hoffnung. Die Brüder haben sich schon lange von der DDR und der Partei abgewandt, Marion hingegen wird Mitglied der Partei, ihrem Vater zuliebe. Und als sie sich gegen ein Studium und statt dessen für eine Ausbildung zum Schriftsetzer entscheidet, ist der Vater stolz auf seine Tochter. Als Parteimitglied und Teil des Proletariats scheint sie seine Hoffnungen zu erfüllen. Sie rebelliert nicht gegen den Staat, eher gegen den Vater. Sie fordert das Recht auf ein eigenes Leben, ein Leben mit Freundinnen und Freunden, mit Party, Musik und Spaß. Ihre Freundinnen und Freunde, ihre Männer, werden mit Vornamen benannt. Aber man darf zweifeln, ob dies die richtigen Namen sind – es ist auch egal. Der Soundtrack zu ihrem Leben stammt unter anderem von Pink Floyd, Jimi Hendrix, Janis Joplin, den Stones, Bob Dylan, AC/DC, Neil Young, David Bowie, Frank Zappa und John Lennon. Die Hose heißt Levi`s. Obwohl Marion Brasch später selbst Mitglied einer Band ist – sie spielt Gitarre und singt – und durch die DDR tingelt, spielt Popmusik aus der DDR keine Rolle.
Marion Brasch liebt John Lennon. Eines Tages verfolgt sie sogar einen fremden Mann, der Lennon ähnlich sieht, traut sich aber nicht, ihn anzusprechen. Sie hat bereits eine eigene Wohnung, als folgendes passierte: „An einem Tag im Dezember spielte der amerikanische Sender nur noch John Lennon. Der Moderator hatte Tränen in der Stimme. Ich saß in meiner Wohnung und konnte es nicht fassen.“ (S. 216). Es ist der 8. Dezember 1980, Marion Brasch ist neunzehn Jahre alt und ihre Trauer um Lennon teilt sie mit Millionen anderer ihrer Generation in der ganzen Welt.
Marion Brasch hat ein pragmatisches Verhältnis zu ihrem Land. Dass sie nach Ungarn fahren muss, um Ihren Bruder Thomas, der mittlerweile, nur ein paar Kilometer entfernt, in West-Berlin lebt, treffen zu können, wird so kommentiert: „Ja, es war absurd, doch so war es nun einmal.“ (S. 169)
Braschs Vater stirbt ebenfalls an Krebs, im
OktoberAugust 1989. Den Mauerfall erlebt er nicht mehr, statt dessen richtete die sterbende DDR ein letztes Mal ein Staatsbegräbnis aus.Der älteste und der jüngste Bruder, Thomas und Peter, sterben beide 2001, erst Peter und ein halbes Jahr später Thomas. Marion Brasch ist die letzte ihrer Familie.
Eine Person, die in Braschs Leben eine entscheidende Rolle spielte, ist Lutz Bertram, der blinde Moderator. Bertram war ein landesweit bekannter Radiomoderator des Jugendsenders DT 64. Nach dem Mauerfall erreichte er auch im Westen, besonders aber in Berlin-Brandenburg als Moderator bei Radio Brandenburg einen gewissen Kultstatus. Als er 1995 als Stasi-IM enttarnt wurde, war der Skandal, das Entsetzen und die Enttäuschung groß. Er hatte der Stasi Berichte über die DDR-Musikszene geliefert und musste daraufhin den Sender verlassen. Marion Brasch lernte ihn während einer Tournee mit ihrer Band kennen. Bertram holte Brasch zum Radio und da ist sie heute noch.
Angesichts dieser tragischen Familiengeschichte wird Marion Brasch gelegentlich der angeblich allzu lockere Erzähltstil und die fehlende Kritik an den Verhältnissen in der DDR zum Vorwurf gemacht, und mit Oberflächlichkeit verwechselt. Als ob eine Geschichte glaubwürdiger würde, wenn sie in bedeutungsschwerem Ton Kritik an den herrschenden Verhältnissen übte. Es war nicht ihr Anliegen ein Buch über die DDR zu schreiben, sie wollte ein Buch über ihre Familie schreiben – und über sich. Und das ist ihr ganz wunderbar gelungen.
P.S. Bemerkenswert ist, wie Marion Brasch sog. Social-Web-Anwendungen nutzt, um für ihr Buch zu werben. Sie hat ein eigenes Blog, twittert regelmäßig und ist auf Facebook präsent. Für „Ab jetzt ist Ruhe“ gibt es eine eigene Fan-Seite auf Facebook. Hier öffnet sie auch mal ihr Fotoalbum und präsentiert Familienfotos, immer mit dem entsprechenden Zitat aus dem Buch und der Seitenangabe, wo es zu finden ist. Außerdem werden immer aktuelle Rezensionen, Streams, TV-Beiträge verlinkt und Fotos von Lesungen veröffentlicht. So bietet sie durchaus einen interessanten Mehrwert zum Buch. Viele Autoren können sich in Sachen Selbstvermarktung an Marion Brasch ein Beispiel nehmen.
