Mit ca. 25000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Blockupy-Demonstration vom 19. Mai 2012 die seit Jahrzehnten größte Demo in Frankfurt am Main.
Kategorie: Stadt
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David Byrne ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Endfünfziger ist Musiker, ehemals Mastermind der Talking Heads, Produzent und bildender Künstler. Diese Tätigkeiten führen ihn rund um die Welt, zu Konzerten und Ausstellungen. Und er ist Flaneur, ein moderner Flaneur, einer mit dem Fahrrad. Byrne ist leidenschaftlicher Radfahrer und so hat er sein Faltrad auf allen seinen Reisen in die Metropolen der Welt dabei.
Er nimmt uns unter anderem mit nach Berlin, New York, Manila, San Francisco, London, Sydney, er fährt Rad in Städten, in denen das sonst niemand tut, wie z. B. in Istanbul und Buenos Aires. Seine Begründung ist einleuchtend: […] ich schätze die Fahrradperspektive und die Freiheit offenbar mehr, als mir klar ist. Ich bin süchtiger, als ich mir eingestehe (S. 163). Auf all diesen Erkundungsfahrten tut er das, was ein Flaneur so tut – er beobachtet und denkt nach. Diese Gedanken und Beobachtungen hat er jetzt aufgeschrieben und so ist David Byrnes Buch „Bicycle Diaries“ voll mit seinen Erkenntnissen zu Architektur, Stadtplanung, Gentrifizierung, Verkehr und natürlich Kunst und Musik. Das sind keine revolutionären, nie gehörte Gedanken, aber es sind Gedanken, die vielleicht nur ein Radfahrer haben kann. Der Radfahrer ist aufmerksamer, sieht mehr und nimmt mehr wahr, als Autofahrer mit ihrem begrenzten Blick. Des Radfahrers Nase umweht der Wind der Freiheit. So bleibt auch der Kopf frei.
Natürlich kann man Byrne nur zustimmen, wenn er in Istanbul das Verschwinden ganzer Stadtviertel mit ihren Holzbauten zugunsten „moderner“ Bauten im Stil einer „globalen Architektur“ beklagt. Einer Architektur, die auf lokale und historische Gegebenheiten keine Rücksicht nimmt und die überall auf der Welt anzutreffen ist. Ebenso spendet man leise Applaus, wenn er, angesichts des Niedergangs der Stadt Detroit und der Krise des Autokonzerns General Motors, empfiehlt, das komplette Management gegen Manager aus Japan und Korea auszutauschen – die wüssten wenigstens, wie man sparsame Autos baut.
In Buenos Aires trifft Byrne, nicht unerwartet, auf dasselbe Phänomen wie in New York und vielen anderen Metropolen der Welt – Gentrifizierung. Leute mit kleinen Einkommen, Künstler, ziehen in die Vorstädte, weil sie die steigenden Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr aufbringen können. Und natürlich begegnet ihm der Tango, dem im Buenos Aires Kapitel naturgemäß viel Platz eingeräumt wird. Und ihm begegnet der Fußball, indirekt. Im Fernsehen läuft das WM Spiel Mexiko gegen Argentinien – und so hat Byrne für eine gewisse Zeit die Stadt fast für sich alleine.
Man fragt sich was, um alles in der Welt, jemand veranlassen könnte, nach Australien zu reisen, wenn man Byrne nach Sydney folgt und seinen Schilderungen der feindlichen Flora und Fauna des Landes, die ihn daran erinnert, dass die Menschen der Natur schnuppe sind (S. 208). Nicht so David Byrne, nach vielen Besuchen hat er den Kontinent lieben gelernt, nicht zuletzt deshalb, weil es sich in seinen Städten so trefflich Radfahren lässt.
Berlin scheint Byrnes Fahrradparadies zu sein. Er ist entzückt von den vielen Radfahrern, den guten Radwegen und der Disziplin und Rücksichtnahme, die Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer aufbringen. Selbst an roten Ampeln blieben alle stehen. Jeder, der schon mal in Berlin Rad gefahren ist, weiß, dass dem nicht so ist. Aber vielleicht entsteht dieser Eindruck, wenn man meist in New York mit dem Rad unterwegs ist. Es sei ihm verziehen. Verglichen mit den anderen Metropolen der Welt, in denen David Byrne mit dem Rad unterwegs war, ist Berlin wahrscheinlich schon so etwas wie ein Fahrradparadies. Verzeihen wollen wir ihm auch, dass er aus dem, mittlerweile abgerissenen, Palast der Republik das Hauptquartier der SED macht und ihn auch gleich noch an den Alexanderplatz verlegt.
Das letzte Kapitel ist David Byrnes Wohnort New York gewidmet, einer Stadt, die sich langsam für Radfahrer öffnet. Immer mehr Radwege werden angelegt und immer mehr New Yorker nutzen das Rad, nicht nur die wagemutigen Fahrradkuriere. Byrne hat für seine Stadt verschiedene Fahrradständer entworfen, immer entsprechend dem Ort, an dem sie aufgestellt werden sollen. Ein solcher Ständer in Form eines Damenschuhs steht z. B. vor einem Luxuskaufhaus, für Greenwich Village hat er einen gitarrenförmigen entworfen, für die Bowery eine Flasche. Alle sind Unikate, kleine Kunstwerke, die das Image des Fahrrads verbessern helfen.
Im Epilog beschäftigt sich der Autor noch mit der Zukunft des Verkehrs, die er naturgemäß im Fahrrad sieht. Er führt unter anderem positive Beispiele aus aller Welt an, in denen sich Städte, wie z. B. Bogotá oder auch Paris bewußt für eine Förderung des Radverkehrs entschieden haben, mit guten Erfolgen.
Byrne fährt nicht Rad, weil es ökologisch und vernünftig ist, sondern hauptsächlich, weil es mir ein berauschendes Gefühl von Freiheit vermittelt (S. 330). Und: Es ist das befreiende Gefühl – das physische und psychische Empfinden -, das überzeugender ist als jedes praktische Argument. Allein die Perspektive, die der Höhe von Fußgängern, Straßenverkäufern und Schaufenstern entspricht, verbunden mit einer Fortbewegungsweise, bei der man sich nicht ganz vom Straßenleben ausgenommen fühlt, ist pures Vergnügen (S. 349). David Byrne ist also Radfahrer aus Vergnügen und daher kommt sein Buch auch ohne jeden moralischen Zeigefinger aus.
Es macht Spaß mit David Byrne durch die Metropolen der Welt zu radeln und seinen wachen, witzigen und klugen Gedanken zu folgen, den Gedanken eines Flaneurs, eines Flaneurs auf dem Fahrrad.David Byrne, Bicycle Diaries, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
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Der Frankfurter Autofahrer (im weiteren Verlauf FA genannt) ist, wie alle anderen Autofahrer auch, ein eigenwilliges Wesen. Auffallend ist die ausgeprägte Abneigung des FA, den Blinker zu benutzen. Geschätzte 80% aller FA halten es für überflüssig die anderen Verkehrsteilnehmer zu informieren ob sie an der Kreuzung abbiegen wollen oder nicht. Vielleicht ist es zu anstrengend, den Blinker zu betätigen, vielleicht ist gerade keine Hand frei, wer weiß. Möglicherweise ist die Blinkunwilligkeit aber auch durch das ausgeprägte Einbahnstraßensystem in Frankfurt begründet, das oft keine Wahl lässt, als z.B. rechts abzubiegen. Wenn man sich aber, als Radfahrer etwa, freundlich erkundigt, ob die Karre keinen Blinker hätte, wird man gerne mit einem deftigen „Halt`s Maul du Arschloch“ bedacht. Aber auch das ist sicher keine spezielle Frankfurter Ausdrucksweise.
Es lässt sich aber nicht generell sagen, dass der FA nicht gerne blinkt. Das tut er sogar recht ausführlich und am liebsten auf allen 4 Kanälen. Das Warnblinksystem ist des FA liebstes Accessoire und wird bei allen sich bietenden Gelegenheiten genutzt. Beim regelwidrigen Parken auf Radwegen, Bürgersteigen oder in der zweiten Reihe etwa. Das heißt dann soviel wie „jaja, ich weiß, dass ich hier nicht stehen darf“, oder „bin gleich wieder da“ oder oft auch einfach nur „Obacht, ich stehe hier“. Auch kurz vor dem Wenden wird gerne die Warnblinkanlage betätigt, das bedeutet dann „Achtung, ich mache gleich was“.Dass der FA auch gerne beim Fahren telefoniert, und zwar ohne eine lästige Freisprechanlage, versteht sich fast schon von selbst und unterscheidet ihn nicht von Autofahrern andernorts. Eine fast schon sportlich zu nennende Leidenschaft entwickelt der FA, wenn es darum geht, noch eben bei Rot über die Ampel zu brettern. Die Fußgänger und Radfahrer werden schon beiseite springen. Im Bemühen, stets den direktesten Weg zu finden, erweist sich der FA als äußerst trickreich. Da wird dann schon mal abgebogen, wo dies verboten ist oder entgegen der Fahrtrichtung durch Einbahnstraßen gefahren. Der FA entwickelt also eine beachtliche kriminelle Energie, wenn er sich hinter das Steuer setzt. Aber auch das unterscheidet ihn nicht unbedingt von anderen Autofahrern anderswo.