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Es läuft rund bei Valeska Steiner und Sonja Glass. Unter dem Namen BOY touren sie durch die Lande, von einem ausverkauften Konzert zum nächsten. Eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Aber diese ist kein Zufall.
Zwei sehr gut aussehende junge Frauen wählen den sehr eingängigen Bandnamen BOY. Dass Frauen hinter diesem Namen stecken, macht die Sache nur interessanter. Es scheint noch keine Probleme mit der gleichnamigen amerikanischen Band gegeben zu haben.
Mit ihrem sympatischen Auftreten und ihrer Wohlfühlpopmusik begeistern BOY Teenies und ältere Damen und Herren gleichermaßen. Aus diesem Spektrum setzte sich auch das Publikum in der ausverkauften Darmstädter Centralstation zusammen. Andernorts wird es nicht anders sein. Die Songs von BOY bewegen sich zwischen Mitsing-Hymnen und melancholischen Balladen. Die Mischung macht`s und die stimmt.
Das in leichten Sepiatönen gehaltene Cover ihrer bislang einzigen Platte, dessen Motiv aus gutem Grund auch das Tourplakat ziert, passt vortrefflich zum Gesamtauftritt des Duos. Die beiden sitzen auf dem Fußboden, angelehnt an ein Sofa, und schauen ins Off. Sonja Glass bläst einen Kaugummiballon, der bald zu platzen droht. Man muss BOY einfach mögen.
Denoch hat die Band ein Problem, das der zweiten Platte. Man darf gespannt sein, ob sie nach ihrem erfolgreichen Debut „Mutual Friends“ etwas ähnlich Gelungenes nachlegen können. Es ist ihnen zu wünschen.
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Die schwierigsten Kundenfragen in meinem zwanzigjährigen Buchhändlerleben betrafen immer Bertolt Brecht – wo ist dieses Gedicht zu finden, in welchem Band steht jenes Stück, wo diese Erzählung? Es war die Zeit der Papierrecherche, des „Verzeichnis Lieferbarer Bücher“, VLB, in mehreren Bänden. Internet gab es noch nicht und das VLB nannte nur die Titel der Bücher, nicht aber deren Inhaltsverzeichnis. Kurz, es war eine ewige Sucherei, wenn man seinen Brecht nicht im Kopf hatte. Ich war froh als ich in der Buchhandlung irgendwann nur noch mit Krimis und Comics zu tun hatte – da blieben mir die elenden Brecht-Fragen erspart.
Das änderte sich, als ich anfing bei Suhrkamp zu arbeiten, dem Verlag Bertolt Brechts. Dann kamen sie wieder, die Brecht-Fragen. Jetzt stammten sie aber von Buchhändlern, die mit denselben Fragen der Kunden konfrontiert waren wie ich in meiner Zeit als Buchhändler. Und doch war es bei Suhrkamp ungleich einfacher, diese Fragen zu beantworten. Bei Suhrkamp gab es ein Brecht-Lektorat, und das wurde geleitet von Wolfgang Jeske, dem „Stellvertreter Brechts auf Erden“, wie ich ihn bald für mich nannte. Wolfgang Jeske hatte seinen Brecht im Kopf, er hat die 30-bändige Brecht-Ausgabe betreut. Viele telefonische Fragen nach versteckten Brecht-Texten beantwortete ich dann auch mit: „Einen kleinen Moment bitte, ich verbinde Sie mit dem Stellvertreter Brechts auf Erden.“ Immer wurden die Fragen schnell und korrekt beantwortet. Wenn er etwas nicht auf Anhieb wusste, was selten vorkam, versprach er zügigen Rückruf. Dieser ließ nie lange auf sich warten.
Wolfgang Jeske war ein kleiner, schmächtiger Mann mit schütterem Haar. Er trug immer dunkle Stoffhosen, Hemd und Strickweste. Darin wirkte er, als müsse er noch reinwachsen. Bei offiziellen Anlässen kleidete er sich auch mal mit seinem grauen Anzug. Auch dieser war ihm zu groß. Man hatte Angst, Wolfgang Jeske könnte eines Tages immer weniger werden und verschwinden, einfach so. Aber Wolfgang Jeske war stets präsent, sei es als Brecht-Lektor, als Betriebsrat, dem er all die Jahre angehörte, in denen ich bei Suhrkamp arbeitete oder als Verwalter der Sozialkasse des Verlags. Im November versäumte er es nie, die Kolleginnen und Kollegen per Aushang auf eventuell noch einzureichende Arztrechnungen hinzuweisen bevor diese verfielen. Kurz, Wolfgang Jeske kümmerte sich um seine Kolleginnen und Kollegen und diese mochten und schätzten ihn.
Morgens konnte man ihn oft vor dem Eingang treffen, neben sich den karrierten Einkaufstrolley mit dem er seine Arbeitsunterlagen transportierte. In der Hand die unvermeidliche Zigarette, die noch zu Ende geraucht werden musste, bevor er den Verlag betrat. Freundlich schenkte er jedem zur morgendlichen Begrüßung sein verschmitztes Lächeln.
Gut kann ich mich erinnern, wie Jeske mir einst die berühmte Bibliothek im Keller der Unseld Villa in der Frankfurter Klettenbergstraße zeigte. Hier standen sie alle, die Bücher die der Verlag im Laufe seiner Geschichte publiziert hatte, in jeder Ausgabe und immer in der Erstauflage. Tausende Bände in großen Rollregalen, das Gedächtnis des bedeutendsten Verlages der deutschen Nachkriegsgeschichte. Niemand, außer Siegfried Unseld, kannte diese Bibliothek besser als Wolfgang Jeske und seine Augen leuchteten als er sie mir zeigte. Hier hatte er Monate und Jahre zugebracht um für das fünfzigste Jubiläum des Verlags im Jahre 2000 die Suhrkamp Bibliographie zu betreuen und zu bearbeiten. Fünfzig Jahre Suhrkamp-Geschichte in einem Band, ein Schatz und ein unverzichtbares Nachschlagewerk, dass es jedem Buchhändler ermöglichte auch noch entlegenste Brecht-Texte zu finden. Dieses Werk war Wolfgang Jeskes Verdienst und wir nannten die Bibliographie bald nur noch den „Großen Jeske“. Diese umfassende Bibliographie ist erst zwei Jahre nach dem 50. Jubiläum des Verlages erschienen, am 21.10.2002. Fünf Tage später starb Siegfried Unseld. Noch im Sterbebett konnte der Verleger sein Vermächtnis, die Bibliographie seines Lebenswerkes, in Händen halten. Ein größeres Geschenk hätte Wolfgang Jeske dem sterbenden Verleger nicht machen können.
Als der Verlag Anfang 2010 von Frankfurt nach Berlin zog, folgte ihm Jeske. In der letzten Zeit arbeitete er im Pressearchiv des Verlags. Über dreißig Jahre hat Wolfgang Jeske für den Suhrkamp Verlag und Bertolt Brecht gearbeitet, mehr als die Hälfte seines Lebens.
Am 11. Februar 2012 ist Wolfgang Jeske unerwartet in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Er wurde sechzig Jahre alt.
Der Artikel erschien unter dem Titel – „Brecht`s Deputy on Earth“: Wolfgang Jeske in Memoriam – in The Brecht Yearbook 37, The International Brecht Society, University of Wisconsin Press 2012
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David Byrne ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Endfünfziger ist Musiker, ehemals Mastermind der Talking Heads, Produzent und bildender Künstler. Diese Tätigkeiten führen ihn rund um die Welt, zu Konzerten und Ausstellungen. Und er ist Flaneur, ein moderner Flaneur, einer mit dem Fahrrad. Byrne ist leidenschaftlicher Radfahrer und so hat er sein Faltrad auf allen seinen Reisen in die Metropolen der Welt dabei.
Er nimmt uns unter anderem mit nach Berlin, New York, Manila, San Francisco, London, Sydney, er fährt Rad in Städten, in denen das sonst niemand tut, wie z. B. in Istanbul und Buenos Aires. Seine Begründung ist einleuchtend: […] ich schätze die Fahrradperspektive und die Freiheit offenbar mehr, als mir klar ist. Ich bin süchtiger, als ich mir eingestehe (S. 163). Auf all diesen Erkundungsfahrten tut er das, was ein Flaneur so tut – er beobachtet und denkt nach. Diese Gedanken und Beobachtungen hat er jetzt aufgeschrieben und so ist David Byrnes Buch „Bicycle Diaries“ voll mit seinen Erkenntnissen zu Architektur, Stadtplanung, Gentrifizierung, Verkehr und natürlich Kunst und Musik. Das sind keine revolutionären, nie gehörte Gedanken, aber es sind Gedanken, die vielleicht nur ein Radfahrer haben kann. Der Radfahrer ist aufmerksamer, sieht mehr und nimmt mehr wahr, als Autofahrer mit ihrem begrenzten Blick. Des Radfahrers Nase umweht der Wind der Freiheit. So bleibt auch der Kopf frei.