Eines allerdings hat der FA allen Anderen voraus und das nutzt er intensiv – das Kennzeichen. Mit einem F und zwei weiteren Buchstaben lässt sich eine ganze Menge anfangen. Die am weitesten verbreitete Variante ist das F.FM. Dies ist freilich ähnlich originell wie das B.MW, mit dem jeder zweite hauptstädtische BMW Fahrer seine Karosse kennzeichnet. Im Falle eines Totalschadens ist dann aber wenigstens noch das Fabrikat ablesbar. Der FA ist ein überzeugter Vertreter der Spaßgesellschaft. Daher erfreut sich die Kombination F.UN großer Beliebtheit. Oft zu finden auf kleinen Fahrzeugen wie Smart, VW Beetle oder Mini Cooper. Die enorme Kriminalitätsrate Frankfurts spiegelt sich selbstverständlich auch in den Autokennzeichen wieder, F.BI. Das findet sich gerne an tiefergelegten 3er BMW oder auch an den SUV genannten Bürgerkriegsautos, die sich in Frankfurt, wie überall, großer Beliebtheit erfreuen. Dieses Kennzeichen kann der FA allerdings nicht uneingeschränkt genießen, der ungeliebte Nachbar aus Friedberg kann das nämlich auch, FB.I. Dass der Frankfurter gerne Sport treibt und sich fit hält, weiß jeder, der mal an einem sonnigen Tag einen Spaziergang am Main gemacht hat. Jogger, Radfahrer und Skater ohne Ende bevölkern die Uferpromenade. Auch für diese Begeisterung gibt es das entsprechende Kennzeichen, F.IT. Auch ernährungsbewusste Frankfurter, die sich natürlich auch fit halten, haben die Möglichkeit, ihre einfache Wahrheit per Kennzeichen zu kommunizieren, F.DH. Leider gibt es keine Möglichkeit für den FA, seine Anhängerschaft für die Eintracht per Autokennzeichen zu bekunden. Aber für den kleinen Bruder, den Bornheimer Zweitligaclub, geht das schon, F.SV. Ebenso wie für irgendwelche FC Vereine, F.CK, F.CB. Ansonsten kann der FA natürlich F.AN sein, von was auch immer. Auch politisch Interessierte kommen nicht zu kurz, allerdings ist die Auswahl hier naturgemäß eingeschränkt. Aber die Anhänger der liberalen Partei haben schon die Möglichkeit, sich zu outen, F.DP. Wer der untergegangenen DDR nachtrauert, kann dies mit einem F.DJ Kennzeichen bekunden, leider nicht in blau. Und wer gerne auch außerhalb Bayerns die dortige Lokalpartei wählen würde, ist mit einem F.JS prima bedient. Auch die Freunde einer mittlerweile verbotenen Nazipartei können unverfänglich ihre Präferenz demonstrieren, F.AP. Na gut, da wollen wir mal keine böse Absicht unterstellen. Dass der Frankfurter ein aufgeschlossener, unverklemmter Zeitgenosse ist, stellt er gerne durch folgende Buchstabenkombination unter Beweis: F.KK. Manchmal ist es dann allerdings doch bedauerlich, dass nur drei Buchstaben zur Verfügung stehen. Aber da ist der FA kreativ und begnügt sich mit der phonetischen Lösung, F.IK (auch möglich in den Varianten F.UK, F.IC, F.UC). Manchen geht diese so offen zur Schau gestellte Sinnesfreude allerdings zu weit. Sie plädieren für die Freiwillige Selbstkontrolle, F.SK. Was allerdings auch für eine langgediente Popband um Thomas Meineke stehen könnte. Ist allerdings unwahrscheinlich. Auch eine gewisse Selbstironie kann man dem FA nicht absprechen. Den örtlichen Gegebenheiten angepasste Kleinwagen werden gerne mit dem Kennzeichen F.LO ausgestattet. Märchenfreunde hingegen freuen sich, wenn sie die gute F.EE nach hause trägt. Manch FA bezieht sich gerne auf lokale Gegebenheiten, die naturgemäß außerhalb nicht zwingend nachvollziehbar sind. Die Hörer eines privaten Radiosenders können so beispielsweise ihre Vorliebe für flachste Musikunterhaltung durch ihr Kennzeichen öffentlich machen, F.FH. Die Nähe des eigentlichen Wahrzeichens der Stadt, des berühmten Flughafens, sowie der Sitz einer bedeutenden überregionalen Tageszeitung, findet natürlich auch ihren Widerhall im Straßenverkehr, F.LY und F.AZ.
Der größte Feind des Frankfurters ist der Offenbacher. Dessen Kennzeichen, OF, wird in der Regel mit „Ohne Führerschein“ interpretiert. Sollte Ihnen jedoch mal ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen F begegnen, dann raten wir zu äußerster F.ORSICHT!
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Sie sind aus unseren Städten nicht mehr wegzudenken, diese Zeichen der Kreativität und der Phantasie. Sie kleben auf Regenrohren, Telefonkästen, Verkehrsschildern oder Hauswänden und sind aus Papier, Klebefolie oder Filz gefertigt, oder werden über Schablonen gesprüht. Diesen oft rätselhaften Symbolen, Comics oder Slogans sind zwei Dinge gemein – sie sind vergänglich und sie transportieren die Frage „Wem gehört die Stadt?“. Die Künstler hinter diesen Werken sind unbekannt, selbst die großen „Stars“ der Szene, wie Banksy, legen größten Wert auf ihre Anonymität. Aber alle eint ihr Engagement für die Stadt als Lebensraum, ihre Kunst ist Ausdruck der Aneignung des städtischen Raums.
Wer durch die Stadt hetzt, zu Fuß, per Fahrrad oder gar mit dem Auto, wird diese flüchtigen Zeichen in der Regel übersehen. Für den Flaneur jedoch sind diese Ikonen der Urbanität Lohn und willkommener Anlaß innezuhalten.
Aber natürlich ist der Begriff von der Stadt als Museum im Zusammenhang mit Streetart völlig fehl am Platze. Museen haben die ehrenvolle Aufgabe zu sammeln, zu bewahren, zu archivieren und zu zeigen. Museen sind Bunker der Erinnerung und des Wissens. Streetart hingegen ist flüchtig, vergänglich und nicht konservierbar. Sie entzieht sich somit dem Zugriff der Museen. Die Stadt als Galerie wäre wahrscheinlich der treffendere Ausdruck, das klingt aber nicht so gut. Ich lasse es also wie es ist. Die Stadt als Museum – des Flüchtigen.