Natürlich kann man Byrne nur zustimmen, wenn er in Istanbul das Verschwinden ganzer Stadtviertel mit ihren Holzbauten zugunsten „moderner“ Bauten im Stil einer „globalen Architektur“ beklagt. Einer Architektur, die auf lokale und historische Gegebenheiten keine Rücksicht nimmt und die überall auf der Welt anzutreffen ist. Ebenso spendet man leise Applaus, wenn er, angesichts des Niedergangs der Stadt Detroit und der Krise des Autokonzerns General Motors, empfiehlt, das komplette Management gegen Manager aus Japan und Korea auszutauschen – die wüssten wenigstens, wie man sparsame Autos baut.
In Buenos Aires trifft Byrne, nicht unerwartet, auf dasselbe Phänomen wie in New York und vielen anderen Metropolen der Welt – Gentrifizierung. Leute mit kleinen Einkommen, Künstler, ziehen in die Vorstädte, weil sie die steigenden Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr aufbringen können. Und natürlich begegnet ihm der Tango, dem im Buenos Aires Kapitel naturgemäß viel Platz eingeräumt wird. Und ihm begegnet der Fußball, indirekt. Im Fernsehen läuft das WM Spiel Mexiko gegen Argentinien – und so hat Byrne für eine gewisse Zeit die Stadt fast für sich alleine.
Man fragt sich was, um alles in der Welt, jemand veranlassen könnte, nach Australien zu reisen, wenn man Byrne nach Sydney folgt und seinen Schilderungen der feindlichen Flora und Fauna des Landes, die ihn daran erinnert, dass die Menschen der Natur schnuppe sind (S. 208). Nicht so David Byrne, nach vielen Besuchen hat er den Kontinent lieben gelernt, nicht zuletzt deshalb, weil es sich in seinen Städten so trefflich Radfahren lässt.
Berlin scheint Byrnes Fahrradparadies zu sein. Er ist entzückt von den vielen Radfahrern, den guten Radwegen und der Disziplin und Rücksichtnahme, die Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer aufbringen. Selbst an roten Ampeln blieben alle stehen. Jeder, der schon mal in Berlin Rad gefahren ist, weiß, dass dem nicht so ist. Aber vielleicht entsteht dieser Eindruck, wenn man meist in New York mit dem Rad unterwegs ist. Es sei ihm verziehen. Verglichen mit den anderen Metropolen der Welt, in denen David Byrne mit dem Rad unterwegs war, ist Berlin wahrscheinlich schon so etwas wie ein Fahrradparadies. Verzeihen wollen wir ihm auch, dass er aus dem, mittlerweile abgerissenen, Palast der Republik das Hauptquartier der SED macht und ihn auch gleich noch an den Alexanderplatz verlegt.
Das letzte Kapitel ist David Byrnes Wohnort New York gewidmet, einer Stadt, die sich langsam für Radfahrer öffnet. Immer mehr Radwege werden angelegt und immer mehr New Yorker nutzen das Rad, nicht nur die wagemutigen Fahrradkuriere. Byrne hat für seine Stadt verschiedene Fahrradständer entworfen, immer entsprechend dem Ort, an dem sie aufgestellt werden sollen. Ein solcher Ständer in Form eines Damenschuhs steht z. B. vor einem Luxuskaufhaus, für Greenwich Village hat er einen gitarrenförmigen entworfen, für die Bowery eine Flasche. Alle sind Unikate, kleine Kunstwerke, die das Image des Fahrrads verbessern helfen.
Im Epilog beschäftigt sich der Autor noch mit der Zukunft des Verkehrs, die er naturgemäß im Fahrrad sieht. Er führt unter anderem positive Beispiele aus aller Welt an, in denen sich Städte, wie z. B. Bogotá oder auch Paris bewußt für eine Förderung des Radverkehrs entschieden haben, mit guten Erfolgen.
Byrne fährt nicht Rad, weil es ökologisch und vernünftig ist, sondern hauptsächlich, weil es mir ein berauschendes Gefühl von Freiheit vermittelt (S. 330). Und: Es ist das befreiende Gefühl – das physische und psychische Empfinden -, das überzeugender ist als jedes praktische Argument. Allein die Perspektive, die der Höhe von Fußgängern, Straßenverkäufern und Schaufenstern entspricht, verbunden mit einer Fortbewegungsweise, bei der man sich nicht ganz vom Straßenleben ausgenommen fühlt, ist pures Vergnügen (S. 349). David Byrne ist also Radfahrer aus Vergnügen und daher kommt sein Buch auch ohne jeden moralischen Zeigefinger aus.
Es macht Spaß mit David Byrne durch die Metropolen der Welt zu radeln und seinen wachen, witzigen und klugen Gedanken zu folgen, den Gedanken eines Flaneurs, eines Flaneurs auf dem Fahrrad.David Byrne, Bicycle Diaries, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
































































