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Diese Ampelanlage steht nicht in der Nähe des Kanzleramtes, der amerikanischen Botschaft oder sonst einem gefährdetem Objekt. Nein, diese Ampelanlage mit der Überwachungskamera wurde unlängst an einem Fußgängerüberweg in Frankfurt Bornheim, Saalburgstraße / Berger Straße, installiert. Was läßt sich da überwachen? Die Bornheimer, die mittwochs oder samstags mit vollen Einkaufstaschen vom Wochenmarkt zurückkehren, oder die Ausgeh- und Amüsierwilligen, die in die Bars, Cafes, Apfelweinwirtschaften und Restaurants der oberen Berger Straße strömen. Wird man jetzt gefilmt, wenn man bei Rot die Straße kreuzt, während Kinder mit ihren Eltern darauf warten, dass die Ampel auf Grün schaltet. Obwohl man das besser unterläßt, lautstarke Verfluchungen seitens empörter Passanten sind einem im Sündenfall sicher. Vielleicht soll auch die Revolution überwacht werden, die dort gelegentlich ihren alten Hanomag parkt und die Ladefläche nutzt um klassenkämpferische Parolen zu skandieren. In englischen Städten wurden nach den kürzlich ausgebrochenen Krawallen Fotos von Beteiligten an öffentliche Monitorpranger gestellt. Diese Bilder wurden von Überwachungskameras im öffentlichen Raum aufgenommen. Erwartet man dergleichen auch in Frankfurt und will vorbereitet sein? Auszuschliessen ist, dass die Überwachungsanlage dazu dient, Autofahrer zu ermitteln, die trotz roter Ampel den Fußgängerübergang kreuzen (ein in Frankfurt recht weit verbreitetes Autofahrervergnügen). Dazu hätte die Obrigkeit eine Blitzanlage installieren müssen. Die freilich gibt es dort nicht.
Ich werde also fürderhin darauf achten, mich an dieser Fußgängerampel noch vorbildlicher als ohnehin zu verhalten. Eventuell öffne ich auch meine Einkaufstasche, um jeden noch verbleibenden Restverdacht auszuschliessen. Wir sind alle verdächtig.
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Diese Geschichte ist schon ein paar Jahre alt, einige Details stimmen nicht mehr. Das ist nicht so tragisch, tragischer ist, daß die Person, um die es hier geht, schon seit Monaten nicht mehr gesehen wurde. Wir machen uns Sorgen. Deshalb habe ich die Geschichte vom Jaja nochmal ausgebuddelt.
Der Jaja
Jeden Freitag, pünktlich um 18 Uhr 45, betritt der Jaja das Klabunt. Ich sitze am Tresen, trinke mein Wochenendbier und der Jaja setzt sich ebenfalls an den Tresen. Er tut dies nicht meinetwegen, er weiß gar nicht wer ich bin oder wie ich heiße. Es weiß auch niemand, wie der Jaja heißt.
Aber der Jaja weiß wie der Wirt heißt.
„Der Andreas soll ma widder runner komme“, so sprach der Jaja heute. „Runner“ ist ein Ort, an dem es einen Thomas gibt.
„Grüße vom Thomas, gell!“
Der Jaja ist Handlungsreisender in Sachen Grußübermittlung, ein Grußhausierer. Unverlangt, zuverlässig und pünktlich trägt er Grüße von oben nach unten und von unten nach oben. Jeden Freitag überbringt er Grüße vom Thomas für den Andreas. Die durchdringende Stimme, mit der er dies tut, steht in seltsamem Kontrast zu seiner traurigen Gestalt.
Der Jaja ist ein dünner Mann unbestimmten Alters, mit schütterem Haar und einer silberfarbenen Kassenbrille. Sommers trägt er eine kurze helle Stoffhose, die ehemals eine lange, sicher noch hellere Stoffhose war, sowie ein T-Shirt, das vor vielen Jahren mal neu war. Die kurze Hose offenbart dünne, krampfadrige Beine, die in Turnschuhen stecken. Was sich in dem Stoffbeutel befindet, den er stets bei sich trägt, weiß nur er alleine.
Den Namen der Wirtin des Klabunt kann sich der Jaja nicht merken. Sie ist schlicht „die Frau“ oder „die Scheffin“.
„Scheffin, isch trink heut ma `n Kaffee.“ Das ist nicht überraschend, der Jaja trinkt immer Kaffee, niemals Alkohol. Stets verlangt er auch nach mehr als dem einen, zum Kaffee gereichten, Keks. Es entgeht ihm dann auch nicht, wenn plötzlich, von Freitag zu Freitag, die Kekssorte gewechselt wurde.
„Des sinn aber annere als letztes Ma. Klaaner sinn se auch. Schmegge tun se abber genauso.“ So sitzt er dann zufrieden mit seinem Kaffee und seinen vier Keksen am Tresen und gibt hin und wieder ein deutlich vernehmbares „ja, ja“ von sich. So kam der Jaja zu seinem Namen.
Der Unterschied zwischen einem Profigrüßer wie dem Jaja und einem Amateur wie mir liegt auf der Hand. Der Profi lässt sich seine Dienste bezahlen.
„Scheffin, gibste mer ma zwei Euro!“
Das Klabunt ist auf diese freitägliche Forderung vorbereitet. Auf der Zapfanlage steht ein Puppenstubenbembel. Darin landet all das „rote Geld“, die Ein-, Zwei- und Fünfcentmünzen, die seltsamerweise auch in einem Wirtshaus anfallen. Manchmal verirrt sich auch eine größere Münze in den winzigen Bembel. Nach einem groben Überblick über den Ertrag stopft sich der Jaja zufrieden die handvoll Münzen in die Hosentasche und verlässt nach zwanzig Minuten das Lokal, nicht ohne die Ermahnung, der Andreas solle mal wieder runner komme. Der Kaffee und die Kekse gehen aufs Haus. Wie jeden Freitag.
Niemals käme der Jaja auf die Idee, an einem anderen Tag als dem Freitag die Grüße vom Thomas zu überbringen. Ich habe ihn schon an anderen Tagen am Klabunt vorbeigehen sehen. Nie hatte er auch nur einen Blick für das Wirtshaus übrig. Unbeirrt zog er seines Wegs.
Gerne wüsste ich wie viel Grüße der Jaja wöchentlich so übermittelt und wer die jeweiligen Absender und Empfänger sind. Manchmal sehe ich ihn, wie er das „China Bistro Fröhlich“ gegenüber vom Klabunt betritt. Wen grüßt er dort und von wem? Die Entlohnung dürfte aber auch im „China Bistro Fröhlich“ die selbe sein, zwei Euro, eine Tasse Kaffee und vier Kekse, so das „China Bistro Fröhlich“ Kekse zum Kaffee reicht. Vielleicht gibt es auch chinesische Glückskekse.
Auch ist mir nicht bekannt wann der Jaja beim Thomas die Grüße für den Andreas abholt. Aber wahrscheinlich erfolgt die Übergabe folgendermaßen:
„Der Thomas soll ma widder nuff komme. Grüße vom Andreas, gell!“ -
Seit einigen Tagen fahre ich ein bis zweimal täglich im Frankfurter Westend vorbei um in der Lindenstraße den Abriss des ehemaligen Suhrkamp-Hauses zu fotografieren. Das Wetter ist ideal, in der Regel scheint die Sonne – morgens auf die Straßenseite des Gebäudes, abends auf die Hofseite – und mit meiner Kompaktkamera gelingen einige akzeptable Aufnahmen. Eine Auswahl daraus erscheint täglich und kommentarlos bei dem Online-Magazin Glanz und Elend
Ich habe zehn Jahre in dem Gebäude gearbeitet und so ist es mehr als die pure Lust an der Ästhetik der Zerstörung, die mich dazu treibt, den Abriss dieses legendären Hauses fotografisch zu begleiten.
Dennoch ist es faszinierend zu beobachten wie sich der mächtige Kopf des Abrissdrachens in das Gebäude frisst, als seien die Wände aus Pappe. Ich habe dem Baggerdrachen einen Namen gegeben, den ich aber für mich behalte.
Natürlich lockt es mich, den Abriss auch aus dem Inneren des sterbenden Hauses zu fotografieren. Aber da steht dieses berühmte Schild „Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für Ihre Kinder“. Ich bin zu feige, dieses Verbot zu missachten.
Jemand anderes war hingegen nicht zu feige, wie dieses Foto vom 04.05. beweist.
Das steht ein Mann im Inneren des Gebäudes, zu sehen sind seine Beine und das Gestell eines Fotostativs. Der mutmaßliche Fotograf muss über das hintere Treppenhaus reingekommen sein, das vordere ist bereits abgerissen. Und so können wir hoffentlich auch irgendwann Bilder aus dem Inneren des schwer verletzten Suhrkamp-Hauses sehen.Nachdem die Fotos mittlerweile, verabredungsgemäß, von der Glanz und Elend Seite entfernt wurden, oder irgendwo im Archiv gelandet sind, zeige ich sie hier für unbegrenzte Zeit.
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Mein samstäglicher Einkaufsspaziergang führte mich nur zum mittleren Bio-Supermarkt. Für den unteren war das Wetter zu unfreundlich, 5°C, Nieselregen. Kein verlockendes Spazierwetter und der Gang zum unteren und retour kostet mich ca. 75 Minuten. Das erschien mir bei diesem Wetter zu lang. Der Weg zum mittleren benötigt etwa die Hälfte der Zeit. Es gibt noch einen oberen Markt, doch die Strecke dorthin ist zu kurz um als Spaziergang gelten zu können.
Auf meinen Einkaufsspaziergängen versuche ich stets zu vermeiden, den selben Weg zurück zu gehen, den ich auch für den Hinweg gewählt habe. Und so kam es, daß ich die Revolution gesehen habe – nein, zuerst habe ich sie gehört. Kurz vor der ehrenwerten Gaststätte Weida hörte ich laute, aber noch unbestimmte Musik aus Richtung Prüfling. Ich schaute nach Nordosten und sah die Revolution kommen, sie war alt und sah aus wie ein Karnevalsverein. Die Revolution war in einem alten, blauen Hanomag LKW aus dem Verkehrsmuseum unterwegs und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie die revolutionären Massen mit Bonbons beworfen hätte. Die Musik der Revolution von heute ist die selbe wie die der Revolution von damals – Das Solidaritätslied. Das unterscheidet die Revolution von einem Karnevalsverein. Auf der Pritsche des Hanomag standen nicht ganz so viele Personen wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo, es waren genau vier. Sie trugen rote T-Shirts mit der Aufschrift „Klassenkampf statt Weltkrieg“. Keine schlechte Alternative, wenn man keine andere hat. Die Pritsche des Hanomag wurde von vier roten Fahnen gesäumt, in jeder Ecke eine, geteilt wurde sie von einem Transparent mit der selben Forderung, die auch die roten T-Shirts zierte.
Das, vom Fußvolk gereichte, 4-seitige Flugblatt nahm ich gerne entgegen. Die Revolution firmiert demnach unter dem Namen „ARBEITS- UND KOORDINIERUNGSAUSSCHUSS der ersten Arbeiter- und Gewerkschafterkonferenz gegen den Notstand der Republik“ und setzt sich ein für eine „Welt der Arbeiter“. Immerhin, auf die Hilfe einer Marketingagentur hatte die Revolution verzichtet.
Und dann trennten sich auch schon unsere Wege. Die Revolution folgte der Saalburgstraße in Richtung Offenbach, ich folgte der Heidestraße in Richtung mittlerer Bio-Supermarkt.
Dort war es wie immer, Kinder fuhren mit den kleinen Einkaufswagen Rallye durch die Gänge, sofern diese nicht durch nachlässig abgestellte Einkaufswagen ihrer Eltern blockiert waren.
Der Rückweg führte mich über den samstäglichen Markt auf der Berger Straße am sog. „Uhrtümchen“. Auch dort war es wie immer, belebt und eng. Bei einem vertrauenswürdigen Bäcker kaufte ich ein großes Stück Streusselkuchen und bei der Kräutertante ein Tütchen Salbeibonbons, meiner Alltagsdroge. Die Revolution hatte mir diese ja vorenthalten. Eine blonde Frau verteilte Rosen und einen Flyer als Werbemaßnahme für einen Kosmetiksalon in Seckbach. Ich bekam keine, gehörte nicht zur Zielgruppe, ebenso wenig wie die alte Dame mit dem Rollator, deren Forderung „Isch will aach so e Roos“ ungehört verhallte.
Als ich mich durch die Massen auf dem Markt gekämpft hatte, stand ich an der Saalburgstraße plötzlich wieder vor ihr, der Revolution. Sie hatte den Hanomag dort geparkt, auf der Suche nach den Massen, denen ich gerade glücklicherweise entronnen war. Um diese zu locken wurden schlicht gereimte klassenkämpferische Parolen skandiert, die von unkoordiniertem Getrommel abgelöst wurden. Die Revolution kam aus dem Takt. Ich zeigte mein kürzlich erworbenes Flugblatt als Passierschein und erntete ein verschwörerisches Lächeln des revolutionären Fußvolks.
Froh, wieder Gehwege erreicht zu haben, auf denen sich spazieren ließ, setzte ich meinen Heimweg fort. Es begegneten mir noch ein paar Eintrachtfans, auf dem Weg, sich eine weitere Niederlage abzuholen.
„Vorwärts und nicht vergessen“ singend, packte ich zu hause meine Einkäufe aus. -
Gestern hab ich nachgesehen, wo Heppenheim liegt. Seit einiger Zeit liest man ja öfter von diesem Ort, aber ich wußte nicht so genau, wo er zu finden ist. Irgend jemand hatte bei Facebook oder Twitter geschrieben, dort gäbe es einen vortrefflichen Apfelwein. Mag sein, auch im Odenwald versteht man sich auf das Keltern. Zwischen Darmstadt und Heidelberg, an der Bergstraße, am Rande des Odenwaldes, liegt dieser Ort. Schöne Gegend. Zwei bemerkenswerte Sätze sind mir ins Auge gefallen: 1. „Im heimischen südhessischen Dialekt wird die Stadt auch Hepprum genannt.“ Hepprum ist schön, sehr schön. Ein Hoch auf unsere Dialekte. Nun würde mich interessieren, wie der gemeine Hepprumer seinen Energydrink nennt, der dort, neben dem Apfelwein, sicherlich in rauhen Mengen fließt. Bei der Neigung des Heppenheimers, mit seinem verfügbarem Wortschatz durch Verkürzung recht sparsam umzugehen, könnte so etwas wie „Brull“ rauskommen. „Geb mer noch n Brull“, so könnte es in diesen Tagen an den örtlichen Trinkhallen öfter zu vernehmen sein. Den Flachmann mit Wodka hat sich der Hepprumer von daheim mitgebracht. „Pur kammer des Zeuch ja net saufe“, da werden sich die Hepprumer einig sein. Es ist anzunehmen, das die Hepprumer sich gerne im örtlichen Bahnhof versammeln um Brull zu trinken. Und das mit gutem Grund, denn, 2. „Der Heppenheimer Bahnhof ist mit zwei InterCity-Verbindungen an das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn angeschlossen und neben Dieburg Südhessens modernster Kleinstadtbahnhof.“ Man kommt also schon irgendwie von Heppenheim nach Salzburg, wenn`s denn sein muß.
Ich könnte jetzt auch nachschauen, wo Dieburg liegt, denn moderne Bahnhöfe interessieren mich. Aber seit Stuttgart hat man ja eine Ahnung von dem, was unter modernen Bahnhöfen zu verstehen ist, Kellerräume in Käsereibenoptik.
Sehr modern gings am Wochenende auch in einem Golfstaat zu. Dort fuhren einige Männer mit schnellen Autos im Kreis herum. Einer davon stammte sogar aus Hepprum. Möglich, dass den Scheichs Wörter wie Hepprum sogar vertraut vorkommen. Die Strecke dort am Golf sah, obwohl oberirdisch, sehr modern aus und war direkt ans Wasser gebaut. Dort ankerten unzählige Luxusjachten, deren Eigner freien Blick hatten auf die Männer in den schnellen Autos. Vielleicht gab`s ja nach Ende des Rennens Frei-Brull für alle.
Ich bin auch Zug gefahren am Wochenende. Nach Mittelhessen, in einen Ort namens Odenhausen, mit dem Regionalexpress. Meine Familie lebt dort, es hat sich so ergeben. Die Bahnstrecke, die den Ort einst mit der Welt verband, ist schon seit vielen Jahren stillgelegt und der ehemalige Bahnhof dient mittlerweile einer zugezogenen Familie als Domizil. Sehr hübsch, mit Garten aussenrum, von mannshohen Hecken umgeben und nicht mehr an einer Bahnstrecke gelegen sondern an einem Radweg. Dort brettern jetzt an sonnigen Wochenenden hunderte Radler in bunten Klamotten durch den Ort. Es gibt keinen Grund, in Odenhausen anzuhalten, denn ausser einer Kirche hat der Ort nichts zu bieten, keine Kneipe, keinen Laden, nichts. Das soll sich im nächsten Jahr ändern, so ist zu hören. Dann kann der erschöpfte Radler seine Brullvorräte auch in Odenhausen auffüllen. Der Bach, der den Ort teilt, wird allerdings niemals als Liegeplatz für Luxusjachten geeignet sein.
Immer wenn ich nach Odenhausen fahre, bin ich auf Hilfe angewiesen. Man muß mich abholen, am Gießener Hauptbahnhof. Dieser ist mittlerweile, seit die Unterführung fertigestellt ist, auch ein moderner Bahnhof, wenn auch nicht unterirdisch. Ob der Gießener Bahnhof allerdings mit denen von Heppenheim oder Dieburg mithalten kann, bedürfte einer näheren Überprüfung.
Natürlich muß mich auch immer jemand von Odenhausen zum Gießener Bahnhof bringen, wenn ich wieder zurück fahren will. Mein Bruder erledigt das jedesmal klaglos. Aber an diesem Sonntag fuhr mich meine Schwägerin. Mein Bruder mußte dem Hepprumer in seinem schnellen Auto zuschauen. -
Für ein Buch über das Frankfurter Bahnhofsviertel, das in diesem Herbst im B3 Verlag erscheinen soll, wollte ich einen Beitrag zu einem Thema verfassen, das mir spannend erschien, die Rauchwaren- oder Pelzbranche.
Das Frankfurter Bahnhofsviertel war vor noch nicht allzu langer Zeit das Zentrum des internationalen Pelzhandels. Das Gewerbe war ein wichtiger Wirtschaftszweig und bedeutender Steuerzahler für die Stadt. Da ich einen dieser Pelzleute kenne, dachte ich an ein Portrait dieses Mannes, nennen wir ihn Schneider, der die Branche und ihre Geschichte kennt, wie nur wenige andere. Ich rief ihn an und ihm gefiel meine Idee. Einige Tage später holte ich Schneider in der Niddastraße ab und wir gingen in eine Pizzeria. Ich war kaum vorbereitet, hatte mir 2 – 3 Fragen notiert. Ansonsten wollte ich ihn reden lassen und Zwischenfragen stellen, die sich aus unserem Gespräch ergaben. Die Pelzbranche war mir ziemlich egal, und ich hatte auch nicht viel Ahnung von diesem Geschäft. Von Kampagnen seitens der Tierschutzbewegung gegen die Branche hatte ich gehört und wußte auch, daß die Pelzindustrie infolge dessen unter einem massiven Imageproblem litt.
Schneider und ich saßen ungefähr zwei Stunden zusammen und er erzählte sehr interessante Dinge aus seiner Welt. Ich machte mir jede Menge Notizen und ahnte, dass ich noch viel Recherchearbeit würde leisten müssen.
Mir war klar, das mein Text von Schneider freigegeben werden mußte, schließlich wird er und seine Firma namentlich erwähnt.
Ich hatte einiges Material angesammelt, fand aber keinen Einstieg in den Text. Mehrere Versuche verwarf ich und so langsam verfluchte ich mich, diesen Text angeboten zu haben. Dazu muß gesagt werden, daß ich kein schneller Schreiber bin. Ich brauche auch immer recht viel gedanklichen Vorlauf und strukturiere einen Text erst im Kopf, bevor ich ihn schreibe. Dieser Text nun sollte eine Reportage werden und damit hatte ich kaum Erfahrung. Es war Neuland. Aber irgendwann fand ich doch einen Einstieg in die Geschichte, der mir gefiel. Alle meine gesammelten Informationen brachte ich in dem Text unter und mit dem einen oder anderen Wortspiel war ich zufrieden. Die Dramaturgie des Textes schien mir halbwegs gelungen – aber noch hatte niemand außer mir den Text gelesen. Ich schickte die 3 Seiten an einen, im Umgang mit Texten versierten, Freund in München, mit der Bitte, sie zu lesen und mir seine Meinung zu sagen. Sein Urteil fiel wohlwollend aus. Bis auf einige wenige Korrekturen hatte er nichts daran auszusetzen. Ganz im Gegenteil, mein Text hatte ihm gefallen. Er fand ihn gut erzählt und hat ihn gerne gelesen. Das hat mich beruhigt und ich habe diese erste Fassung an Schneider geschickt.
Dann hörte ich einige Tage nichts von meinem Pelzmann, bis ich ihn anrief und um seine Meinung zu dem Text bat. Seine erste Reaktion war positiv, allerdings bat er um eine etwas wohlwollendere Darstellung seiner Branche. Die eine oder andere Formulierung war ihm zu negativ. Dabei hatte ich, meiner Meinung nach, eine möglichst neutrale Position eingenommen. Aber natürlich gibt es keine Objektivität in einem Text. Schneider hatte meinen Entwurf offensichtlich etlichen seiner Kolleginnen und Kollegen vorgelegt und wohl von manchen sehr negative Reaktionen erhalten. Von einem Kollegen wurde er gar als Verräter beschimpft. Ohne es zu wollen, hatte ich reichlich Staub aufgewirbelt. Schneider faxte mir ein Papier, das jemand aufgesetzt hatte um die Positionen der Pelzbranche deutlich zu machen. Das war hilfreich, zeigte aber auch eine gehörige Portion an Selbstmitleid. Die Branche fühlte sich von der Stadt vernachlässigt. Niemand hätte sie in Schutz genommen, als die Tierschützer ihre Attacken starteten.
Einige Tage später rief mich Schneider an, und bat mich, nochmal bei ihm in der Firma vorbeizukommen. Die Vorsitzende des Deutschen Pelzverbandes wolle mit mir sprechen. Ich war natürlich einverstanden, fand ein solches Treffen auch durchaus spannend. Am Telefon erinnerte ich Schneider aber daran, daß mein Text keine Auftragsarbeit für die Pelzbranche sei und ich auch nicht daran dachte, einen Werbetext zu schreiben. Das Treffen fand in der Firma Schneiders statt. Die Vorsitzende des Pelzverbandes war eine sympatische, smarte Frau. Ihr war offensichtlich daran gelegen, ihre Branche in einem guten Licht erscheinen zu lassen und diese Sicht auch in meinem Text wiederzufinden. Das ist ja auch ihr Job. Ich sagte auch ihr, dass mir die Pelzbranche eigentlich egal sei, formulierte es dann etwas freundlicher und nannte meinen Standpunkt neutral. Ein militanter Tierschützer sei ich ebenfalls nicht. Was mich interessieren würde, sei der Widerspruch auf kleinstem Raum – einerseits eine kriselnde Luxusbranche und andererseits das Elend der Süchtigen im Bahnhofsviertel. Und ich nannte die Möglichkeit, meinen Text auch entpersonalisieren zu können, so müsse er von Schneider nicht freigegeben werden. Allerdings hätte er dann auch keinen Einfluss mehr auf mein Schreiben. Wir unterhielten uns freundlich und einige Bemerkungen der Lobbyistin baute ich in meinen Text ein.
Einige Tage vor dem Abgabetermin schickte ich Schneider eine überarbeitete Fassung, mit dem Hinweis auf eine gewisse Dringlichkeit. Da ich mit meinem Text recht zufrieden war, mailte ich ihn einem befreundeten Stuttgarter Journalisten. Er lobte ihn und gab mir ein paar wertvolle stilistische Tipps. Eine Lektorin eines großen Frankfurter Verlages las die Geschichte ebenfalls, fand sie interessant und gab mir auch einige wichtige Hinweise. Es war ein erstes Lektorat.
Von Schneider hörte ich jedoch nichts und rief ihn zwei Tage vor dem Abgabetermin an.
Wir telefonierten mindesten eine halbe Stunde und gingen den Text Satz für Satz durch. Er hatte plötzlich viele Änderungswünsche, auch Stilfragen betreffend. Einige seiner Wünsche hätten die Dramaturgie meines Textes zerstört. Es wurde sehr deutlich, daß Schneider sein Gewerbe nur im allerbesten Lichte dargestellt sehen wollte. Am liebsten wäre ihm auch gewesen, wenn ich die umstrittenen Praktiken der radikalen Tierschutzvereinigung PETA kritisiert hätte. Das war aber nicht mein Thema.
Ich sagte, ich würde mir seine Anregungen überlegen, merkte aber, daß mir diese Einflussnahme zu weit ging. Mein Text wäre butterweich geworden, mal abgesehen von der zerstörten Dramaturgie, und tatsächlich sowas wie ein Werbetext.
Nach einem Tag des Nachdenkens, habe ich mich dazu entschlossen, den Text neu zu schreiben und komplett zu entpersonalisieren. Das tat mir leid, war Schneider doch der rote Faden, der durch die Geschichte geführt hat. Auch das eine oder andere Wortspiel, auf das ich ein bißchen stolz war, funktionierte in einer entpersonalisierten Fassung nicht mehr. Ich schrieb meinen Text am Abgabetag komplett neu, konnte allerdings einige wenige Stellen des Ursprungtextes verwenden.Der Herausgeber zeigte sich mit dem Text zufrieden. Na also.
Nachtrag: Habe mit Schneider telefoniert. Er scheint froh zu sein, daß er raus ist aus der Geschichte. Kriegt aus seiner Branche reichlich Gegenwind. Offensichtlich ging die 1. Fassung meines Textes bei seinen Kollegen von Hand zu Hand. Schneider wird als Nestbeschmutzer beschimpft, der eine Branche, die wieder einen leichten Silberstreif am Horizont zu erkennen glaubt, in den Dreck redet. Alles Blödsinn natürlich, das hat er nie getan. Ich habe ihm meinen Text versprochen, sobald er lektoriert ist. Mal sehen, was noch alles passiert.






















































































































































































































































































































































































